über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Auf Wiedersehen, Land der Frühaufsteher!

Auf Wiedersehen, Land der Frühaufsteher!

Für mich und die Tochter heißt es morgen Abschied nehmen aus Sachsen-Anhalt. Nie hätte ich gedacht, dass ich hier mal landen werde. Die erste Zeit war auch schwierig gewesen, ich musste mich erst an die Mentalität der Menschen gewöhnen. Die Straßen hier sind von dicken Mauern umgeben, die Gärten liegen hinter den Häusern versteckt und hohe Zäune verbieten jede Einsicht. Die Abschottung hat sicher mit der Geschichte zu tun, für mich hatten die verbarrikadierten Häuser etwas sehr abweisendes. Zumindest riefen sie Einen nicht willkommen, wiederum das passend zu den Menschen. Hatte man aber doch Kontakt geknüpft zu den Anhaltiner schlich sich in den rauhen  Ton durchaus eine herzliche Note.

Hätte mich das Studium nicht hierhergezogen, hätte ich dieses Land nicht so kennengelernt. Die Städte im Harz, allen voran Quedlinburg und Wernigerode sind wirklich eine Reise wert. Vor allem in der Weihnachtszeit, wenn in Quedlinburg Advent in den Höfen ist und viele Kunsthandwerker ihre Werke präsentieren, ist die Stimmung wunderschön. Halle bietet viele schöne Spaziergänge entlang der Saale. Entlang dem Fluss kann man unterhalb der Burg entlang spazieren, an den Klausbergen ein Picknick machen und dann zu Reichhardts Gärten aufsteigen. Dieser ist nach dem Vorbild Rousseaus als englischer Landschaftsgarten gestaltet worden und wirkt wie ein romantischer Ort fernab vom Stadtgetummel. Halle hat für Familien unglaublich viele Angebote. Es gibt nette Eltern Kind Cafés und jeden Tag eine andere Spielgruppe, von verschiedenen Organisationen veranstaltet. Auch wir waren am Ende öfter in einer Spielgruppe; als die Autofahrten erträglich wurden mit der Tochter und  ihre Schlafenszeiten dazu gepasst haben. Wir haben uns gestern von unserer Spielgruppe verabschiedet. Den Kindern wurde vorgelesen und die Eltern dürften sich bei einem Verwöhnfrühstück entspannen. Ein sehr schöner Abschluss war das und ich bin ein bisschen traurig darüber, dass unsere Spielgruppen Zeit nur so kurz war. Aber vielleicht gibt es ja andernorts auch wieder eine. In Halle habe ich mich immer sehr wohl gefühlt und könnte mir dort auch vorstellen, zu wohnen. Viele junge Familien, viel Grün in der Stadt, noch relativ günstige Mieten. Aber wer weiß wie lange noch. Schließlich sagt man hier, dass Leipzig das neue Berlin ist und dann ist Halle wohl das neue Leipzig!

In unserer Kleinstadt hingegen konnte ich mich nie wirklich zuhause fühlen. Da wir in einem eher Alternativen Haus wohnten und die Tür für alle offen stand, waren wir den alteingesessenen Anwohner hier ein Dorn im Auge. Nannte ich nach Nachfrage unsere Adresse, konnte ich im abschätzigen Blick meines Gegenübers die Vorurteile erkennen. Bei der Physiotherapeuten habe ich mal näher nachgefragt, was die Leute eigentlich gegen unser Haus haben. Zu viele Hippies, zu viel barfuß-laufen und Kinder-tragen war die Antwort. Auf Bäume seien hier schon welche geklettert und die Straße auf und abgehüpft wie Frösche. Vor sechs Jahren sei das gewesen. Nein, also solche Leute… eine Sekte sei das, die da lebte.

Die Meinung der Leute… darauf muss man nichts geben, aber einen persönlichen Tiefpunkt hatte ich hier auch mit einer Nachbarin. Wir hatten eine Gruppe Flüchtlingskinder zu Besuch, die hier ein Mini-Camp zum Deutschlernen besuchten. Beim Spielen im Garten wurde der Ball hinüber geschossen und ich ging mit den Kindern hinüber, um beim Nachbarn zu klingeln. Wir haben den Ball aber nicht wieder bekommen, denn die Nachbarin könnte nicht verstehen, warum wir uns „solche Leute“ ins Haus holen würden. Die Kinder seien zu laut und sie würde das nicht unterstützen, das solche Kinder und Garten spielen. Eine treue AFD Wählerin, tippe ich.

Es ist schade, dass wir hier in der Kleinstadt nicht besser ankommen konnten. Als wir hier ankamen vor 1,5 Jahren hatten wir viele Pläne, wie wir mit der Bevölkerung zusammen kulturelle Angebote schaffen könnte. Eine Zeitlang waren wir ein Treffpunkt für Jugendliche. Nachdem wir zweimal ziemlich groß beklaut wurden, war das Verhältnis zu gestört, als dass es weiter funktioniert hätte.

So ziehen wir jetzt weiter, von einem Ort der von Anfang an nur als Zwischenlösung von 1-2 Jahren gedacht war. Mehr ist daraus auch nicht geworden. Mit den neuen Mitbewohnern bewegt sich gerade wieder sehr viel und vielleicht schaffen die es ja, für den Ort hier ein (noch) größerer Zugewinn an Offenheit, Menschlichkeit und Herzlichkeit darzustellen.

Es wäre diesem Ort zu wünschen.



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