über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Vier Wochen in Spanien – über die Eingewöhnung, die Finanzen, die Umstellung für die Tochter, die Schwierigkeiten und das Warten auf den Kulturschock

Vier Wochen in Spanien – über die Eingewöhnung, die Finanzen, die Umstellung für die Tochter, die Schwierigkeiten und das Warten auf den Kulturschock

Unser erster Monat in Spanien ging so schnell vorüber. Höchste Zeit kurz inne zu halten und die ersten Wochen zu rekapitulieren. Dafür möchte ich einige Fragen aufwerfen, die für uns im letzten Monat relevant waren.

Wie lief die Eingewöhnung ab? Haben wir uns schon eingelebt?

Wir sind gefühlt super schnell hier angekommen. Das lag zu 90% an unserer Wohnung. Wir haben uns hier so schnell wohl gefühlt und sind sehr glücklich, dass wir eine so schöne Wohnung gefunden haben. Wir genießen den Rückzugs-raum und das erste Mal überhaupt, dass wir alleine wohnen. Der Blick in die weite Landschaft aufs Meer und der Luxus einer drei Zimmer Wohnung mit einem weiteren Arbeits-/ Gästezimmer sorgt bei uns für sehr große Zufriedenheit im Alltag.

Zwar frieren wir immer noch, aber dann denken wir einfach daran, wie sehr wir im Sommer hier durch die großen Fenster schwitzen werden und dann halten wir das doch ganz gut durch. Bezahlbar ist die Wohnung für uns auch und bewegt sich auch im Rahmen dessen, was ich fürs Wohnen ausgeben möchte.

Auf der großen Terrasse und dem Balkon wird von mir gerade ein grüner Urban Gardening Dschungel geplant. Die Pflanzen wachsen schon fleißig vor sich hin, wenn auch noch drinnen vor den Fenstern. Nachts wird es doch noch kalt, der Wind pfeift diese Tage wie verrückt und gestern hat es sogar gehagelt. Das möchte ich meinen Pflanzen nicht antun. Mein Mann hat schon zwei Prototypen zur Geländerbefestigung meiner Blumenkästen gebaut und wir haben uns auch schon Pflanzbehälter aus Paletten überlegt. Ich bin voll im Urban Gardening Fieber.

Die Wohnung war und ist ein echter Glücksgriff und wir haben uns schon sehr gut eingewöhnt.

Wie teuer ist ein Umzug ins Ausland?

Da wir schon im Vorfeld eine Wohnung übers Internet gefunden hatten und noch am Ankunftstag die Schlüsselübergabe hatten, mussten wir uns an keine Übergangslösung gewöhnen. Das wäre mir wirklich an die Substanz gegangen, da wir ja seit Juli letzten Jahres nur noch in Übergangslösungen wohnten.

Die Wohnung war möbliert und wir konnten direkt einziehen. Alles was wir mitgebracht hatten, passte ins Auto. Insgesamt 6 Umzugskartons, ein Koffer und jede Menge Kleinzeug, dass in jede Ritze des Autos gestopft wurde, bis schließlich kein Taschentuch mehr reingepasst hätte. Für eine Familie waren das trotzdem nicht besonders viele Sachen und die waren auch schnell ausgepackt und verstaut. Eine Kiste wurde irgendwie vergessen oder ist verloren gegangen. Glauben wir zumindest. Immer wenn wir irgendetwas vermissen (ich vermisse zum Beispiel jeden Morgen beim Kaffee kochen meinen Tamper. Wie, ihr wisst nicht, was das ist? Das ist das Teil, was genau die Öffnung von der Espressokanne ausfüllt und mit dem man den Kaffee fest drücken kann. Quasi Ü-B-E-R-L-E-B-E-N-S-N-O-T-W-E-N-D-I-G.) Jedenfalls ist immer alles, was wir vermissen in dieser mysteriösen Kiste.

An Möbeln haben wir nur ein Bett dazu gekauft, um daraus ein großes Familienbett zu bauen. Weitere Möbel haben wir mit Paletten gebaut oder werden sie noch bauen. Die werde ich beizeiten mal hier vorstellen. Die Küchenausstattung hatten wir bis auf unsere Eisenpfannen und dem Geschirr für die Tochter nicht mit dabei, da mussten wir alles neu anschaffen. Ebenso Bettwäsche, Handtücher, Geschirrtücher, etc. mussten wir kaufen. Das meiste haben wir Second Hand gekauft und nur wenige Einzelstücke neu. Als Luxus Anschaffung haben wir uns einen Second Hand Gas-Grill für die Terrasse geleistet. Der wäre nicht wirklich notwendig gewesen, aber wir wollten uns den Wunsch erfüllen, Mittags schnell ein bisschen Gemüse zu grillen und ab und an mal einen frischen Fisch. Insgesamt haben wir für die Wohnung im ersten Monat 500€ ausgegeben.

