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Kindergarten und Schule in Spanien? Wir suchen nach Lösungen

Kindergarten und Schule in Spanien? Wir suchen nach Lösungen

In meinem Artikel letzte Woche über meinen Eindruck über den spanischen Kindergarten und die Schule hier im Dorf habe ich viele Nachrichten erhalten. Viele Eltern hatten auch in Deutschland ähnliche Probleme mit der Struktur der Eingewöhnung. In dörflichen Strukturen ist auch in Deutschland die Auswahlmöglichkeit nicht groß, und die Wege zu alternativen Einrichtungen sind weit. Doch oft sehen die Eltern keine Möglichkeit, denn beide müssen arbeiten und können dies nur in einem vom Arbeitgeber festgelegten Rahmen tun. Ich bin mir sicher, dass auch wir an diesem Punkt wären, wenn wir in Deutschland geblieben wären. Erst mit dem Umzug in fremde Gefielde haben wir uns getraut, Aufgaben außerhalb des „normalen“ Arbeitsmarkt anzustreben. Wir versuchen, die Arbeiten so anzunehmen, dass sie sich an unser Leben anpassen und wir unser Leben nicht an die Arbeit anpassen müssen. Das ist ein großes Privileg, aber es ist eben kein Glück, wie manche meinen, sondern es war unsere Entscheidung. Wir versuchen, die Rahmenbedingungen dafür so zu setzen, dass das klappt. Also günstiger Wohnraum, ein kostenloses gutes Lebensgefühl, was durch die Sonne gefördert wird und nicht durch Konsum und eine Gemeinschaft außenrum, in der wir uns wohl fühlen.

Verschiedene Ansichten von Förderung

Unser ungutes Gefühl für den Kindergarten bzw. die Vor-Schule hier im Dorf können wir also zulassen und uns Gedanken um Alternativen machen. Und da wäre erstmal die Frage, was wir uns für unser Kind für ein Bildungssystem wünschen:

Als Basis steht dort der sichere Raum, und die Gewissheit, dass Kinder liebevoll angenommen werden. Als eine Antwort auf meinen ersten Artikel kam, dass Kinder ja auch Grenzen brauchen und Kritik vertragen könnten. Das habe ich nicht abgestritten (wenn ich auch der Meinung bin, dass sie genug Grenzen auf ganz natürliche Art und Weise durch die Umwelt bekommen), aber ich denke nicht, dass sie dafür in einem Kindergarten „hart“ gemacht werden müssen. Unser Kind wird nicht über-behütet werden, weil es nicht in einen Kindergarten gehen soll, in dem ein festes Anpacken (sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne) als normal angesehen wird. In einem liebevollen Umfeld können die Kinder Wurzeln schlagen und wachsen.

Im Kindergarten sollte das freie Spielen im Vordergrund stehen. Und dabei ist der elementarste Raum, in dem dieses Spiel stattfinden sollte, die Natur.

„Der junge Mensch braucht seinesgleichen – nämlich Tiere, überhaupt Elementares: Wasser, Dreck, Gebüsche, Spielraum. Man kann ihn auch ohne dies alles aufwachsen lassen, mit Stofftieren, Teppichen, auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es, doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nicht mehr erlernt.“ – Alexander Mitscherlich, Psychoanalytiker

Die Natur bietet Kindern einen Reichtum für ihre Entwicklung, das sie in keinem künstlich hergestellten Rahmen vorfinden. Unzählige Sinneseindrücke warten auf die Kinder. Beim Spiel mit Wasser, Erde, Matsch stoßen Kinder auf Freiheit, Unmittelbarkeit, Widerstand und Bezogenheit. Sie erfahren Anreize, die sie für die Herausforderungen des Großwerdens wappnen. Auch wenn es immer mehr in Vergessenheit gerät, ist die Natur der natürliche Lebensraum der Menschen. Kein Wunder also, dass Kinder hier alles finden, was sie für ihre Entwicklung brauchen. (Darauf näher einzugehen, würde hier jetzt den Rahmen sprengen, aber ich werde bald in einer Kolumne mehr darüber schreiben.)

Gegen den Trend, dass Natur „schmutzig“ ist, und „drinnen spielen schöner ist, weil es dort Steckdosen gibt“, wie Kinder, die das nicht anders kennengelernt haben, verlauten lassen, gibt es immer mehr Waldkindergärten in Deutschland. Bei Wind und Wetter sind die Kinder in der Natur, mit einem Bauwagen als Rückzugsort und entdecken die Natur in ihrem Spiel. Eine herrliche Vorstellung, finde ich.

