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Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – über unangenehme Wahrheiten

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – über unangenehme Wahrheiten

 

„Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht“ – Marc Twain

 

Unangenehme Wahrheiten

Ich bin diese Woche zweimal in den Genuss gekommen zu üben, wie man eine unangenehme Wahrheit ausspricht. Unter einer unangenehmen Wahrheit verstehe ich eine Tatsache, wie ein eigenes Bedürfnis, das nicht dem Wunsch einer anderen beteiligten Person entspricht. Dadurch, dass man dem Wunsch der anderen Person nicht entspricht, wird es zur unangenehmen Wahrheit.

Für mein Empfinden werden unangenehme Wahrheiten in vielen Kreisen gar nicht ausgesprochen. Lieber wird das eigene Bedürfnis oder der eigene Wunsch unterdrückt, es wird höflich gelächelt und dem Wunsch des Gegenübers entsprochen. Insgeheim ärgert man sich dann, man macht etwas, was einem innerlich widerstrebt oder ist wütend auf die Person (die gar nicht versteht, warum).

Diese unausgesprochenen unangenehmen Wahrheiten kosten mich viel Kraft. Je nachdem in welchen Kreisen ich mich bewege, ob in dem einen Freundeskreis oder in dem anderen, ob mit der Familie oder den entfernteren Verwandten, gibt es andere Themen, die unangenehme Wahrheiten beinhalten. Auf wie vielen Unwahrheiten basieren diese zwischenmenschlichen Beziehungen? Schluckt jeder, so wie ich es tue, viele unangenehmen Wahrheiten hinunter, um dem Gegenüber das Bild zu suggerieren, was dessen Wunschbild ist (genauer gesagt, das Wunschbild des Anderen aus der eigenen Annahme heraus!)? Ich hoffe, dass dem nicht so ist, denn dann würden viele zwischenmenschlichen Beziehungen auf unehrlichen Tatsachen beruhen. Tatsächlich befürchte ich jedoch, dass dem so ist. Denn ich ecke mit meinen unangenehmen Wahrheiten immer wieder an. In der Schulzeit war das besonders schlimm und ich denke nicht gerne an diese mobbing-reiche Zeit zurück. Heute schätzen mich viele Freunde durch diese Eigenschaft. Ich spreche eben aus, was ich denke, auch wenn es unangenehm ist. Für mich und für den anderen. Dabei bin ich stets bemüht, die Grenze zu wahren, in der ein anderer verletzt werden könnte. Aber da diese Grenze bei jedem woanders liegt, ist es manchmal schwierig.

 

„Wahrheiten, die niemanden verärgern, sind meist nur halbe.“ – Jupp Müller

 

Braucht es für eine Aussage echte Gründe oder reichen Gefühle?

Der erste Fall in der letzten Zeit war eine Studentin aus einer Studentengruppe, die die letzten zwei Wochen hier bei der Gemeinschaft verbrachten. Über meinen Mann erfuhr sie von meinem Spanisch Sprachkurs und meinte zu ihm, dass sie da gerne mitfahren würde. Ich wurde davon beim Mittagessen von ihm in Kenntnis gesetzt und spürte, schon als er mir davon erzählte, dass mir das nicht recht war. Es gab keinen wirklich Grund dagegen. Der Kurs ist für alle offen, er ist kostenlos und man kann einfach hingehen. Aber für mich fühlte es sich einfach nicht gut an. Es ist mein Kurs, ich war selbst erst ein paar Mal dort und fühle mich noch neu dort. Jetzt mit jemanden dort hinzukommen, der nur einmal kommen würde, widerstrebte mir. Die Lehrerin ist immer so bemüht um jeden Schüler und es fühlte sich ein bisschen so an, als würde man ihre Energie ausnutzen, wenn man nur einmal kommen würde. Ich überlegte also und schrieb der Studentin dann eine Nachricht, dass es mir aus den oben genannten Gründen nicht so recht wäre sie mitzunehmen. Es war eine unangenehme Wahrheit und ich hatte die Befürchtung, dass sie denkt: Ach herrje, was stellt die sich denn so an, etc. Aber sie schrieb zurück, dass es kein Problem war und das war es auch nicht. Wir hatten danach trotzdem ein gutes Verhältnis, ich ging allein zu meinem Kurs und es fühlte sich genau richtig an.

Der zweite Fall ist schon etwas schwieriger. Auch hier geht es um den Wunsch einer Person, gegen den grundsätzlich nichts spricht. Wir haben Besuch und dieser Besuch möchte nicht wie geplant bleiben, sondern noch ein paar Tage länger. Mein Mann hat in seiner Begeisterungsfähigkeit sofort gesagt, kein Problem, der nächste Besuch kommt ja dann erst am darauf folgenden Tag. Ich saß dann da und konnte nicht einfach sagen: für mich ist es ein Problem, ich möchte, dass ihr dann abfahrt, wie es besprochen war.