Die Reisekosten rissen ein weiteres Loch in unsere Kasse. Da wir den ersten Flug für 80€ aufgrund der heftigen Erkältung ausfallen lassen mussten, war der zweite mit 210€ für einen Hinflug mit Ryanair ziemlich teuer. Die Fahrtkosten mit Benzin und nicht zu unterschätzenden Mautgebühren beliefen sich auf 300€.

Die Kosten für die N.I.E., Internet und andere Dienstleistungen beliefen sich auf 550€.

Zusätzlich kamen die normalen monatlichen Kosten für Essen, Miete und Freizeit etc. hinzu.

Stimmten die Gründe, um ins Ausland zu gehen?

Der größte Antrieb nach Spanien zu gehen war der Enthusiasmus meiner Mannes für diesen Ort hier. Er hat in diesem Ort so viel Potenzial gesehen und wollte sich auf dieser Spielwiese der Möglichkeiten unbedingt ausprobieren.

Ich war viel, viel skeptischer und war vor der Abreise mehrfach an dem Punkt angelangt, das Ganze abzublasen. Mir war das viel zu unsicher und ich hatte das Gefühl für meine eigenen Vorstellungen und Wünsche ist auf dieser Spielwiese kein Platz. So viel findet im Garten statt und hat mit Bauen und Planen zu tun und das ist beides nichts für mich.

Wie gut, dass ich mich doch darauf eingelassen habe! Denn diese Spielwiese hier bezieht sich nicht nur auf den Garten und das Land. Auch ich habe die engen Gedankenräume Deutschlands hinter mich lassen können und mich etwas getraut, was ich mir in der Heimat nicht zugetraut hätte. Ich habe eine Website aufgezogen und habe damit den ersten Schritt zur selbstständigen Texterin gemacht. Ich glaube, dass es mir hier leichter gefallen ist, weil ich die Erwartungshaltung der Menschen um mich herum nicht kenne. In Deutschland wäre der nächste Schritt nach dem Studium entweder der Masterabschluss gewesen oder eine Festanstellung. Sich aber nach dem Studium direkt selbstständig zu machen, davon wurde mir von allen Seiten abgeraten. Für mich ist es aber die derzeit optimale Arbeitsweise und ich bin super glücklich über diesen ersten Schritt.

Mit unserem Arbeitsrhythmus, mit dem mein Mann vormittags die Zeit zu seiner Verfügung hat und ich nachmittags, sind wir wirklich sehr glücklich. Mit fünf Stunden am Stück ist es endlich möglich, größere Projekte in Angriff zu nehmen und sich auf eine Sache zu konzentrieren. Auch hier haben wir etwas geschafft, was wir in Deutschland nicht geschafft haben. Dass das jetzt unbedingt an Spanien liegt, möchte ich nicht sagen. Aber irgendwie auch doch, weil wir beide hier einen Bereich gefunden haben, in dem wir aufgehen und der uns so wichtig ist, dass wir uns dafür unbedingt Zeit nehmen wollen.

Mit dem Anschluss an die Gemeinschaft haben wir das große Glück, dass wir schon sehr viele Leute kennen und schon richtig gut vernetzt sind. Daneben ist es uns aber auch schon gelungen, eigene Kontakte herzustellen und manche davon auch schon intensiver zu pflegen. Wir agieren sehr viel unabhängiger von der Gemeinschaft, als wir das vor der Ankunft hier gedacht hätten. Mir unserer eigenen Bleibe ist dies so entstanden und auch so gewollt. Man hilft sich gegenseitig, aber man sitzt nicht aufeinander. Der Kontakt ist mehr wie ein enges Netzwerk, als eine Gemeinschaft. Aber für uns ist das sehr passend im Moment.

