über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Reisen mit Kleinkind – Bahngeschichten

Reisen mit Kleinkind – Bahngeschichten

Seit ich mit einem aufgeschlossenem Kleinkind oft in der Bahn unterwegs bin, habe ich nach jeder Fahrt neue Bekanntschaften. Andere Kinder ziehen mein Kind magisch an. Und so finde ich mich während jeder Bahnfahrt zu einem Zeitpunkt neben anderen Müttern oder Vätern, mit fremden Kindern auf dem Schoss oder schwankend im Gang wieder.

Wir reisen von meiner Heimat in Bayern nach Bremen. Der ICE ist laut BahnMobil App komplett ausgebucht, alle Sitzplätze sind reserviert und eine Mitfahrt kann nicht garantiert werden. Wir haben Plätze reserviert, doch als ich mit der Tochter einsteige, stellt sich heraus, dass diese in der Ruhezone sind. Ein Kleinkind im Ruhebereich erfreut die Mitfahrer sicher nicht. Der Schaffner weist mir einen neuen Wagen zu und wir ziehen um.

Neu: Unterwegs mit Köfferchen

Der Zug ist fast leer; die Bahn App ist nicht gut informiert und so können wir uns zwischen etlichen leeren Vierer-Sitzen entscheiden. Ich wähle Plätze in der Nähe von anderen Kindern, da es die Tochter sowieso nicht länger als ein paar Minuten auf unserem Sitz halten wird. Und so ist es auch: andere Kinder sind einfach viel spannender als die mitgebrachten Spielsachen und schon nach fünf Minuten laufe ich ihr durch den Gang hinterher. Schnell hat sie einen Spielkameraden gefunden, der noch ein wenig wackliger durch den Zug läuft als sie. Am spannendsten sind die Übergänge der Waggons, wo der Boden schwankt und die Wände sich bewegen. Dort wird hin- und hergelaufen, gejauchzt und nicht selten endet der wilde Ritt zwischen den Zugwaggons auf dem windelgepolsterten Popo. Doch die Kleinen sind hart im Nehmen. Schnell wird wieder aufgestanden und weiter geht’s.

Große Kinder mit Schwertern und Malbüchern werden aufgesucht. Die Tochter setzt sich zu einem circa 8-jährigen Mädchen und spielt mit ihrer Treppenspirale, ein Spielzeug bestehend aus einer Kunststoffschraubenfeder, das Stufen herunter“gehen“ kann. Der Vater und ich kommen ins Gespräch. Nach kurzer Zeit haben wir einen Einblick ins Leben des Anderen erhalten und tauschen uns über Lehmhäuser, Erdwärme und alternative Krankenkassen aus. Interessanterweise haben der überwiegende Teil der Bahnfahrer zwischen 20 und 40 etwas zum Thema Gemeinschaften beizusteuern. So vermietet dieser Vater ein Haus in Leipzig, in dem drei Familien zusammen mit einer Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsbereich wohnen. Eine persönliche Bewerbung mit handgeschriebenen Brief der einzelnen Bewerber haben ihn überzeugt, sich für diese Gemeinschaft zu entscheiden. Er lebt mit seiner Familie außerhalb Deutschlands. Die Tochter spielt mit dem Spielzeugschwert des Jungens, während ich erfahre, dass in Slowenien und den meisten EU Ländern Impfpflicht herrscht. Eine Tatsache, über die ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht habe.

Selber schieben!

Wir essen zu Abend und bekommen Besuch von einem Dreijährigen, der die Drückgiraffe der Tochter sehr spannend findet. Während er den Boden der Giraffe eindrückt und das Tier schlaff nach unten hängt, erzählt mir seine Mutter von den Parametern, sich als Geigenbauerin für einen neuen Wohnort zu entscheiden. Musikhochschulen in Weimar, Leipzig und Lübeck bildeten schließlich die Entscheidungsgrundlage und so verschlug es die Familie ans Meer. Der Einblick in die neue Familie endet mit dem Durst des Jungens und wir drücken der Mutter die Daumen, dass das Schlafen ihrer beiden Jungs heute Abend im Zug klappen wird.

Bei uns klappt es diesmal nicht mit dem Schlafen. Selbst im Tragetuch kommt die Tochter nicht zur Ruhe und so spielt die müde Tochter mit roten Bäckchen nach dem Umsteigen mit einem neuen dreijährigen Jungen. „Tatütata“ macht dessen Polizei-Auto und ich bekomme eine Einführung in die verschiedenen Funktionen von Polizei-, Feuerwehr und Notarztauto und darf sogar das Rennauto kurz bewundern. Die Tochter punktet mit ihrem Schleichdinosaurier. Ihr Duplo-Auto wird müde belächelt, aber es muss ja auch noch Luft nach oben geben. So schnell wie das Rennauto fahren kann, wechselt der Junge zwischen spanischer und deutscher Sprache, je nachdem von welchem Elternteil er angesprochen wird. Ich überlege, ob ich die Eltern nach ihrem Wohnort fragen soll, fühle mich aber nach 21 Uhr nicht mehr in der Lage zu einer Konversation mit Erwachsenen. Mit dem Jungen und der Tochter blättere ich durch das bunte Wörterbuch der Tiere. Während die Tochter muht, quakt und bellt wechselt der Junge zwischen deutschen und spanischen Bezeichnungen. Tiere, die an Land leben, spricht er auf Deutsch an, Meerestiere bevorzugt mit der spanischen Bezeichnung. In Bremen steigen wir zusammen aus. Der Junge macht sich mit seiner Familie weiter auf den Weg nach Mexiko, zu seinen restlichen Autos. Wir sind am Ziel angekommen und auf dem Weg zur Straßenbahn schläft die Tochter ein. Trotz der späten Stunde (immerhin 22 Uhr) war sie nicht quengelig. Es gab genug Ablenkung, die müden Kinder haben sich gegenseitig wach gehalten und so ging wieder eine lange Zugfahrt entspannt zu Ende.

Morgen wartet schon die nächste lange Fahrt auf uns. Ich lerne die neblige, stürmische, kalte und ungemütliche Nordsee kennen. Ich bin ja skeptisch – ob das was für mich ist??

Quak quak quak!


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