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Warum der Osterhase dieses Jahr nicht zu uns kommt

Warum der Osterhase dieses Jahr nicht zu uns kommt

Der Osterhase kommt dieses Jahr nicht zu uns. Er wird aufgrund fehlender Deko vor der Tür vorbei hoppeln. Naja, nicht ganz. Ich will mal ganz ehrlich sein: an der Deko liegt es nicht. Es sind vor allem zwei Gründe, warum der Osterhase nicht zu uns kommt.

Der erste ist ein religiöser

Ich wurde katholisch erzogen und war einige Jahre begeisterte Ministrantin. Und ich erinnere mich noch gut an die Osterfeste damals. Als ich verstanden habe, dass Ostern DAS Hochfest der katholischen Kirche ist. Der wichtigste Feiertag im christlichen Kalender.

Die vielen Messen vor dem Ostersonntag, die Fastenzeit und das Warten auf die Auferstehung Jesu Christi, das war ein sehr festliche Zeit. Und schließlich die Stimmung am Ostersonntag, als wir in der Kirche die Auferstehung mit einer langen Messe zelebrierten und feierlich die Fastenzeit beendeten. Diese Zeit war wirklich sehr feierlich und mir wurde bewusst, was für ein besonderer Tag dieser Tag für die katholischen Glaubensanhänger ist.

Dann passierten mehrere Dinge, ich zweifelte an der Institution Kirche und hörte mit dem Ministrieren auf und fand mich schließlich mit 16 im Rollstuhl sitzend, schwer krank, in der Krankenhauskapelle und dachte mir: wie kann ein Gott all das Leid auf der Welt zulassen? Mit 16 ist man ja eh in dieser Weltuntergangsstimmung, sieht die Krisenherde, die Umweltkatastrophen, die Armut und fragt sich, warum die Erwachsenen sich mit dieser Welt einfach abgefunden haben (zumindest schien es mir mit 16 so).

Auf genauere Ausführung verzichte ich hier, denn es soll ja um den Osterhasen gehen und nicht um mich. Jedenfalls verlor ich den Glauben. Mein Glaube war so erschüttert, dass er mir abhanden kam. Und Kirche ohne Glaube ist wirklich eine Qual. Alles wirkt wie ein riesiges Theater. Deshalb spielt die Kirche in meinem Alltag keine tragende Rolle mehr. Und deshalb hat auch Ostern für mich keine Bedeutung mehr. Genauso wenig wie Weihnachten.

Beide Feste feiere ich nicht gerne, weil sie ihre Bedeutung verloren haben. Es geht dem Großteil der Menschen da draußen gar nicht um die Tage in ihrer eigentlichen Bedeutung. Es geht um Familien Zeit (die an diesen Tagen wertvoller erscheint, als wenn man sich an anderen Tagen sieht) und wichtiger noch: um Konsum. Es geht um die Feiertage, die daraus für die Arbeitnehmer entstehen. Und das mag ja in Ordnung sein, wenn es so interpretiert werden kann. Ich kann es nicht. Ich brauche kein Fest des Konsums willen, ich fühle mich an Weihnachten furchtbar unwohl, wenn meine Familie die Geburt Jesu feiert und ich mich in der Kirchenbank zu verstecken versuche, damit ja keiner merkt, dass ich da nicht dahinter stehe. Und ich bin auch so total gerne mit meiner Familie zusammen und das sogar noch lieber im November, als an Weihnachten, wenn es beizeiten so gewollt-gezwungen happy ist.

Der zweite Grund ist ein Ideeller

Überlegt mal: Ein HASE?! Der EIER BRINGT?! Wer hat sich das denn ausgedacht?? Wieso nicht ein Känguru? Das hätte wenigstens einen Beutel, um das Ganze ein wenig glaubhafter wirken zu lassen.

Ich habe jetzt keine Lust zu recherchieren, warum es ein Hase ist, der die Eier bringt. Und ich habe als Kind ja selbst daran geglaubt. Es ist also nicht so unrealistisch, dass man den Kindern Ostern damit zu einer magischen Zeit macht. Aber ich frage mich, ob es das ist, was Kinder brauchen. Einen Hasen, der Eier bringt. (Und es geht dabei ja nicht um die Eier, sondern um die Schokolade und die Geschenke!)