Alles in allem stimmten für uns die Gründe ins Ausland zu gehen. Wir hatten keine großen Erwartungen, dass das Leben hier viel besser und viel toller ist als in Deutschland. Wir hatten auch keine großen Pläne, sondern wollten und wollen uns auf die Gegebenheiten hier einlassen und uns danach richten, was hier möglich ist. Insofern unterscheiden wir uns wahrscheinlich ein bisschen von den anderen Auswanderern, die mit dem Traum an ein eigenes Restaurant/Country Club Dance Studio/andere verrückte Ideen mit Good Bye Deutschland ins Ausland gehen. (Insofern: Danke der Nachfrage, lieber VOX, aber nein, Danke.)

Mit welchen Schwierigkeiten hätten wir nicht gerechnet?

Bis jetzt ist alles noch glimpflich ausgegangen. Einzig, dass die Beschaffung der N.I.E. (der Número de Identitad de Extranjeros) so korrupt kompliziert sein würde, hätten wir nicht gedacht. Aber dank Zwischenhändler haben wir die mittlerweile auch (und brauchten heute zur Annahme des Einschreibens der NIE – die NIE! Verrückt, oder?). Ein Bankkonto haben wir auch eröffnet und seit heute haben wir auch endlich Internet. Jetzt kann ich auch von zuhause aus arbeiten und bin durch den Trubel im Gemeinschaftshaus nicht mehr so abgelenkt.

Sprachlich ist es noch immer schwierig für mich. Aber ist ja auch irgendwie klar, dass sich da innerhalb von vier Wochen noch nicht viel tut. Unsere Sprache zu Hause ist deutsch, in der Gemeinschaft wird deutsch oder englisch gesprochen und unsere Kontakte, bis auf wenige Ausnahmen sind bisher auch deutsch- oder englischsprachig. Dank des Sprachkurs mache ich aber schon ein paar Fortschritte und merke, dass ich mich beim Verstehen etwas leichter tue. Mit dem Sprechen hapert es aber ganz gewaltig. Ich kann mich zwar ausdrücken, aber wenn ich es im Kopf zurück ins Deutsche übersetze, sind meine Sätze so schlecht, dass auch mir ganz schlecht davon wird. Ich nix sprechen gut und so…

Wie war die Umstellung für die Tochter?

Die Tochter war Umgebungswechsel durch unsere Gemeinschaftssuche gewöhnt und war das letzte halbe Jahr mit uns an ständig wechselnden Orten. Deshalb war es für sie erst einmal nicht so eine große Umstellung, wieder an einem neuen Ort zu sein. Zudem kannte sie den Ort hier schon. Bei der Ankunft bewegte sie sich so vertraut im Haus und Garten, dass wir uns sicher waren, dass sie sich an die Zeit hier im Oktober/November letzten Jahres erinnerte.

Mittlerweile kennt sie sich auch im Dorf schon besser aus. Wenn wir ihr sagen, wir gehen zum Gemeinschaftshaus/zu einer Freundin/in den Garten dann weiß sie, in welche Richtung es geht. Und mit „zuhause“ verbindet sie mittlerweile auch unsere Wohnung. Dass wir beide mit ihr jeden Tag mehrere Stunden draußen verbringen entspricht ihrem natürlichen Rhythmus viel mehr, als den ganzen Tag drinnen zu sein. Dank des (relativ) milden Wetters ist das auch möglich und durch die vielen Möglichkeiten, die der große Garten bietet, sind auch wir Erwachsenen gerne viel draußen. Sie ist einfach ein Draußen-Kind und liebt das Spiel in der freien Natur am allermeisten.

Sie verbringt jetzt genauso viel Zeit tagsüber mit ihrem Papa wie mit mir und das war für beide am Anfange eine Umstellung. Auch jetzt weint sie noch, wenn sie aus dem Garten wieder nach Hause kommt und ich bin nicht da. Aber sie lässt sich schnell wieder beruhigen und wenn ich dann wieder da bin, folgt auch kein es-war-sooo-schlimm-dass-du-weg-warst Weinen mehr, wie am Anfang.

Die größte Umstellung für sie war wohl nicht der neue Ort, sondern dass ich sie nachts abgestillt habe. Jetzt kümmert sich nachts der Papa um sie und ich glaube, dass die Bindung zwischen beiden dadurch noch ein wenig stärker geworden ist. Wenn wir die vier Wochen-Premiere des nächtlichen Abstillens gefeiert haben, werde ich über unsere Erfahrungen berichten.