Abgesehen davon, dass es hier keinen Wald gibt, gibt es auch keine Naturkindergärten. Wie gesagt, hier sollen die Kinder möglichst früh Lesen, Schreiben und Rechnen nach einem festen Stundenplan lernen. Um „möglichst viele neuronale Verknüpfungen im kindlichen Gehirn anzuregen“, wie eine private Schule auf ihrer Homepage schreibt. Kinder können schneller eine zweite oder dritte Sprache lernen, wenn man sie fördert. Sie können auch schneller Fahrrad fahren, wenn man mit ihnen übt. Aber ein komplexer vernetztes Gehirn bekommen sie dadurch nicht. Um es mit den Worten des Neurobiologen Gerald Hüther zu zitieren:

„Kinder müssen mit ihrem Gehirn viel mehr lernen als das, was wir Erwachsenen gegenwärtig in unserem Kulturkreis für besonders wichtig halten und wofür wir sie durch unsere Bildungseinrichtungen hetzen. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, heißt es in einer alten Indianerweisheit. […] Für unsere Kinder […] heißt das, dass wir ihnen lediglich möglichst komplexe Erfahrungsräume zur Verfügung stellen können, innerhalb deren sie Gelegenheit finden, sich alles, was sie für ihr späteres Leben brauchen, selbst anzueignen.“

Alternativen zum Dorfkindergarten

Nehmen wir also den Kindergarten.

Welche Alternativen hätten wir hier in der Nähe zu unserem Dorfkindergarten? In einem Umkreis von einer halben Stunde Autofahrt gibt es noch zwei weitere Dörfer in denen wir uns die Einrichtungen ansehen können.

Und es gibt eine internationale Privatschule, bei der wir im September einen Besichtigungstermin ausgemacht haben. Mehr aus Neugierde, muss ich zugeben. Allein die Schulgebühren würden für uns eine unüberwindbare Hürde stellen. Auf der Homepage wird viel über das Entwicklungspotenzial geschrieben, dass beim Kind ab einem Alter von 4 Monaten geweckt werden soll. Die Schule wirbt damit, dass sie die Kinder ab diesem Alter bis zum Abitur optimal begleitet und zweisprachig bildet, in Englisch und Spanisch.

Vieles davon, was sie auf ihrer Homepage schreiben, gefällt mir gut. Zum Beispiel, dass sie in ihrer Vorschule viele Aktivitäten draußen in der Natur gestalten und schon bei den Kleinsten einen großen Wert auf Naturerfahrungen legen. Die Auslegung davon ist allerdings etwas anders, als wir uns das jetzt wahrscheinlich vorstellen. Ein Freund kennt die Schule und erzählte von Beton und Kies auf dem Schulhof – alles sehr sauber. Die Schule rühmt sich mit Montessori-„Ansätzen“, wie sie selbst sagt und bietet den Kleinen eine Fensterbank mit Pflanzen, wo sie auf Augenhöhe Pflanzen erleben dürfen. Allerdings sind es Plastikpflanzen. Nicht, dass noch was passiert.

Wie gesagt, für größere Kinder ist die Schule gar nicht so schlecht denke ich, aber die Kindergarten Zeiten von 08 Uhr bis 17 Uhr sind keine Option für uns und der strikte Lehrplan mit Benotung ab drei Jahren ist es auch nicht.

Wir entscheiden uns für Kindergarten-frei

Also gibt es erstmal keinen Kindergarten für unser Kind. Ein natürliches Umfeld für die Entwicklung des Kindes zu schaffen, ist für uns durch den großen Garten täglich machbar. Jetzt im Sommer ist es zu heiß, aber ab dem Herbst werden wir dort wieder täglich spielen, matschen, auf Bäume klettern und Abenteuer erleben. Zuhause gibt es Puzzles, Bücher, die jede Woche durch den Bücherei-Besuch wechseln und verschiedene Spielangebote, die immer wieder verändert werden und neu zum Spielen animieren.

Der Kontakt mit anderen Kindern ist ein wichtiger Aspekt, der ohne Kindergarten von uns organisiert werden muss. Einmal gibt es unsere deutsche Spielgruppe, zu der wir einmal die Woche gehen. Die Gruppe, die wir im Mai gegründet haben, wächst immer mehr zusammen. Es Ist immer sehr schön dort und ich freue mich, dass die Kinder miteinander wachsen (werden).