Es gibt so viel Magie in unserer Welt, und dabei meine ich die Welt, von der wir uns fast gänzlich abgekehrt haben. Die Welt der Natur ist voller Magie. Kinder können sie sehen und sollten dabei angeleitet werden, sie zu sehen. Wenn nach einem langen Winter die Pflanzen wieder anfangen zu wachsen, alles ergrünt und aus dem Boden spitzt, dann ist das Magie. Wenn blühende Blüten von kleinen brummenden Tieren bestäubt werden und ein paar Wochen später daraus Früchte entstehen, dann ist das Magie. Dass die Sonne jeden Morgen auf- und Abends untergeht, das ist für mich trotz Physikunterricht immer noch so rätselhaft, dass es magisch ist. Und an dieser Magie kann man anknüpfen und kann Winter- und Sommersonnenwende groß feiern. Dann hat man auch zwei große Feste im Jahr, auf die man sich freut und feiert theoretisch Ostern etwas später (am 21.06.) und Weihnachten etwas früher (am 21.12.). Auch hier habe ich nicht recherchiert, ob irgendwelche heidnischen Völker das so handhaben, oder was die Naturvölker feiern. Es ist nur so eine Idee, die mein Mann letztes Weihnachten in meinen Kopf gesetzt hat und die jetzt an Ostern wieder aufgetaucht ist.

Aber uns ist natürlich beiden klar, dass wir an Ostern und Weihnachten nicht drum rum kommen werden. Sobald die Tochter sich mit drei oder vier Jahren mit anderen Kindern austauscht, wird es auch hier diese Tage geben. Schließlich wollen wir nicht, dass sie sich ausgeschlossen fühlt, weil der Hase an unserer Tür vorbei hoppelt. Und wir werden uns überlegen, wie jetzt Christkind und Weihnachtsmann in eine halbwegs realistische Story passen, damit wir einigermaßen überzeugend rüber bringen können, dass sich die beiden um die Geschenke kümmern.

Und wieder kommt die gleiche Sackgasse: den Kindern wird etwas suggeriert, wo sie in ein paar Jahren den Glaube daran verlieren werden. Und es geht – im Austausch mit den anderen Kindern – um Geschenke.

Ostern vor einem Jahr.

Glauben über Kindertage hinaus erhalten

Ich erinnere mich noch, wie es war, den Glauben zu verlieren: es war echt schlimm. Nicht nur den christlichen, sondern den kindlichen Glauben schon viel früher. Den Glauben an das Christkind und an den Osterhasen. Ich wollte weiterhin an dem Zauber festhalten, aber es ging nicht. Die Zeit war vorbei und ich fand mich traurig am Heilig Abend unterm Baum und wünschte mir, es sollte einfach alles wieder so sein wie früher.

Ich denke nicht, dass sich unsere Gesellschaft in wenigen Jahren so stark wandeln wird, dass es zu diesen Festen weniger Konsum geben wird. Ich gehe eher stark davon aus, dass dem nicht so ist und der Einzelhandel zu Weihnachten weiterhin bis zu einem Drittel seines Jahresumsatz machen wird. Und auch mein Kind wird dann Geschenke bekommen. Weil ich nicht möchte, dass es sich ausgeschlossen fühlt. Weil ich nicht möchte, dass es abgestempelt wird als das Kind, dessen Eltern verrückte Heiden sind, die den Sommer feiern.

Der Osterhase wird also auch irgendwann bei uns rein hoppeln und einen Korb verstecken. Und an Weihnachten werden auch wir weiterhin ein kleines Fest feiern. Allein schon der Familie zuliebe. Aber die Magie, die möchte ich meiner Tochter an anderen Orten zeigen und sie für den Zauber der Welt begeistern, der schon da ist. Ein Eier-bringender Hase soll da nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Und auch dieses Jahr haben wir geschmückt. Bemalte Eicheln an Mispelzweigen in Hochzeitsvase.


9 thoughts on “Warum der Osterhase dieses Jahr nicht zu uns kommt”

  • Der Hase und auch die Eier sind alte Symbole für Frühling und Fruchtbarkeit. Wir haben unserem Sohn vermittelt, dass Ostern ein doppeltes Fest ist : Freude über den Frühling und über die Osterbotschaft, Jesu Auferstehung.
    So konnte er das von Beginn an problemlos trennen, beide Facetten würdigen und sich über das Hasenthema freuen.
    Ihr könnt die christliche Botschaft also einfach weglassen, ein Frühlingsfest macht ja auch in Spanien Sinn.

    • Hallo Britta,
      danke für die Aufklärung. Jetzt weiß ich zumindest warum Hase und Ei mit dabei sind :).
      Liebe Grüße zu deiner Familie!
      Veronika

  • super spannendes thema. ich habe noch nicht annähernd abschliessende antworten für mich und meine tochter gefunden. hier einfach ein paar weitere überlegungen zu deinen/meinen…
    (ich war nie religiös und habe auch eher mühe damit, als kind kannte ich die feste jedoch schon)

    – die kulturen mischen sich stets mehr, warum fällt es mir viel schwerer auf christliche traditionen zu verzichten (meiner tochter zu liebe) als bei jüdischen, muslimischen, hinduistischen, ….? ist da nicht schon ausschluss drin?
    – ich finde es wundervoll, wie du von der „natürlichen magie“ sprichst. diese wünsche ich mir für mein kind auch. aber ich werde keine lügen und märchen erzählen. also kein hase für uns.
    – was berührt mich eigentlich nachträglich an der weihnachts/ostertradition? kann ich das anderst umsetzen? zb viel kerzen im winter, warten auf überraschung, besondere deko zu besonderen zeiten etc…
    – was sind meine werte? wie kann ich diese vlt in feste verwandeln?
    – ich möchte authentisch leben, und das heisst für mich ehrlichkeit auch mit kindern. „ja, du siehst, dass andere anderst leben und andere sachen machen/bekommen. was fehlt dir daran? finden wir gemeinsam wege um allen bedürfnissen gerecht zu werden?“

    noch sehr wirr, bleib gerne bei euren wegen mit dabei!