Sprachlich kommt die Tochter viel mit Englisch und Spanisch in Kontakt, jeder redet mit ihr in seiner/ihrer Muttersprache und das finde ich auch gut so. Ihr erstes spanisches Wort war „no!“. Das bekommen die Hunde immer zu hören, wenn sie ihr das Essen wegnehmen. Sie wendet es aber auch ganz gezielt an, wenn die Omas im Dorf sie immer in die Wange kneifen möchten, ungefragt ihre Hand nehmen oder ihr über den Kopf streicheln. Eine Unart, die ich ganz, ganz furchtbar finde. Und sie anscheinend auch. Sie geht weg, sagt „NO!“, verschränkt ihre kleinen Ärmchen und guckt böse. Bei uns sagt sie nie „no“ sondern immer nein, wenn sie etwas nicht möchte. Ich bilde mir also ein, dass sie den Unterschied in den Sprachen merkt.

Und wann setzt wohl der Kulturschock ein?

Ja, das frage ich mich seitdem wir hier angekommen sind. Bis jetzt finden wir die Marotten der Spanier (zum Beispiel immer nur die letzte Frage einer Mail zu beantworten) noch witzig. Ich schüttle den Kopf über die reine Monopolstellung von Plastikspielzeug in den Kinderhänden und lehne weiterhin Lollis, Bonbons und anderen Süßkram für die Tochter ab. Die Idee, das Kind einfach vor der Tür der Betreuung abzugeben und das als Eingewöhnung genug zu sehen, finde ich sehr befremdlich und das selbstverständliche Anfassen meines Kindes, weil es ja „soo süß“ ist, mag ich auch gar nicht. Das sind die Seiten, die mir bisher negativ aufgefallen sind. Das ist aber nicht weiter schlimm, schließlich gibt es an jedem Ort negative Dinge. Solange die positiven überwiegen, ist alles im grünen Bereich. Und das tun sie hier (für uns) auf jeden Fall. Und daran werde ich mich erinnern, wenn hier irgendwann der Kulturschock eintritt und ich alles blöd finden werde.

Aber Erstmal starte ich mit Freude in die nächsten vier Wochen. Die werden sicher noch schneller vergehen, als der erste Monat! Schließlich gibt es viel zu tun mit Arbeiten, Sprachkurs, Sportkurs, Geburtstag feiern und vielen Besuchen! Der Kalender ist voll, wir bekommen den ersten (und zweiten und dritten und vierten und fünften (so viel!) ) Besuch aus Deutschland!



4 thoughts on “Vier Wochen in Spanien – über die Eingewöhnung, die Finanzen, die Umstellung für die Tochter, die Schwierigkeiten und das Warten auf den Kulturschock”

  • Hej Veronika

    Ouh, das ist so toll, dass du uns hier auf dem Laufenden hältst. Ich lese deine Berichte, über alles im Übrigen, sehr, sehr gerne und freue mich über jeden neuen Post von dir.
    Toll, dass auch andere junge Menschen mit Kleinkind sich trauen, ins Ausland zu gehen (wobei wir nur vier Monate weg waren), und ich glaube, unsere Erfahrungen sind gänzlich anders letztendlich, aber spannend mitzulesen und mitgenommen zu werden ist es sowieso.
    Weiterhin ein wundervolles Einleben Euch.

    Liebste Grüße

    Lea

    • Hallo Lea,

      vielen lieben Dank für diesen motivierenden Kommentar, hat mich sehr gefreut!
      Mal sehen, wie lange es bei uns wird. Das Heimweh hält sich bislang noch sehr in Grenzen ;).

      Herzliche Grüße
      Veronika

  • hallo,
    schön zu hören das ihr euch so gut eingelebt habt. keie Sorge mit der sprache das kommt auch noch ziemlich schnell, wenn du sie einfach anwendest. mach dir keine gedanken wie du es ausspricht hauptsache du sprichst Spanisch 🙂
    bei uns wird das wetter auch langsam Frûhlingshafter, nur leider ist der apriljunge noch nicht so ein drausen mensch. mal schauen, ich hoffe das ändert sich noch.
    viele grüse an euch aus Frankreich

    johanna

    • Hallo liebe Johanna,

      wie schön, dass du dich meldest! Ich wollte letzte Woche dein Crepe Rezept ausprobieren, aber hatte keine 8 (!) Eier da ;). Werde ich aber demnächst mal machen!
      Ja, ich bin ja froh, in Spanien gelandet zu sein, da ist die Aussprache nicht so schwer wie mit Französisch (finde ich zumindest). Warte mal ab, wenn er laufen kann gibt es plötzlich viel mehr Anreiz nach draußen zu gehen :).
      Liebe Grüße nach Frankreich!
      Veronika

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree