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MRT-Termin: Gedanken in der Röhre

MRT-Termin:  Gedanken in der Röhre

Ich versuche möglichst nicht darüber nachzudenken, was es bedeuten würde, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Stattdessen denke ich über die Mechanik des Kernspin Tomographen nach und komme zu dem Fazit, dass ich keine Ahnung habe, wie das Ding funktioniert. Man liegt in einer Röhre, die netterweise mit zwei Neonröhren beleuchtet wird, guckt auf weißen Kunststoff und wird mit lauten Techno Beats beschallt. Es gibt Kopfhörer, die nichts nützen, weil sie nie eng genug anliegen. Es gibt einen Notknauf, den man in die Hand gedrückt bekommt. Keine Ahnung ob der was nützt oder nur Attrappe ist. Es gibt keine Ablenkung, nur die Techno Beats der verschiedenen Bilderschichten und die Gedanken. Und das klingt dann so:

DRIIIINGDRIIIINGDRIIINGDRIIING – Ob Metall in meinen Haaren ist, wollte die Helferin wissen. Hab ich Metall in den Haaren? Ne, oder? Shit, an dem Haargummi ist Metall! Mist, was passiert jetzt? Nicht dass die Maschine kaputt geht. Oder mein Kopf zum glühen anfängt. Aber wieso ist Metall im Körper kein Problem und am Körper schon? Und außerdem liegt mein Kopf ja fast außerhalb der Röhre. Wird schon nicht so schlimm sein. Hoffe ich jedenfalls… – Angstschweißausbruch.

DRIIIINGDRIIINGDRIIINGDRIIING

Stille. Nächste Bilderschicht:

TOK TOK DRRRR TOK TOK DRRRR TOK TOK DRRRR TOK TOK DRRRR

Ich versuche auszurechnen, wie oft ich schon in die Röhre geschaut habe und komme auf ungefähr 20 Mal. Obwohl – es müssten ein paar mehr sein. Einmal, kurz vor den Abiturprüfungen wollte ich unbedingt meine Notizen mit rein nehmen. Es war ein oder zwei Tagen vor einer Geschichtsklausur, aber die Helferin  (man kannte und duzte sich) blieb hart. „Du darfst dich nicht bewegen, und wenn du umblätterst, bewegst du dich. Wir legen dir das Buch unters Kopfkissen, das hilft auch!“. Ich lag also mit dem Stark Geschichtstrainer unterm Kopfkissen in MRT und wummerte mir TOK TOK TOK DRRRR TOK TOK TOK DRRR ins Hirn.

Stille. Was war nochmal die nächste Bilderschicht?

Ach ja, ein tiefgebrummtes

HABDAAAHABDAAAAHABDAAAAHABDAAAHABDAAA.

In meinen MRT Dauergast Zeiten konnte ich den ganzen Wummer-Techno-Soundtrack auswendig. Mittlerweile bin ich aus der Übung.

In dem alten Gerät gab es in der Röhre auf Kopfhöhe ein Klebeband-Fitzel. Ein gelber Klebebandrest. Jedes Mal, über Jahre, fragte ich mich, wie dieser Klebebandrest da in die Röhre kam. Hielt er am Ende alles zusammen? Während HABDAAAAHABDAAAAAHABDAAAAHABDAAAAA mir einen mittleren Hörschaden einbrachte, sinnierte ich über den Klebebandrest. Im neuen Gerät gibt es keinen Klebebandrest, dafür wurde am Lautsprecher der Lack abgepopelt. Wer popelt denn da den Lack ab, wenn man sich nicht bewegen darf? HABDAAAAAHABDAAAbAHABDAAAA

Stille. Sind wir etwa schon durch? Geht die Tür auf?

WUIIIWIIIIWUIIIWIIIWUIIIWIIIWUIIIWIII die höchste Frequenz spaltet mir die Hörnerven wie saubere Skalpellschnitte. Ich vergesse kurz, nicht an die Folgen denken zu wollen und kann mich gerade noch ablenken bevor ich in der Was-wäre-wenn Spirale verloren gehe. Ein Bildschirm zum Ablenken, das wärs! In so ein Hightech Gerät ein kleines Tablet einbauen sollte doch möglich sein. Stört aber wahrscheinlich die Elektronik. Schade; es würde die Zeit in der WUIIIIIWIIIIIWUIIIIIWIIIIWUIIIIWIIII Maschine verkürzen.

Stille. DRDRDR MMMM DRDRDRDR MMMM DRDRDRDR MMMMN TOKZOK Stille. Die Liege fährt mich tiefer in die Röhre hinein. Mist, noch nicht vorbei.

SCHWUSCHSCHWUSCHSCHWUSCHSCHWUSCH MÖPMÖPMÖPMÖPMÖPMÖPMÖP

Noch eine Bilderschicht. Langsam dauert es mir zu lange. Was könnte man denn noch denken, in der Röhre? Ich denke an die Leute außerhalb der Röhre, die geschäftig ihren Weihnachtsbesorgungen nachgehen. Und an die Leute, für die Weihnachten und Geschenke das geringste Problem darstellt, weil sie viel größere Sorgen haben.

MÖPMÖPMÖPMÖPMÖPMÖPMÖPMÖP.
Stille. Tür geht auf. „So, alles in Ordnung? Bitte langsam aufstehen, anziehen, im Wartezimmer Platz nehmen, der Doktor ruft Sie dann auf!“. (Man kennt sich nicht mehr, man siezt sich).

Im Wartezimmer sitze ich neben einer zynischen Zeitschrift und warte auf den Doktor. Der will wissen, warum er kein Kontrastmittel spritzen durfte, da könne er doch viel mehr sehen. Ich erwähne eine allergische Reaktion, „ach so, nur lokal? Aha, hmhm, naja .“, und lasse die Folgen davon (zweimal „fälschlicherweise“ operiert, einmal Weihnachten deswegen im Krankenhaus gefeiert), außen vor. (Wenn die Ärzte manchmal wüssten!) Zumindest dieses Jahr wird uns der Kontrastmittelverzicht eine allergiefreie Feier bescheren und friedliche Nächte. Mit Kontrastmittel wäre zwei Tage Stillpaude erforderlich  und das wäre für den Weihnachtsfrieden wahrscheinlich nicht so zuträglich.

Nach einer Stunde bin ich wieder draußen im Regen und habe es geschafft. In den Ohren dröhnt es noch ein bisschen, aber der Kopf ist wieder frei.



2 thoughts on “MRT-Termin: Gedanken in der Röhre”

  • Hi, MRT ist immer Mist, als ich die Technobeats bei Dir r gelesen habe, war ich gleich wieder bei meinem letzten Termin… Gut, dass nichts war!
    Dass man mit Kontrastmittel nicht stillen darf, ist übrigens so pauschal nicht richtig – kommt auf das Präparat an. Mein MRT-Arzt sagte mir allerdings platt ins Gesicht, er hätte davon keine Ahnung & 48h seien jetzt ja auch nicht die Welt. So entnervt lag ich noch nie in der Röhre!
    Schöne Weihnachten für Euch!

    • Hallo Cosima, das wusste ich gar nicht mit dem Kontrastmittel… wie ätzend von deinem Arzt. Der hat auch keine Ahnung wie lange 48h sein können!! Ich wäre auch super genervt gewesen an deiner Stelle :/. Hoffe, ihr habt die Stillpause gut gemeistert! Liebe Grüße, Veronika

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