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Kindergarten und Schule in Spanien? Wir sind kritisch

Kindergarten und Schule in Spanien? Wir sind kritisch

Dieser Text spiegelt meine Meinung zum jetzigen Zeitpunkt wider. Mir ist natürlich klar, dass nicht alle Spanier so sind, auch nicht alle spanische Schulen und dass meine Beobachtung nicht ausreichen, um ein validiertes Urteil über die Erziehungsmethoden der spanischen Eltern und Erzieher abzuliefern. Ich schreibe im Folgenden zwar „die Spanier“, meine damit aber eben nur die, die ich (meine zu) kenne(n) und nicht „alle Spanier“.

Seit fast sechs Monaten sind wir jetzt schon hier und ich bekomme einen immer besseren Einblick in die spanischen Erziehungsformen und in unsere Dorfschule. Und ich muss sagen, wo ich am Anfang noch viele gute Seiten gesehen habe, ändert sich meine Meinung immer mehr in die andere Richtung. Im Moment bin ich an dem Punkt, dass ich sage: Mein Kind wird hier nicht in den Kindergarten oder die Schule gehen. Das hat verschiedene Gründe und könnte vor allem weitreichende Folgen haben.

Denn gleichzeitig gefällt es uns hier immer besser.

Nun ist es so, dass ich gerne plane. Ich brauche das, auch wenn ich bereit bin, die Pläne wieder zu ändern. Es beruhigt mich einfach, sie zu haben.

Das bedeutet, ich denke jetzt schon darüber nach, wo und in welchen Kindergarten und auch in welche Schule unsere Tochter einmal gehen könnte, wenn wir sie nicht hier in die Schule geben wollen. Mein Mann findet das übertrieben und ihr wahrscheinlich auch, aber rechnen wir das mal durch: Sie wird im Herbst zwei. Wenn sie in den Kindergarten gehen soll, hätten wir nur noch ein Jahr, bis es soweit ist. Und dafür sind wir jetzt eigentlich schon zu spät dran, wenn ich an die Anmeldefristen in deutschen Kindergärten denke. Denken wir an die Schulen, dann haben wir noch vier Jahre, wenn sie mit sechs eingeschult wird. In diesen vier Jahren werden wir uns hier so eingelebt haben, dass ein erneuter Umzug wahrscheinlich schwer fallen wird. Des Weiteren gibt es die Fragen:

Welche Schulart wünschen wir uns für unser Kind und wo gibt es diese Schulen?

Wenn es sie gibt, können wir uns vorstellen, dort hinzuziehen? Für eine Schule?

Können wir sie uns leisten, diese Schule?

Können wir uns vorstellen, an einen anderen Ort in Spanien zu ziehen, für diese Schule?

Können wir uns vorstellen, wieder zurück nach Deutschland zu ziehen? Und vielleicht wieder nicht bei der Familie zu wohnen, weil es dort keine Schule gibt, die wir uns vorstellen können?

Im Moment lauten die Antworten zu all diesen Fragen“Nein“. Wenn wir zurück nach Deutschland gehen, dann in die Nähe von Familie. Nochmal an einem unbekannten Ort neu anzufangen, können wir uns gerade nicht vorstellen. Doch gerade steht diese Entscheidung nicht an, denn wir fühlen uns hier wohl und wollen hier erstmal bleiben.

 

Was aber heißt das für Kindergarten und eventuell sogar für die Grundschule?

Das Bild des Kindes aus den Augen der Spanier

Die größte Hemmschwelle, die ich bei der Vorstellung, mein Kind hier in den Kindergarten oder die Schule zu geben, zu überwinden hätte, ist das Bild vom Kind, das die Spanier mir vermitteln: In ihrem Augen ist ein Kind ein Kind und kein kleiner Mensch. -> Und das ist ein riesen Unterschied!!

Sind Kinder nur Kinder, kann man mit ihnen anders umgehen, als mit deiner besten Freundin oder deinem Partner.