Außerdem habe ich den festen Plan, ab Herbst auch eine spanische Spielgruppe zu organisieren. Und dann sind da noch private Treffen mit anderen Familien und Kindern, die wir während der Woche organisieren. Im Moment ist das ausreichend. Bei größeren Kindergruppen scheint der Lärmpegel unser Kind zu stressen, sodass sie der Situation ausweicht und lieber von der Ferne aus zuschaut. Mit wachsendem Alter und dem vermehrten Wunsch, mit anderen Kindern zu spielen, werden wir nach Lösungen suchen und selbst aktiv werden. Viele Angebote für kleine Kinder gibt es nicht, daher würden sie sicher gerne angenommen werden, wenn wir etwas organisieren.

Und wenn sie mit vier oder fünf den Wunsch äußert, in den Kindergarten zu gehen, dann sind wir da auch nicht dagegen. Wir wollen sie nicht von der Kinder-Dorfgemeinschaft fernhalten, aber wollen sie zum „vorgesehenen“ Start mit Drei auch nicht drängen.

Wo wir schon beim nächsten Punkt sind:

 

Ein drängendes Dorf

Ich hatte im ersten Artikel schon erwähnt, dass die Dorfschule aus 24 Kindern mit den Altersstufen 3-12 besteht. Damit die Schule überlebt, brauchen sie quasi jedes Kind. Und so wurden wir schon bei unseren Ankunft damit begrüßt, wie gut das wäre, wenn wir hier blieben, denn dann hätte die Schule ein neues Kind.

Schon unsere Entscheidung, sie diesen Sommer nicht in die Sommer-Schule zu geben, stößt auf wenig Verständnis. Nicht, dass die Leute unsere Entscheidung irgendwie bewerten würden, aber sie verstehen sie einfach nicht. Die Schule ist doch kostenlos! Wie kann man sich dann dagegen entscheiden…

Es wird sicher schwer werden, wenn nicht gar unmöglich, den Leuten zu erklären, warum unser Kind nicht in die Vorschule gehen wird (wo sie doch kostenlos ist… ihr wisst schon). Ich denke, man kann das auch gar nicht erklären. Wir wollen auch niemanden hier kritisieren oder vor den Kopf stoßen. Spanier sind sehr stolze Menschen. Und wir haben mittlerweile das Gefühl, dass sie umso stolzer sind, je weniger sie eigentlich selbst überzeugt sind. Sie wissen also eigentlich, dass etwas nicht so gut klappt oder dass es hakt, aber es wäre absolut gegen ihren Stolz, das zuzugeben. Sie klammern sich umso fester daran fest.

Auch die Eltern sind zum Teil nicht von der Schule bzw. der Lehrerin begeistert, aber fragen trotzdem nach, wann unser Kind endlich in die Schule gehen wird. Sie stecken eben mitten drin und finden es zwar auch nicht unbedingt gut, aber finden keinen Weg heraus.

… und danach?

Bis die Entscheidung Schule bei uns ansteht, vergehen noch ein paar Jahre. Und da ist eine Dorfschule mit vielleicht vier Kindern pro Klassenstufe und deshalb stufenübergreifendem lernen sicher nicht die schlechteste Wahl. Aber auch hier hängt viel von den Lehrern ab. Mein Mann hatte dieses Halbjahr mit der Schule ein Projekt zum Anbau von Edelpilzen gemacht, daher konnten wir die Lehrer und die Schüler besser kennen lernen. Wirklich Schlüsse konnten wir daraus aber nicht ziehen.

Wir haben uns auch mit dem Thema Homeschooling beschäftigt, und sind auch von dieser Idee nicht abgeneigt. Durch verschiedene Lektüre über sowohl Home-Schooling als auch das reguläre Schulsystem (in Deutschland) sehen wir viele positive Aspekte an dieser Art des Lernens im Grundschulalter. In unserem Netzwerk hier gäbe es weitere Personen, die uns beim lehren unterstützen würden.

Ein Berliner Lehrer, der in zwei Jahren in Rente geht, möchte hier gerne ein Zentrum für freies Lernen aufbauen. Und im November kommt Besuch, der Interesse an einer freien Schule hier in der Gegend mitbringt. Also wer weiß, was sich da in den nächsten Jahre tut. Wir sind auch hier offen für Engagement, aber würden jetzt keine freie Schule von uns aus gründen.

Home-Schooling ist übrigens in Spanien erlaubt, weil Kinder einen Anspruch haben, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden. Da es keine deutsche Schule hier in der Nähe gibt, wäre das ein Grund für die Behörden, Home-Schooling zu erlauben.

Es ist nicht das gleiche wie die Freilerner-Bewegung, von der ich immer mehr lese in letzter Zeit:
Beim Home-Schooling meldet man sich an einer Fernschule an (es gibt eine deutsche Fernschule und eine große Auswahl an verschiedenen Fernschulen aus den USA), und bekommt Pakete zugeschickt. Darin sind Bücher, Arbeitshefte und Materialien in verschiedenen Fächern zusammengestellt, die man mit seinem Kind durcharbeitet. Über Skype bekommt man dabei Unterstützung von ausgebildeten Lehrern, die auch Probearbeiten und Aufsätze, etc. korrigieren.

Auch hier gibt es preisliche Unterschiede. Während die deutsche Fernschule pro Monat um die 500€ kostet und von Freunden getestet für weniger gut empfunden wurde, gibt es amerikanische Fernschulen mit (laut der Erfahrung unserer Freunde) sehr gutem Material und Unterstützung für 150€ im Monat. Das ist schon ein ziemlicher Preisunterschied.

Unterstützung von außen

Wir würden uns beides zutrauen: Sowohl unser Kind überhaupt schulisch zu begleiten, als auch das ganze auf Englisch zu machen.

Aber was man nicht vergessen darf, ist, dass Kindergarten-frei und Home-Schooling für Eltern auch eine weitere Belastung sind neben der Kindererziehung, Geld verdienen, Paarbeziehung und Haushalt. Ganz schön viel, was man da unter einen Hut bringen muss. Weshalb wir sicher Unterstützung suchen werden, in Form von stundenweiser Entlastung und anderen Abenteurer-hungrigen Erwachsenen, die unsere Tochter auf dem Weg zum Großwerden begleiten. Schließlich leben wir nicht auf einem Segelschiff, sondern inmitten einer Gesellschaft und wollen daran auch voll teilhaben. Mit Freunden, die die Segel an Fähigkeiten mit uns gemeinsam hissen.



4 thoughts on “Kindergarten und Schule in Spanien? Wir suchen nach Lösungen”

  • Guten Morgen,

    das ist so spannend bei Euch gerade. Bzw. immer noch. Oder auch schon wieder? Gefühlt ist bei Euch immer gut etwas los 🙂
    Ich verstehe Eure Entscheidung sehr gut, sie nicht in den Kindergarten zu schicken. Das wäre mir auch alles eindeutig zu viel für das Alter. Der Lütte hat heute Mittag die zweite Woche Eingewöhnung in der Waldkita abgeschlossen und ist bisher sehr zufrieden und glücklich dort. Sie sind wirklich nur draußen, entweder im Wald, der ja bei uns um die Ecke ist, oder am Bauwagen. Ist wirklich ein absoluter Traum. Und er geht nur vormittags hin, ohne Mittagessen, das finde ich auch sehr schön.
    Über Schule machen wir uns hier auch schon Gedanken seit er … miniklein war?! Ich finde das einfach so, so wichtig.
    Ich bin sehr gespannt, wie es sich die nächsten Jahre entwickelt (bei Euch und bei uns).

    Liebste Grüße

    Lea

    • Eure Waldkita klingt super! Vielleicht schreibst du auch mal über eure Gedanken zur Schule? Das fände ich sehr interessant!

      Ja, ich finde das auch spannend. Und schön, dass wir uns auf dem Weg gegenseitig ein bisschen begleiten können 🙂 Der Austausch tut gut!

      Liebste Grüße
      Veronika

  • Das klingt bei euch ja wirklich sehr spannend. Bei uns sieht es so ähnlich aus. Denn es fragen auch schon mal die Leute die uns besuchen ob es einen Kindergarten oder eine Schule im Dorf gibt. Wenn ich dann erkläre das es ab drei Jahren schon in die richtige Schule gehen soll sind sie erst einmal verwundert. Mal schauen wie unsere Entscheidung ausfällt denn von dem franzôsischem Schulsystem bin ich noch nicht so richtig überzeugt. Doch wünsche ich mir schon ein wenig mehr Kontakt zu anderen Kindern für den apriljungen.

    • Liebe Johanna,

      vielleicht könnt ihr ja auch erstmal eine Spielgruppe ins Leben rufen? Wir haben uns dafür mit anderen Familien aus den umliegenden Dörfern/Städten zusammen getan, und treffen uns einmal die Woche. Das ist total wertvoll. Der Apriljunge fängt ja auch jetzt erst langsam an, denke ich, mit anderen Kindern so richtig zu interagieren. Bevor sie ein Jahr sind ist der Kontakt nicht so wichtig, denke ich. Und erst jetzt mit fast zwei habe ich den Eindruck, dass die Tochter den Kontakt mit Kindern von sich aus sucht. Und das auch nicht immer.
      Klar ist Kontakt wichtig, aber die Aussage „Kinder brauchen andere Kinder“ muss man erstmal genauer definieren.

      Liebe Grüße
      Veronika

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