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Wir können stillen bis der Schulbus kommt!

Wir können stillen bis der Schulbus kommt!

Im September habe ich geschrieben, dass die Tochter und ich tagsüber nicht mehr stillen. Ich war während dieser Zeit sehr müde und die Tochter hat meine Entscheidung, tagsüber nicht zu stillen so gut akzeptiert, dass ich das Gefühlt hatte, sie braucht es nicht mehr. An seltenen Tagen habe ich sie mittags noch einmal gestillt. Dann, wenn sie sehr müde war, aber nicht in den Schlaf finden konnte. Es fühlte sich stimmig an.

Kurz vor Abreise nach Spanien wurde sie krank und wir stillten wieder nach Bedarf. Sie hatte weniger Appetit und bekam durch die Muttermilch die notwendigen Nähr- und Abwehrstoffe. Die Erkältung ging glimpflich aus, es blieb bei einem dicken Schnupfen. Es ging ihr nach der Ankunft in Spanien wieder gut, aber sie stillte trotzdem noch einige Male tagsüber. Für mich war das gut so wie es war, aber mein Mann meinte, jetzt sei es mal wieder gut mit dem tagsüber stillen, die Tochter sei jetzt ja wieder gesund. Und ich stöhnte innerlich ein bisschen, weil ich kenne seine Haltung und ich hatte einfach überhaupt keine Lust, darüber zu diskutieren.

Unterschiedliche Meinungen über den Stillbedarf

Die Tochter und ich stillen tagsüber wieder nach Bedarf. Der liegt im Moment bei drei bis vier Mal über den Tag verteilt. Mein Gefühl sagt mir, dass es für sie im Moment sehr wichtig ist zu stillen. Sie lässt sich nicht durch andere Trink- und Essensquellen ablenken und ich insistiere auch nicht. Es passiert gerade so viel, sie ist den ganzen Tag von Menschen umgeben, agiert mit jedem ein wenig anders und hat zu manchen eine engere Beziehung aufgebaut als zu anderen. Die soziale Interaktion, die verschiedenen Sprachen (sie wird auf deutsch, spanisch, englisch und niederländisch angequatscht) sind sicher anstrengend. Nebenbei ist sie den ganzen Tag körperlich aktiv, übt das Laufen und klettert überall hoch. Ich stille sie gerne und da ich mich auch gut damit fühle, gibt es im Moment keinen Grund, es nicht zu tun.

Mein Mann würde sich wünschen, dass ich sie tagsüber abstillen würde. Seiner Meinung nach ist sie ausgeglichener, wenn sie weiß, dass die Brust nicht zur Verfügung steht. Es stimmt, dass die Tochter während der vier Wochen Still-Abstinenz sehr ausgeglichen war, weshalb sich diese überhaupt erst richtig angefühlt hatte. Die Still-Abstinenz tagsüber war also eine Folge der Ausgeglichenheit und nicht andersrum, denke ich. Das weitere Argument, dass der Schritt Richtung Abstillen ein wichtiger Richtung Selbstständigkeit ist, stimmt wahrscheinlich auch. Aber mit 13 Monaten kann die Welt besonders selbstständig entdeckt werden, wenn die notwendige Sicherheit und Geborgenheit bei Bedarf genutzt werden kann. Und die findet die Tochter im Moment beim Stillen. Hier kommt sie für ein paar Minuten zur Ruhe. Und das klappt eben gerade nur mit Kuscheln nicht.

Während ich also mit meinem Mann über das Stillen tagsüber diskutiere, merke ich, dass er alle Argumente der Welt anführen könnte und ich sie mir gerne anhöre, sie in dieser Frage aktuell aber nichts ändern. Nicht falsch verstehen: Seine Meinung ist mir immer sehr wichtig und wir stimmen uns in den Erziehungs- und Beziehungsfragen IMMER ab. In diesem Fall sagt mir aber mein Mutterinstinkt einfach, dass mein Kind das jetzt braucht und ich möchte ihm das gerne geben. Und damit beende ich die Diskussion.

Und ab wann diskutieren wir dann wieder? Zählen deine Argumente des Mutterinstinktes mit zwei und drei Jahren auch noch, wenn du wie die Frauen aus der Doku argumentiert?, fragt mein Mann. Ich habe nämlich noch in der Schwangerschaft mit meinem Mann die Doku „Stillen bis der Schulbus kommt“ angesehen (gleichnamig auf YouTube zu finden und sehr abschreckend). Und ich glaube, das ist seine große Angst seitdem. Dass ich „den Absprung“ nicht finde und die Tochter auch mit drei oder vier noch stille. (Und selbst wenn – so what?)