Sind Kinder aber kleine Menschen, bedeutet das

viel mehr Respekt,

viel mehr Einfühlungsvermögen und auch

viel mehr ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen.

Ich habe das Thema ja schon in meinem Artikel über die Grenzen der Kinder ein bisschen angeschnitten und es zieht sich durch meine Beobachtungen durch:

Die Kinder hier werden nicht gesehen.

Damit meine ich vor allen, dass man

  • die Grenzen der Kinder respektiert (z.B. wenn sie Angst vorm Wasser haben, müde sind vom Laufen, keinen Hunger haben, nicht angefasst werden wollen, …)
  • ihre Gefühle zulässt (Vor allem Jungs wird hier nicht erlaubt, Gefühle zu zeigen. Wenn sie weinen, sollen sie sich zusammen reißen und „stark sein“.),
    und ganz wichtig:
  • Kindern keine Gewalt antut (dazu gehört auch das feste Anpacken am Arm, wenn Kinder „nicht folgen“. Dazu gehört der Klaps auf den Hinterkopf, wenn Kinder Unfug machen. Dazu gehören auch Drohungen und Repressalien, wenn Kinder nicht sofort hören. Physische und psychische Gewalt sehe ich hier des Öfteren.)

Wie Schule und Kindergarten hier ablaufen

Schule und Kindergarten wird hier oft als Synonym verwendet. Das ist kein Zufall, denn einen Kindergarten im deutschen Sinne gibt es nicht. Die Kinder gehen hier ab drei Jahren in eine Vor-Schule, sie lernen dort Lesen, Schreiben und ein klein bisschen Rechnen. Sie bekommen beigebracht, diszipliniert still zu sitzen und sich ruhig zu verhalten. Spielen ist hier Nebensache – und eine der Hauptgründe, warum wir sehr verhalten bei dem Gedanken an eine Vorschule mit drei sind. 

Ich höre von Eltern, dass sie mit der Schule hier unzufrieden sind, weil ihr Kind jeden Tag weint, wenn es hingeht und wenn es heimkommt. Als beunruhigend wird das hier aber nicht unbedingt eingestuft.

Es ist hier üblich, am ersten Tag das Kind an der Tür der Schule abzugeben und wieder zu gehen. Eltern betreten das Gebäude eigentlich nicht. Nach einem Gespräch mit der Erzieherin (man kennt sich hier ja) wurde uns zwar zugestanden, dass wir mit rein kommen könnten am Anfang. Dass Kinder weinen würden, sei aber normal und würde sich nach einigen Tagen von allein geben.

Auch hier mache ich immer wieder die Feststellung: Wenn ein Erwachsener weinen würde, geht man hin und fragt ihn (normalerweise ernsthaft und fürsorglich) nach seinem Problem. Wenn ein Kind weint, lässt man es hier weitestgehend alleine, bis es sich wieder gefangen hat.

Dass die Grenzen der Kinder nicht gewahrt werden, macht mir Sorgen. Teile ich diese mit anderen Personen, zum Beispiel über die Grenze des Anfassens, kommt als Erklärung: „Ja, das ist typisch spanisch. Die lieben Kinder, deswegen fassen sie sie ständig an.“

Ehemalige Eltern erzählen (besonders von der Vorschule und der zuständigen Lehrerin) nicht sehr angetan von der Schule im Dorf. Es gibt viel Kritik und wenig Gutes zu berichten. Klar, muss man sich selbst ein Bild machen. Da wir die Lehrerin kennen, denn sie wohnt selbst im Dorf und hat einen kleinen Sohn, fügen sich mit der Zeit viele kleine Puzzleteile zusammen: Wie geht sie mit ihrem eigenen Sohn um (Situationsabhängig ungeduldig und grob, über ihn spricht sie aber sehr liebevoll), wie reagieren die von ihr betreuten Kinder auf sie (Positiv), wie reagiert mein Kind auf sie (Negativ)?
(Die arme Frau steht bei mir aber auch ganz schön auf dem Prüfstand – Fair ist das nicht. Und sie bemüht sich eigentlich wirklich. Sie sucht immer das Gespräch mit uns, bietet uns an, die Schule zu besuchen, preist ihre Aktivitäten an, …)

Aber das Puzzle, das ich sehe, gefällt mir nicht. Bei Gewalt, Repressalien und den Grenzen der Kindern kann ich das nicht einfach auf die Kultur schieben. Für mich ist das ein No-Go, egal in welchem Land.