In diese Situation spielen so viele Komponenten mit hinein, die ich kurz aufschlüsseln will. Deshalb, weil ich zeigen will, wie furchtbar kompliziert ein zwischenmenschliches Miteinander scheint. Zumindest mir. Ich finde es manchmal sehr anstrengend.

  1. Mein Mann hat schon zugesagt. Jetzt wieder abzusagen, fühlt sich an, als würde ich meinen Wunsch über Seinen stellen (wobei ich mir sicher bin, dass es gar nicht wirklich in sich hineingefühlt hat, als die Frage kam. Er hat vielmehr einfach so geantwortet, wie man es aus Höflichkeit macht: Klar, kein Problem. Bleibt so lange ihr wollt. Was sein eigener Wunsch ist, hat er vielleicht gar nicht bedacht.)
  2. Bevor dieser Besuch ankam, hatten wir schon eine Woche lang zwei Studentinnen aus der Gruppe bei uns wohnen. Auch wenn sie nur hier übernachtet haben, waren sie doch da. Unser zweites Zimmer war belegt, es standen fremde Sachen im Bad herum und wir hatten nur einen Schlüssel, was genau Absprachen erforderte.
  3. Besuche sind anstrengend. Auch wenn es unkomplizierte Gäste sind, sie sind da, man muss interagieren, man muss kommunizieren, die Tochter ist vielleicht mehr aufgedreht, als sie es sonst ist, man muss doppelt so viel kochen und doppelt so viel putzen. Und wenn sie helfen, muss man kommunizieren. Es ist einfach anders, als wenn man alleine seinen Ablauf hat.
  4. Besuche wollen auch etwas erleben. Bei uns im Alltag passiert gerade so viel, dass ich kein zusätzliches Programm brauche. Es reicht mir, morgens mit der Tochter zu basteln, zu backen oder zu kochen und in den Garten zu gehen und nachmittags zu arbeiten. Für Ausflüge habe ich gerade keinen Nerv und auch der Drang etwas zu entdecken, ist nicht gegeben. Das liegt einfach daran, dass mein Kopf voller Ideen und voller Tatendrang ist. Und es liegt auch daran, dass
  5. wir in der Woche nach Ostern Besuch bekommen, mit dem wir sicher den ein oder anderen Ausflug machen werden. Denn dann kommt Familie, die extra hier her fliegt, um uns zu besuchen und nicht sowieso schon auf dem Weg ist. Ich finde das ist insofern ein Unterschied, als dass die Einen schon seit Wochen ganze viele tolle Orte sehen und gesehen haben und die anderen nur eine Woche Urlaub genommen haben, um uns zu besuchen.
  6. Und der Besuch nach Ostern ist auch der Grund, warum ich bei dem eigentlich Plan bleiben möchte. Ich brauche ein paar Tage Ruhe, um die Besuchs-Akkus wieder aufzuladen. Ein paar Tage nur zu dritt. Ein paar Tage nichts zusätzlich erklären, wie jetzt unser Ablauf ist und warum die Tochter jetzt quengelig ist oder wieso sie jetzt stillt oder nicht stillt oder wir nur entkoffeinierten Kaffee trinken oder oder oder. Was halt so geredet wird, wenn man woanders ist.
  7. Über Ostern wollte noch weiterer Besuch kommen und ich habe abgesagt. Ich habe die unangenehme Wahrheit ausgesprochen, und gesagt, dass es mir zu viel ist. Dass ich zwischen den Besuchen eine Pause brauche. Und diese Person stand mir sogar viel näher, als die Person, die jetzt bleiben will. Es liegt also nicht an dieser Person, es ist einfach insgesamt zu viel Trubel.
  8. Ein weiterer Grund, warum diese unangenehme Wahrheit so unangenehm ist: Sie zeigt mal wieder, was für eine Langweilerin ich bin. Im Freundeskreis bin ich schon bekannt dafür, abends früh ins Bett zu gehen, gerne einfach mal meine Ruhe zu haben und keinen Alkohol zu trinken (jetzt mit dem Stillen habe ich wenigstens eine akzeptierte Ausrede dafür). Kurzum: ich bin bekannt dafür, langweilig zu sein. Würde ich jetzt sagen, dass es mir zu viel wird und dass ich meine Ruhe brauche, wäre dieses Bild wieder bestätigt. Die anderen würden sich denken: ist ja klar, dass die Veronika das nicht will. Das habe ich mir eh schon gedacht. (Das ist wieder eine Annahme meinerseits, was andere denken und hat vielleicht aber gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun.)
  9. Und natürlich denke ich viel darüber nach, was meine Aussage für die andere Person bedeutet: sie muss ihre Pläne ändern, sie muss vielleicht einen Bus buchen, der teurer ist, sie weiß nicht so genau, wo sie dann als nächstes hinfährt. Wenn ich all das, was ich annehme, dass es Einfluss auf die andere Person hat, auch noch mit einbeziehe, führt das zu richtigem Kopfzerbrechen.