    • Hallo Maela,
      es ist wirklich ein interessanter Gedanken, warum es bei christlichen Traditionen schwerer fällt…Bei mir ist es auf jeden Fall die familiäre Prägung.
      Ja, mit der Hasenlüge bin ich ganz deiner Meinung. Wo ich nicht überzeugt bin, möchte ich meinem Kind nichts vorlügen.
      Recht viel weiter sind wir gefühlt auch noch nicht… vor allem mit der Umsetzung wissen wir nicht so recht. Aber ich möchte mir dazu demnächst mehr Gedanken machen. Es scheint ja mehreren Eltern so zu gehen wie uns. Da kann man sich ja gegenseitig inspirieren. :).
      Liebe Grüße
      Veronika

  • Hallo Veronika,
    dein obiger Text spricht mir aus der Seele oder aus dem Bauch, wahrscheinlich beides. Wir haben zwei Mädels, 4 und 1,5 Jahre und ich bin seit der Geburt der ersten am Grübeln wie ich diese christlichen Feste für uns interpretieren kann. Deine Ideen sind eine schöne Inspiration, vielen Dank dafür!
    Ich freu mich bei dir weiter zu lesen, einen schönen Frühling für euch,
    Desiree

    • Hallo Desiree,
      das freut mich, wenn ich dich ein bisschen inspirieren konnte… wir sind auch noch nicht wirklich abschließend mit unseren Ideen. Aber jetzt ist ja erst mal wieder ein halbes Jahr Ruhe, bis Weihnachten dann wieder kommt ;).
      Ich freue mich, wenn du weiter mit liest!
      Veronika

  • Witzigerweise habe ich mich erst letzte Woche gefragt, was diese Sache mit dem Hasen und den Eiern eigentlich soll, denn ja: das ist schon arg absurd. Ich habe dann ein bisschen recherchiert und fand es ganz spannend: Beides sind (wie Britta schon geschrieben hat) Fruchtbarkeits-Symbole. Die Eier haben allerdings auch noch einen praktischen Hintergrund: In der Fastenzeit haben sich früher viele Eier angesammelt, zu Ostern wurden sie dann gesegnet und gefärbt (rot, als Symbol für das Blut Christi), um sie von ungesegneten Eiern unterscheiden zu können. (Eine andere Erklärung, die ich gelesen habe: sie wurden gekocht, um sie haltbar zu machen und dabei gefärbt) Dass der Hase die Eier bringt, ist wohl eine rein kommerzielle Erfindung.
    Ich denke jede Familie muss für sich entscheiden, ob und wie Religion eine Rolle spielt und wie man bestimmte (traditionelle und nicht traditionelle) Feste begeht. Eure Idee mit den Sonnwendfeiern finde ich zum Beipsiel sehr schön.
    Und noch ein Gedanke zur ‚Entzauberung‘: Das habe ich als Kind anders erlebt als du. Mir ging es eher so, dass ich einen gewissen Stolz empfunden habe, die Geschichten durchschaut zu haben und nun zu den ‚Großen‘ zu gehören – großzügigerweise habe ich das Wissen direkt mit meinen kleinen Geschwistern geteilt, das war rückblickend wohl weniger nett, als ich dachte. Mir persönlich ging dadurch der Zauber der Feste nicht verloren, aber natürlich erlebt jede/r das anders.
    Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass ihr als Familie einen schönen, für euch passenden Weg finden werdet.
    Liebe Grüße
    Clarissa

    PS: Mir ist grade noch ein lustiges afrikanisches Kinderbuch eingefallen, in dem das Thema ‚eierlegende Tiere‘ thematisiert wird – vor ein paar Jahren habe ich mal darüber geschrieben: https://raupenblau.wordpress.com/2011/04/24/frohe-ostern/ In dem Buch weigert sich der Osterhase, weiter nach Afrika zu hoppeln und ein afrikanisches Tier wird als Ersatz gesucht 🙂

    • Hallo Clarissa,
      danke für die Infos, das ist interessant! Hast du mal bei deinen Geschwistern nachgefragt, ob sie von dir entzaubert wurden ;)? Kann ich gut nachvollziehen, dass man zwar schon zu den Großen gehören will, aber doch noch so klein ist, und Geheimnisse teilen muss.

      Danke für den Kinderbuch Tipp, das Buch sieht sehr gut aus!
      Viele Grüße
      Veronika

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