Wäre das hier ein Wettbewerb, wer die meisten Stimmen auf seine Seite ziehen könnte, er hätte mit Abstand gewonnen. Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel stehen einer langen Stillbeziehung skeptisch gegenüber und finden (ungefragt), es sei jetzt auch langsam mal gut. Der Teil unserer Freunde, die auch ein bisschen Öko sind wie wir, findet ein langes Stillen natürlicher und selbstverständlicher als die Freunde aus der Schulzeit. Gut, dass es kein Wettbewerb ist, sondern dass ich mir all die vielen Meinungen und Blicke anhören und anschauen kann und trotzdem einfach mein Ding (aka meine Milch) machen kann.

Bei all den Meinungen bin ich froh um den Eltern-Clan, den ich im Netz habe und der mich in meinem Weg bestärkt. So habe ich die Möglichkeit viele Mütter kennenzulernen, die auch jenseits der 12. Monatsgrenze ihre Kinder noch stillen. Ein paar Gleichgesinnte tun trotz aller Mutterinstinkte eben doch gut.

Ja, und wie lange wird denn jetzt noch gestillt? 

Die Bloggerin Susanne Mierau hat auf die Frage wie lange man denn jetzt noch stille, einmal so treffend geantwortet: solange Mutter und Kind es wollen. Und so halte ich es auch. So wie sich die Bedürfnisse hin zu einem häufigeren Stillen noch einmal geändert haben, so werden sie sich auch wieder davon weg bewegen. Dann werden wir wieder weniger stillen und irgendwann auch gar nicht mehr. So wie ich und die Tochter das wollen.

 



9 thoughts on “Wir können stillen bis der Schulbus kommt!”

  • Hej Veronika,

    wir stillen hier ja auch noch, inzwischen zwar nicht mehr so häufig wie noch vor einem halben Jahr, was verschiedenste Gründe hat, aber ich stille immer noch auch einen fast Zweijährigen noch sehr, sehr gerne und dann, wenn er es benötigt, soweit möglich.
    Witzig, dass es häufiger Männer gibt, so habe ich es bisher zumindest mitbekommen, die es ab und an oder häufiger stört, dass frau „noch“ stillt. Mein Mann war zwischendurch und immer mal wieder auch nicht so ganz begeistert. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass durchaus das Beruhigen dann schwieriger fällt oder es eben auch nicht möglich ist, den Lütten ins Bett zu bringen (was aber nun eher mein Problem ist als seines, finde ich).

    Liebe Grüße und noch eine wunderschöne Zeit in Spanien

    Lea

    • Danke Lea, da bin ich ja nicht die einzige, deren Mann das zwischendurch nicht so gut findet. Wenn ich nicht da bin, kommen Tochter und Papa wunderbar zurecht mit einschlafen/beruhigen. Aber wenn ich da bin, werde ich schon klar bevorzugt… da steht Papa an zweiter Stelle und das ist auch okay für ihn. Zur Zeit stört mich das auch nicht :). Lg!

  • Ich war am Schluss auch hin und her gerissen, hatte dann Sorge dass Kita Eingewöhnung sonst schwer wird für den Papa => nach 13 Monaten war Schluss. Leider. Auch wenn ich es sehr genieße wieder gelegentlich Alkohol zu trinken.

    • Ja ich habe schon oft gehört, dass Frauen es schade finden „nur“ 13 oder 8 oder 20 Monate zu stillen – auch interessant, dass das im Nachhinein so empfunden wird.. der Alkohol fehlt mir überhaupt nicht. 😉 Lg

  • Liebe Veronika,
    ich glaube ganz fest daran, dass Höhen und Tiefen zu jeder Beziehung dazu gehören, so auch in einer Stillbeziehung! Ob und wie lange gestillt wird, können und sollten nur Mutter und Kind entscheiden, wenn eine von beiden nicht mehr möchte, dann akzeptiert die Andere das, auch wenn es manchmal länger dauert.
    Was die übrigen Menschen sagen ist dann nicht so wichtig, denn es kann auch keiner über den anderen sagen, was er oder sie wann können muss. Solange es für dich und dein Kind stimmig ist, stimmt es!!!
    Das wollte ich gern einmal schreiben, mit dem Hintergrund von zwei ganz unterschiedlichen Stillbeziehungen, wo es immer am Besten geklappt hat, wenn ich auf meine und die Bedürfnisse der Kinder gehört habe.
    Mit Abstand betrachtet, dauert eine Stillbeziehung, selbst wenn sie Jahre dauert fast nur einen Wimpernschlag im ganzen Leben des Kindes.
    Alles Liebe und Kraft
    Sandra aus Hamburg

    • Liebe Sandra, das ist ein tolles Bild, dass auch eine Stillbeziehung wie jede Beziehung nicht gleichförmig vor sich hin plätschert, sondern Höhen und Tiefen hat. Danke für dieses schöne Bild 🙂 liebe Grüße, Veronika

  • Gruss und Zuspruch von einer weiteren Langzeitstillerin! Eins meiner Kinder hat sich mit 20 Monaten selbst abgestillt — er hatte einfach kein Interesse mehr. Dem anderen habe ich den Milchhahn mit 22 Monaten zugedreht, weil ich total erschoepft war und endlich wieder nachts durchschlafen wollte. Die ersten beiden Naechte brachte dann mein Mann meinen Sohn zurueck in den Schlaf und seitdem schlafen wir alle durch! Ich denke, solange es euch beiden (!) gut dabei geht, gibt es kein Alterslimit. Bei uns hat sich eigentlich niemand eingemischt, den einzigen doofen Kommentar diesbezueglich musste ich mir mal von meiner Mutter anhoeren, aber ich habe sie direkt gefragt, warum SIE es eigentlich stoert, wenn ICH noch stille . Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr erinnern, wie mein Mann das Ganze fand. Ich finde aber auch, dass man als stillende Mutter da einfach mehr zu melden hat als der Mann. (Genauso wie die Frage, ob man ueberhaupt stillen mag oder kann, ebenfalls primaer die Mamas betrifft und eben nicht die Papas).

    • Danke Eva für deinen Kommentar! Ich bin gespannt, wie sich unsere Stillbeziehung weiter entwickelt. Wie langzeitstillen fühlt es sich noch gar nicht an… 😉

  • lieber papa der kleinen tochter zusammen mit veronika.
    ich wende mich an dich, obwohl es nicht dein text ist. aber ich möchte dir ein paar gedanken mitgeben.
    ich finde es nämlich so verrückt, das stillen bei zb 13mt alten kindern schon als langzeitstillen gilt! gerade „offiziell“ kein baby mehr und „nun sei doch mal selbstständig“. stell dir vor, du bist körperlich so klein und entdeckst die welt erst seit 1nem (!!) jahr und du krabbelst/läufst einfach mal weg von deiner sicheren mama-papa-basis, dein radius wird immer grösser, du erfährst distanz und selber-machen, erlebst 1000 neue dinge (tannennadeln unter den krabbelhänden) und irgendwann bist du voll mit neuerlebtem oder erschreckst dich. natürlich willst du da zurück in die sicheren arme, in die geborgene nähe! und ja, meistens ist der sichere busen noch etwas besser. aber eben nicht immer. und je öfter du als papa die „richtige“ nähe gibst, je öfter die tochter und du gemeinsam runterfahren könnt, desto öfter brauchts den busen nicht. angriffige frage, aber nicht bös gemeint: traust du dir zu, die „noch nicht ganz geborgenheit und darum überfordertheit“ der tochter auch mal länger auszuhalten, auch wenn der busen zu verfügung stehen würde? und das mit dem absprung nicht schaffen…. ich hab die doku nicht gesehen und auch keinen bock drauf. aber glaubst du, diese menschen haben „gesunde beziehungen“? ja, bei irgendwelchen naturvölkern ist stillen bis 7jahre normal. wir sind aber (leider) kein naturvolk mehr und nur weil das wort natur drin vorkommt ist noch lange nicht alles gut daran… ich bin überzeugt davon, dass ein kind, welches verschiedene wege kennen lernen darf, auf welchen es erhohlung und geborgenheit findet, mit welchen es gefühle zulassen und verarbeiten kann, sich früher oder später abstillt (oder von der mutter dazu angehalten wird). doch bis dahin ist die zeit am busen ein wichtiges werkzeug mit dem die welt, so abenteuerlich sie auch ist, nicht viel zu gross wird.
    und darum lieber papa, freu dich darüber das die mama deines kindes ihr gerne dieses werkzeug zur verfügungstellt (und es auch kann).
    liebe grüsse kati

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