Jetzt wirkt das so, als würde ich keinen Besuch haben wollen. Das ist aber nicht richtig. Ich habe gerne Besuch, aber eben für zwei, drei Tage und dann wird es mir zu viel. Und nein, so kann man es auch nicht sagen. Mancher Besuch ist irgendwie gar nicht anstrengend. Dann fluppt das zwischenmenschliche einfach so wunderbar, dass es sich gar nicht wie Besuch anfühlt, sondern als gehöre die andere Person dazu. Das ist aber ganz selten und wenn, ein richtiges Geschenk.

All diese Gründe fließen mit in diese unangenehme Wahrheit mit ein und machen es so schwierig, sie einfach auszusprechen. Man will dem Wunsch des Gegenübers entsprechen, man will höflich sein, man sagt sich selbst: So schlimm ist es ja nicht. Das halte ich schon aus.

Natürlich hält man das aus, keine Frage. Ich würde es auch aushalten, jetzt durchgehend bis Ende April Leute hier zu haben. Aber darum geht es ja nicht. Es soll mir ja gut gehen. Und ja, ich stelle mein Glück jetzt vorne an. Denn wenn das jeder tun würde, würde es uns allen so gut gehen, dass wir auf das Glück vom Nächsten nicht mehr so achten müssen. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, heißt es doch. Und darauf beharre ich jetzt und kümmere ich mich und verkünde eine unangenehme Wahrheit.

 

„Es wird immer gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht.“ – Hermann Hesse



6 thoughts on “Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – über unangenehme Wahrheiten”

  • Bei acht könnte auch mein Name stehen … Und was du über Besuche sagst, könnte auch von mir stammen. Nur gut, dass auch wir jetzt über Ostern Besuch bekommen – und auch da habe ich es leider nicht geschafft, so ganz meinen Wünschen nachzukommen und es auszusprechen. Da sollte ich mir von dir eine dicke Scheibe abschneiden!

    Liebste Grüße

    Lea

  • Was heißt hier „unangenehme Wahrheiten“? Forderungen, die Dich einschränken oder belasten, musst Du ablehnen (können)!
    Wir (vor allem Frauen) sind auf Nachgeben konditioniert, das Priorisieren eigener Bedürfnisse wird mit Egoismus gleichgesetzt und kritisiert. Doch Egoismus ist es ja immer nur bei den anderen, deren Forderungen ich ablehne. Bitte, bitte bleib langweilig und kommuniziere weiterhin klar! Es ist absolut Dein Recht, für Dich zu sorgen und darauf zu achten, daß es Dir gut geht.
    (PS: Ich habe sehr viel von Carl Rogers („Personzentrierte Kommunikation“) und Marshall Rosenberg („Gewaltfreie Kommunikation“) gelernt bzw. von Menschen, die mir diese Art des Miteinanderredens vermittelten.)

  • liebe veronika.
    auch ich bestätige dich darin, deine bedürfnisse ehrlich auszusprechen! denn du bist wichtig und richtig, so wie du bist – mit all deinen bedürfnissen.
    ich erlaube mir, hier etwas zu interptetieren. kann es sein, dass dieses aussprechen dir so unangenehm ist, da es für dich (momentan noch) wichtiger ist, was andere von deinen entscheidungen halten, als das was du selbst davon hälst? punkt 8. spricht das für mich sehr klar aus. aber auch 1.-7. denn um überhaupt erstmals ein bedürfnis zu haben, brauchst du keinen grund. ein reines gefühl, dass es für dich so (nicht) stimmt, ist doch schon ein „legitimes“ bedürfnis. natürlich macht es sinn, diesem auf den grund zu gehen. sind 1.-7. überlegungen zum „warum“ und keine rechtfertigungen vor anderen, bringen sie erstmals einfach dich dir selbst näher. und können auch basis zur lösungsfindung sein. denn mit punkt 9. zeigst du ja ganz deutlich, dass du nicht einfach deine bedürfnisse über andere stellen möchtest. und so sind doch vielleicht plötzlich nach dem aussprechen dieser „deiner wahrheit“ neue wege möglich. der besuch schläft nur da und lässt euch tagsüber euer zuhause für euch? der besuch kocht und putzt, du gehst spazieren? die nachbarin hat noch ein bett frei? keine ahnung, da gibts bestimmt 1000 wege….
    wir reden ständig davon, die bedürfnisse unserer kinder einfach wahrzunehmen, anzunehmen und gemeinsam nach lösungen die für alle stimmig sind zu suchen. lassen wir doch den selben respekt auch uns selbst zukommen!

    • Liebe Maela,

      in deinem letzten Absatz steckt so viel Wahrheit mit drin! Jeder sollte seine eigenen Bedürfnisse genauso liebevoll und aufmerksam wahrnehmen, wie er/sie es bei seinem/ihren Kind tagtäglich versucht. Ich finde jedoch, das ist eine sehr schwere Übung. Aber ich arbeite daran…

      liebe Grüße,
      Veronika

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