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Gemeinschaftssuche – die zweite Woche in Spanien

Gemeinschaftssuche – die zweite Woche in Spanien

Die Fotos in diesem Beitrag sind von Rolf, der hier so fleißig geknipst hat in den zwei vergangenen Wochen und uns dadurch ein wunderbares Geschenk gemacht hat. 

Die zweite Woche verging wie ein Wimpernschlag – einmal nicht hingeguckt und schon war die Woche um! Mittlerweile haben wir hier einen Alltag; wir sind vollkommen angekommen und haben unsere Routinen und Tagesabläufe angepasst. Anders als die erste Woche gab es auch ein paar Tiefs und die rosarote Brille ist langsam verblasst, sodass man die ganze Sache wieder mit mehr Realismus betrachten kann. Das ist sehr beruhigend und ich fühle mich damit wohler, als mit der Euphorie der Anfangszeit, bei der man sich selbst vor lauter Idealismus nichts mehr glauben kann.

Foto von Rolf Habel

Es war absolut die richtige Entscheidung, noch länger hierzubleiben und sich Zeit zu nehmen, den Ort und die Menschen hier ein bisschen näher kennen zu lernen. Wobei man die Menschen wirklich schnell sehr gut kennenlernt, da wir auf sehr engem Raum miteinander wohnen. Es gibt zwei Häuser, die direkt nebeneinander stehen und über die Dachterrasse miteinander verbunden sind. In dem Haupthaus gibt es vier Schlafzimmer, in dem Nebenhaus zwei. Zusammen mit zwei Besuchern, die im Camper schlafen waren wir jetzt konstant elf Erwachsene und zwei Kinder. Jetzt kommt ein bisschen Bewegung in die feste Gruppe, da drei neue Besucher gekommen sind und zwei leider wieder fahren müssen. Die Dynamik in der Gruppe war sehr gut, es gab ein, zwei mit denen man nicht so viel Kontakt hatte als mit anderen. Es gab ein, zwei von denen man schneller mal genervt war und ein, zwei mit denen man sich gefühlt hat, als wäre man schon eine ganze Weile befreundet. Aber alles in allem waren wir eine richtig harmonische Gruppe, in der jeder seinen Platz gefunden hatte.

Foto von Rolf Habel

Die andere Mutter hat uns als „Gemeinschaft der Gäste“ bezeichnet und das passt irgendwie sehr gut zu diesem Ort. Es ist nämlich, anders als wir das erwartet haben, noch keine feste Gemeinschaft hier, sondern ein Kommen und Gehen verschiedener Leute. Die Einen sind Künstler und nutzen diesen Platz als Künstlerresidenz auf Zeit, die anderen sind auf der Suche nach einer Lebensgemeinschaft. Manche wohnen hier für ein, zwei Jahre, andere nur für ein paar Monate. Ganz angesiedelt hat sich, bis auf einen, also noch niemand. Das hatte verschiedene Gründe, hauptsächlich liegt der Grund darin, dass es schwer ist, den Anfang zu machen. Sich in Gemeinschaften einzufinden, in denen schon eine feste Gruppe von 10 oder mehr Leuten lebt, ist einfacher, als die ersten Siedler zu sein und darauf zu setzen, dass weitere Familien, Kinder und Gleichgesinnte dazu kommen werden. Dabei hat dieser Ort sehr viel Potenzial. Die Landschaft ist in meinen Augen wunderschön, die Dorfgemeinschaft scheint sehr freundlich zu sein und die Nähe zum Meer wäre ein Traum. Die dezentrale Gemeinschaft mit dem Wohnsitz hier in Spanien und der zweiten Basis in Deutschland bietet viel mehr Freiheiten, als andere Lebensgemeinschaften, fordert aber sehr viel Vertrauen.

Foto von Rolf Habel

Ich fühle mich hier schon wie zuhause. Was mich stört, ist die momentane Abhängigkeit, weil unser Auto noch in Deutschland ist und es hier keine Busverbindung in die nächste Stadt gibt. Mit der geringen Rückzugsmöglichkeit und der fehlenden Privatssphäre durch die offene Struktur des Hauses kann ich erstaunlich gut umgeben. Es gibt zwar schon Momente, in denen ich davon genervt bin – zum Beispiel wenn ich die Tochter ins Bett bringe und es ist zu laut. Aber dann bekomme ich ein Schild gemalt „Psst, Baby is sleeping“. Oder gestern nach dem Abendessen wird Stille Post gespielt, damit 14 Leute einigermaßen leise sind. Diese versuchte Rücksichtnahme rührt mich, und ich verstehe auch, dass es schwierig ist bei einer Stillen Post die mit „Auf Liebesreise sprach der Leibesriese: Reib es Liese und sie rieb es leise“ anfängt und mit „Liebelei auf der Hihi“ aufhört, in einer ausgelassenen Stimmung nicht zu lachen. Der Versuch der Rücksichtnahme ist es, worauf es ankommt. Trotzdem ist es klar, dass wir nicht hier im Haus wohnen werden, sollten wir uns hier niederlassen.

Foto von Rolf Habel

Alltag in Spanien

Unser vorrübergehender Alltag hier sieht so aus, dass die zwei Familien sich meist mit einem Frühaufsteher gegen acht Uhr in der Küche treffen. Dann wird Tee und Kaffee gekocht und man redet ein bisschen und bereitet das Frühstück vor. Wenn dann nach und nach die anderen eintrudeln wird gemeinsam gegen neun Uhr gefrühstückt. Mit Abwasch dauert es dann meist bis halb elf, bis das Frühstücksgeschehen beendet ist.

Foto von Rolf Habel

Am Abend vorher wurde besprochen, wer an welchem Projekt arbeiten möchte, wer einen Tag Ruhe möchte, wer im Haus bleiben will und wer in den Garten geht. Außerdem wird geklärt, ob Einkaufen gefahren werden muss und wer fährt, und ob es sonst irgendwelche Termine gibt. Zwei bis drei Leute kümmern sich dann ab zwölf um das Mittagessen, das es meistens gegen eins, halb zwei im Garten gibt. Nachmittags sind dann eigentlich alle im Garten. Man kümmert sich um die Bewässerung der Beete, um die Pflanzen, um das Verputzen der Outdoor-Küche, die gerade gebaut wird und um die Gestaltung dieser mit Fliesenmosaik. Mein Mann baut gerade mit dem anderen Papa an einer Terra-Praeta Toilette (ähnlich einer Kompost-Toilette, ich werde das vorstellen wenn es fertig ist), ein anderer baut eine Mauer wieder auf. Außerdem müssen die Oliven jetzt langsam geerntet werden, die Mandeln geschält und geknackt werden, das ganze Lager im Garten müsste sortiert und aufgeräumt werden – ihr seht, es gibt genug zu tun.

Foto von Rolf Habel
Ein Pfirsichbaum bekommt ein neues Zuhause. Foto von Rolf Habel

Gegen 18 Uhr fahren wir dann zurück zum Haus, zwei bis drei Leute sind schon eher los und kümmern sich um das Abendessen. Für 12-14 Leute zu kochen ist echt ein Fulltime Job. Abends wird manchmal noch etwas gespielt, oft aber wurschtelt jeder für sich noch so ein bisschen rum und ab 22 Uhr ist es immer ruhig im Haus.

Uns gefällt es also weiterhin außerordentlich gut hier und wir schmieden fleißig Pläne. Die fühlen sich noch nicht öffentlich verkündbar an, aber werden jeden Tag ein bisschen konkreter.



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