über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Eine Möhre für Gymir

Eine Möhre für Gymir

„Mamaaa! Mamaaa! Neiiiin!“, die Tochter schimpft mit mir. Sie ist hundemüde, hat so viel erlebt am Tag, aber will noch nicht schlafen. Immer wieder will sie nochmal Richtung Tür, will sich aufmachen zu neuen Abenteuern und noch mehr erleben. Oft lasse ich sie auch, aber heute fallen ihr schon auf den Weg zur Bettkante die Augen zu. „Komm, bleib hier“, bitte ich sie auf. „Komm in meinen Arm, und ich erzähl dir noch was.“ So einfach lässt sie sich nicht überzeugen: „Papa, Papa, Papa!“, kommt als Antwort. „Papa ist gerade nicht hier, Mama bringt dich ins Bett.“, sage ich. „Du hast heute so viel erlebt! Komm, ich erzähle dir von deinem Tag.“

Ich öffne meine Arme und biete ihr an, sich hineinzukuscheln. Der Tag war voll gewesen und ich war zwischendurch sehr unzufrieden, weil ich das Gefühl hatte, wieder mal nichts zu schaffen. Gleichzeitig das Gefühl, der Tochter nicht gerecht zu werden und unseren Aufgaben auf der To Do Liste auch nicht. Ich atme tief durch, kuschel mich noch ein bisschen gemütlicher in die Kissen und erzähle der Tochter von unserem Tag:

„Heute morgen sind wir aufgestanden und du hast mir bei der Wäsche geholfen. Erinnerst du dich? Du hast versucht, Socken auf einen Kleiderbügel aufzufädeln. Du hast die Wäsche ausgeschüttelt und Mama hat sie zusammengelegt. Und dann hast du sie wieder auseinander genommen. Da waren wir eine ganze Weile beschäftigt. Dann gab es Frühstück, und Besuch kam. Und mit dabei war ein Hund.“

Mittlerweile hat sich die Tochter in meinen Arm gekuschelt und schaut mich mit großen Augen an, so als würde sie mir gespannt zuhören. „Der Hund war ganz wild, und sehr stürmisch, weißt du noch?“

„Am Nachmittag waren wir beim Pferdestall. Mama und Papa und du. Du bist die Straße runtergelaufen, ganz schnell mit deinen kurzen Beinchen. Brrr, Brrrr hast du gemacht. Du wolltest zu den Pferden, stimmt’s? Und als wir dort waren, warst du erst ganz vorsichtig. Aber dann hast du dich sogar getraut dem Gymir eine Möhre zu geben. Und wenig später  durftest  du sogar das erste Mal auf einem Pferd sitzen! So verträumt und stolz warst du da. Papa hat dich festgehalten und du hast dein Pferd gestreichelt und wolltest eine ganze Weile nicht mehr absteigen. Das war toll! Das war sicher dein Höhepunkt des Tages! Als wir aus dem Stall raus sind und du den Berg hochgelaufen bist, hast du gejauchzt und dich gefreut. Man hat richtig gemerkt wie toll das für dich war und wie viel Freude in dir war. So viel Freude, dass man jauchzen muss vor lauter Glück.

Und dieser Moment bei den Pferden und danach, das war auch mein Höhepunkt des Tages. Das war wunderschön mit dir und Papa.

Die Pferde waren so friedlich und ruhig. Das hat mir sehr gut getan. Und als wir aus dem Stall raus sind, war es schon dunkel und wir sind schnell nach Hause gegangen. Was meinst du, sollen wir morgen nochmal zu den Pferden gehen?“

Ich erzähle noch ein bisschen weiter von unserem Tag, bis die Tochter sich von mir wegdreht. Sie rollt sich auf den Bauch, kuschelt sich ins Kissen ein und ist eingeschlafen. Und ich bin so froh, dass ich diesen Moment mit ihr teilen kann. Einschlafen, den Tag Revue passieren lassen. Und sich Gedanken machen, was gut gelaufen ist und was nicht so. War ich zu streng, oder eher das Gegenteil: hätte ich mehr Grenzen ziehen müssen? Was haben wir gespielt, was davon gut und was nicht so? Sollte ich mehr auf die Tochter eingehen, oder ihr eigenes Spiel mehr fördern?

All diese Fragen gehen mir durch den Kopf. Doch eigentlich denke ich jeden Abend: der Tag war gut. Auch wenn ich wieder nicht all das geschafft habe, was ich schaffen wollte. Auch wenn ein Kleinkind mehr Aufmerksamkeit braucht, als ich es mir in meiner Planung eingestehen möchte. Die Tage mit Kind sind so reich an schönen Momenten, an kleinen Liebesbekundungen und einzelnen Küssen, an einem Lächeln oder einem fröhlich jauchzendem Pferdemädchen, dass man gar nicht anders kann, als Frieden zu schließen mit dem Tag.

Und jetzt liege ich wieder im Bett, nachdem der Abend vorbei ist. Die Tochter ist gerade nochmal aufgewacht für ihre Extraportion Milch. Aber gleich schlafen wir beide und träumen von den Pferden und tanken Kraft für den nächsten Tag.

Gute Nacht, träumt schön!



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