Mein Mann meinte erst, man könne ja mit den Lehrern und Erziehern hier reden. Die Schule ist so klein (mit Kindergarten und den Stufen 1-6 sind es nur 24 Kinder), dass Eltern viel Mitspracherecht haben.

Die Schule kämpft um jedes Kind. Deshalb ist sie komplett kostenfrei, und bietet ein kostenloses Mittagessen an, das wohl auch wirklich gut schmeckt. Und das ist auch das absurde: Die Leute fragen, warum geht die Tochter nicht in die Sommerschule (die ist nämlich schon ab eins und geht von Juli-September, wir haben uns aber nach einer Besichtigung dagegen entschieden)? Und wenn wir versuchen, unsere Gründe darzulegen, kommt als Einwand: Aber warum geht sie denn nicht? Es ist doch kostenlos! Und es gibt Mittagessen!

[…. diese komischen Deutschen….]

Die Schule kämpft um jedes Kind und bietet viele Exkursionen und Aktivitäten an, das stimmt. Aber in der Pädagogik fallen mir so grundlegende Sachen auf, die das nicht aufwiegeln. Die gehen von einem friedlichen und fürsorglichen Miteinander zwischen Erwachsenen und Kindern über die Wahrnehmung des Kindes bis hin zur Auffassung von einem geeigneten pädagogischen Angebot (mit 3-5 jährigen jeden Tag als festen Programmpunkt Filme gucken gehört für mich nicht dazu), dass man das nicht mit ein, zwei Lehrer-Gesprächen richten könnte.

Ein Wandel wird auch hier ankommen. In Spanien herrschte bis in die 70er Jahre die Franco Diktatur. Die ganze 68er Bewegung in Deutschland, die Emanzipation der Frauen und auch die Bedürfnisorientiert- Debatte in Deutschland: Da hinkt Spanien um Jahre hinterher. Es tut sich was, im Kleinen. Aber bis sich solch festgefahrene Strukturen ändern, dauert es. Und die Lehrerin macht ihren Job sicher noch zwanzig Jahre.

Würden wir uns hier einsetzen und etwas ändern wollen, wäre das für die nachfolgenden Kindergenerationen vielleicht hilfreich. Unsere Tochter hätte davon aber nicht viel.

Also denken wir weiter, suchen nach einem Weg für uns. Wie der aussehen könnte und was für Auswirkungen diese Entscheidung für uns und für unseren Platz hier im Dorf hätte, erzähle ich euch nächste Woche.



2 thoughts on “Kindergarten und Schule in Spanien? Wir sind kritisch”

  • Ich hab sehr großen Leidensdruck, aber auch Leidenschaft aus Deinen Zeilen gelesen. Vieles davon – wenn auch nicht als Expat – kann ich so gut nachfühlen (es wäre jetzt zu kompliziert auf die verschiedenen Ebenen einzugehen, wo und wie wir uns überschneiden). Bottom line: Das Bauchgefühl war in unserem Fall und ist nach wie vor der beste Indikator für Entscheidung rund um unsere Kinder.

    • Ja, das Thema Kinderbetreuung ist in jedem Land relevant. Und unsere Situation kann man vielleicht auch mit einem Dorf in Deutschland vergleichen. Alte Strukturen, wenig Auswahlmöglichkeit, da Pendeln zu weit wäre, etc. Ich kann das nicht gegen mein Bauchgefühl entscheiden, und solange ich das nicht muss (aus finanziellen/beruflichen/sonstigen Gründen), werde ich auch darauf vertrauen. Liebe Grüße von Veronika zu Veronika 🙂

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