über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Mama-sein mit Gehbehinderung

Mama-sein mit Gehbehinderung

Seit vielen Jahren kann ich nicht mehr normal laufen. Ich kann gehen, aber nicht rennen. Ich kann auch weite Strecken laufen, aber mit Stock. Ich habe oft Schmerzen, weil meine Nerven geschädigt sind. Ich kann nicht auf natürliche Weise ein Kind zur Welt bringen. Ich brauche einen Kaiserschnitt. Und trotzdem konnte ich problemlos ein Kind in meinem Bauch heranwachsen lassen (was für ein Wunder, oder?!) und werde es auch schaffen, es groß zu ziehen. Ohne Hilfe wäre es allerdings schwer. Mein Mann nimmt mir viel ab, erinnert mich am Tag X Mal daran, nicht so schwer zu heben, mich nicht so lange hinzuknien, mich mal hinzusetzen, … Ich übertreibe es nämlich gerne mal. Aber alles in allem funktioniert „Kinder haben“ besser, als ich es vor und während der Schwangerschaft gedacht hatte.

Als ich schwanger war, habe ich viel recherchiert, wie das so funktionieren könnte mit Kind und Gehbehinderung. Ich habe nach Erfahrungsberichten gesucht, nach Alltagshilfen und nach Tipps. Wirklich gefunden habe ich nichts. Es gab ein paar Berichte über Rollstuhlfahrerinnen und Vorrichtungen, mit denen auch Rollstuhlfahrer_innen Kinderwägen schieben können. Aber auch in diesem Bereich gab das Internet nicht viel her.

Jetzt kann ich selbst berichten, wie das so funktioniert mit einer Gehbehinderung und einem Kind. Viele meiner Sorgen waren unbegründet, aus einem einfachen Grund: Man wächst über sich hinaus.
Viele meiner Vorstellungen wurden nicht erfüllt: Mein Kind ist auch nur ein Kind. Wenn es müde ist, will es getragen werden.

Kinder können sich erst mit circa vier Jahren in jemand anderen hineinversetzen. Davor sind sie dazu schlicht nicht fähig, also kann man es auch nicht erwarten. Aber man kann das Setting so gestalten, dass das Kind weiß, was geht und was nicht geht.

Alltagshilfen: Der richtige Kinderwagen

Normalerweise benutze ich bei längeren Strecken einen Stock. Ein Kinderwagen sollte also so stabil sein, dass er den Stock ersetzen kann. Denn Stock und Kinderwagen gleichzeitig zu managen, ist kompliziert. Beim Kauf des Kinderwagens bin ich deshalb in eines von diesen riesen Kindergeschäften und habe mich durch sämtlich Modelle probiert. Ich habe nach einem gesucht, bei dem ich mich aufstützen kann, ohne dass er vorne nach oben kippt. Es gab da wirklich Unterschiede, bei vielen war der Schwerpunkt so weit vorne, dass es immer nach oben kippte.

Die Wahl fiel dann auf den einzigen, bei dem das nicht passierte (ein ABC Modell, [Werbung, unbezahlt, alles selbst gekauft]). Das kauften wir dann gebraucht und es funktionierte gut. Wir wechselten dann trotzdem das Modell mit dem Verabschieden der Babyschale, aus verschiedenen Gründen. Die ersten Monate akzeptierte die Tochter den Kinderwagen jedoch kaum. Da ging nur Tragetuch, und mit dem geringen Gewicht konnte ich sie da auch noch gut tragen, wenn ich am Stock ging. Es war zwar anstrengend, aber wie ich oben geschrieben habe: Man wächst über sich hinaus. Als sie dann sitzen konnte und mehr sehen konnte, wurde der Kinderwagen besser angenommen. Und heut sitzt sie sehr gerne drin.

Heute fahren wir einen Jogger, der ziemlich schwer und wuchtig ist, aber auch die Eigenschaft besitzt, dass ich mich aufstützen kann (einen TFK Joggster Twist[Werbung, unbezahlt, alles selbst gekauft]) und vor allem ein riesen Plus hat: Er hat eine Handbremse. Die brauche ich, wenn es bergab geht. Es war gar nicht so leicht, einen Buggy mit Handbremse zu finden. Mit dem Joggster bin ich super happy, mein Mann schimpft manchmal, dass er sich schlecht lenken lässt. Die Tochter liebt ihn auch. Sie sitzt da wie in einer Höhle und hat viel Platz. Und man kann die Liegefläche ganz flach machen. Aber das sollte eigentlich keine Werbung für Kinderwägen werden, sondern ein Erfahrungsbericht. Also zurück zum Thema.

Verkehrstraining: Weglaufen verboten!

Worüber ich mir große Sorgen gemacht hatte, war das Verhalten im Straßenverkehr, wenn das Kind frei laufen kann. Denn ich kann nicht hinterherlaufen. Wenn meine Tochter auf die Straße laufen würde und es käme ein Auto, käme ich einfach nicht hinterher. Das war eine riesige Sorge.

Es gibt ja immer unterschiedliche Phasen, deshalb will ich hier nichts verschreien, aber bis jetzt (toitoitoi) macht sie das super. Sobald sie laufen konnte, fing ich mit Verkehrtraining an. Sie musste immer auf dem Bürgersteig oder auf der Seite der Straße gehen. Wenn ein Auto kommt, setzt sie sich an der Seite hin (!) und wartet, bis es vorbei ist. Da brauchen wir schon mal fünfzehn Minuten länger, wenn viel Verkehr ist. Aber besser so, als wenn sie unvorsichtig rumalbert.

Sie darf nicht alleine über die Straße gehen.

Weglaufen gibt es nicht, denn auch das wäre ein Problem. Eine kurze Phase hat sie es probiert. Wir haben dann darauf geachtet, nicht hinterher zu rennen, sondern sie (schon schnell, aber betont langsam, wenn wir in ihrem Sichtfeld waren) von vorne zu stoppen. So kommt nicht das Gefühl auf, dass sie gejagt wird, was ja der Initialzünder für das kindliche Weglaufen ist.

Wir spielen kein Fangen mit ihr, niemals. Auch mein Mann nicht. Woher soll sie wissen, wann das Fangen-Spiel ein Spiel ist, und wann es ernst ist und sie stehen bleiben muss?

Wenn ich „Stop“ rufe, muss sie stehen bleiben. Anders geht es nicht. Ab einem Alter von etwa drei Jahren sind Kinder kognitiv in der Lage zu verstehen, dass Fangen spielen am Spielplatz super ist, auf der Straße aber nicht. Und dann können sie so viel Fangen spielen, bis dem Papa die Puste ausgeht.

Ich habe darüber mal etwas interessantes gelesen. Kinder haben ja sehr feine Antennen und spüren im Tonfall der Eltern, ob ein Verbot jetzt wirklich ernst gemeint ist (Nein, du bekommst keinen Schluck Wein) oder man doch nochmal diskutieren könnte (Nein, du bekommst keinen Saft… Also eigentlich finde ich das jetzt nicht gut, aber …. ). Das gleiche funktioniert auch im Straßenverkehr. Wenn Eltern ihre Kinder rufen und gleichzeitig denken: „Ich hab das Kind jetzt gerufen, aber ich glaube eigentlich nicht, dass es wirklich stehen bleibt“, dann bleibt das Kind nicht stehen. Es bestätigt mit seinem Wegrennen die versteckten Sorgen seiner Eltern. Sie wandeln die unbewusste Mimik und Gestik in eine ebenfalls unbewusste Handlungsanweisung um. Wenn wir Eltern Klarheit haben, und darauf vertrauen, dass Kinder von Natur aus kooperieren wollen, funktioniert die Kommunikation mit ihnen sehr viel besser. Auch ohne Strafen und Drohungen.

Wie Eingangs erwähnt, habe ich mit dem Verkehrstraining angefangen, sobald sie laufen konnte. Mit einem Jahr orientieren sich die Kinder noch stark an den Eltern, ahmen nach und stellen nicht in Frage. Jetzt mit zwei Jahren oder auch mit dreien, sind sie in der Autonomiephase und hinterfragen gerne Regeln. Die Verkehrsregeln haben sich aber mittlerweile so fest eingeprägt, dass sie, obwohl die Tochter ihre eigenen Wege geht, eingehalten werden. „Wenn ein Auto kommt, muss ich an die Seite!“. Das hat sie schon immer so gemacht und behält es trotz Autonomiephase bei.

Immer an der Seite laufen!

 

Unterschiede bei Mama und Papa

Die Tochter weiß, dass ich sie nicht lange tragen kann. Trotzdem möchte sie gerne auf meinen Arm, wenn sie nicht mehr laufen kann. Ich nehme sie dann hoch und halte sie ein bisschen, wir kuscheln kurz und gehen vielleicht auch ein paar Schritte. Dann muss sie entweder in den Wagen oder beim Papa auf den Arm. Das klappt immer besser, aber auch erst seitdem sie etwa 1 1/4 Jahre ist. Davor konnte sie es nicht verstehen und es gab immer viele Tränen. Da bin ich schon dankbar, aus dem Baby-Alter hinaus zu sein und ihr solche Dinge erklären zu können.

Sie weiß, dass sie die Treppen hoch- und runter zur Wohnung bei mir laufen muss und beim Papa getragen wird. Wenn er sie mal nicht tragen will, gibt es Tränen. Bei mir kennt sie es nicht anders. Sie kommuniziert das auch in den verschiedensten Situationen. An der Treppe sagt sie: „[ihr name] swer, Mama Bei Aua“ (sie ist schwer, Mamas Bein tut weh). Zuhause bringt sie das Massageöl: „Mama Bei Deme“ (Creme für Mamas Bein), und beim Rausgehen („Mama dok“), denkt sie an Mamas Stock.

Für sie ist dieser Zustand normal. Normaler als für mich, denn ich bin ja doch 16 Jahre meines Lebens ganz „normal“ rumgelaufen. Mir tut die Dorf-Blase hier gut. Keiner guckt mehr, keiner starrt. (Außer die Katzen). Da fühle ich mich in Städten deutlich unwohler.

Starrende Katzen.

Für die Tochter bin ich einfach ihre Mama. Eben mit Stock. Und mit Aua am Bein. Und den Rest kriegen wir schon hin.



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