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Gemeinschaftssuche – die vierte Station: Ankunft in Spanien

Gemeinschaftssuche – die vierte Station: Ankunft in Spanien

Wir sind in Spanien. Nachdem unser Flug am Dienstag eine Stunde vor Abflug storniert wurde und wir in Frankfurt übernachtet haben, sind wir am Mittwoch gut gelandet und ich hatte bei der Landung in Barcelona vor Erleichterung, dass das Kind keine Ohrendruckprobleme hatte und nicht den ganzen Flug geschrien hat, ein bisschen Pipi in den Augen. Die Busfahrt vom Flughafen hat dann ewig lange gedauert, mit Verspätung ungefähr vier Stunden und war ziemlich anstrengend. Wir haben die allerletzten zwei Plätze im Reisebus bekommen und saßen so nicht nebeneinander, was die Kinderbeschäftigung mit einer leicht genervten Frau neben mir, etwas erschwert hat. Vor allem, weil es kein Tischchen vor dem Sitz gab, immer alles sofort runtergefallen ist, was ich der Tochter gegeben hat und sie auch nicht so ganz verstanden hat, warum sie jetzt nicht den Bus erkunden darf. Auf der Hälfte der Strecke mussten wir dann umsteigen und saßen dann glücklicherweise nebeneinander. Unsere Bus-Entertainment Station hat aber nicht so lange beschäftigt, wie ich mir das erhofft hatte…

Um 19 Uhr kamen wir dann erschöpft und müde in der Gemeinschaft an und wurden auch schon erwartet. Eine Familie, die wir beim Los geht’s in Kassel kennengelernt hatten und der wir von der Gemeinschaft hier erzählt hatten, war zwei Tage vor uns angereist. Wir hatten uns hier quasi verabredet und hatten uns schon im Vorhinein sehr gefreut, dass ein Treffen hier klappen würde.

Das Haus ist eine Künstler-Residenz und das ist auch in allen Bereichen sichtbar 🙂

Die Gemeinschaft in Spanien nennt sich Familia Feliz, und funktioniert in vielen Bereichen ganz anders, als die Gemeinschaften, die wir in Deutschland kennengelernt haben. Kennengelernt haben wir sie über einen persönlichen Kontakt, da einer der Gründungsmitglieder schon öfter in unserer Villa zu Besuch war.

Ein paar Fakten zur Gemeinschaft (es ist etwas kompliziert, und in manchen Dingen brauche ich noch ein bisschen, um es ganz zu begreifen, aber hier findet ihr die ganze Charta, falls Interesse besteht):

  • die Gemeinschaft lebt dezentral an mehreren Orten. Im Moment ist das ein Dorf in Spanien, ziemlich genau in der Mitte zwischen Barcelona und Valencia und eines in Deutschland, in der Nähe von Köln. Der Gedanke dahinter ist, dass so zwischen den Orten Güter getauscht werden können (zum Beispiel Granatäpfel, Mandeln, oder Oliven, die hier im Garten wachsen, mit Äpfeln, Birnen, Kirschen, die in Deutschland wachsen).
  • Es gibt eine gemeinsame Ökonomie des Schenkens. Das heißt, jeder verwaltet sein eigenes Geld, und wirbt bei größereren Anliegen bei den anderen Mitgliedern um eine Schenkung. Für jedes Mitglied soll Eigentum erworben werden. Das heißt, es gibt keine Genossenschaft, wie bei vielen anderen Gemeinschaften, sondern die einzelnen Häuser und Grundstücke sind auf die verschiedenen Mitglieder verteilt. In Spanien ist Land nicht besonders teuer, und ab 10.000 qm² darf ein Haus auf dem Grundstück gebaut werden. Also gehört das Haus, in dem wir im Moment schlafen, dem einem Gemeinschaftsmitglied, der Garten mit 4 Hektar, einem anderem Gemeinschaftsmitglied. Hintergrund ist der Gedanke, dass niemand in der Gemeinschaft bleiben muss, wenn er eigentlich nicht mehr möchte, aber sich finanziell abhängig fühlt.

Die Gemeinschaft liegt in einem Dorf in der Gegend Castellon, im Land Valencia auf 300 Meter. Die beiden nächstgrößeren Städte und das Meer sind 14 und 20 km entfernt. Es gibt einen Supermarkt, einen Bäcker, eine Musikschule, eine Bücherei, eine Burgruine und eine kleine Kneipe. Die Landschaft ist hügelig, leicht bergig, es werden Oliven angebaut und Mandeln und es gibt viele Granatäpfelbäume, Kakis wachsen hier und Orangen, Kaktusfeigen und noch viele andere, für uns exotische Früchte.

 

Man kann die Gemeinschaft hier in Spanien gar nicht mit den Gemeinschaften, die wir in Deutschland kennengelernt haben, vergleichen. Allein das Wetter hier, die Landschaft, das Lebensgefühl allgemein, unterscheidet sich so deutlich, dass es wahnsinnig schwer ist, einen Vergleich zu ziehen. Hier sind plötzlich ganz andere Dinge wichtig, ein ganz anderes Leben ist vorstellbar. Hier erscheint es plötzlich nicht mehr so wichtig, eine große Stadt in der Nähe zu haben und einen ganz bestimmten Job nachzugehen. Das liegt glaube ich daran, dass das Grund-Zufriedenheitsgefühl ein anderes ist. Den ganzen Tag im Garten oder draußen sein, werkeln und einen Ort schaffen, der noch im Entstehen ist, gibt eine ganze andere Zufriedenheit am Ende des Tages. Und wovon lebt man hier werden sich jetzt viel fragen? Ich werde da noch ausführlicher darüber schreiben, aber man muss bedenken, dass das Leben ein einfacheres wäre und man wenig Geld bräuchte. Ein kleines Häuschen, aus Holz und Lehm, Stromversorgung über Solarpaneele auf dem Dach, Wasser aus dem Brunnen oder durch ein Regenwasser-Reservoir auf dem Geländer und eine Komposttoilette. Das klingt jetzt für manche wahrscheinlich abschreckend. Komischerweise war ich an den Orten, an denen das Leben so einfach war, wie zum Beispiel auf einer Hütte in den Bergen ohne fließend Wasser und Strom, immer am glücklichsten. Anscheinend ruhe ich da mehr in mir, wenn es weniger Ablenkung durch Konsum und materielle Notwendigkeiten gibt. Fragen, ob ich jetzt die eine oder die andere Küchenmaschine brauche, oder nicht, strengt mich nämlich an. Es wäre fast ein autarkes Leben. Ein Leben, was in Deutschland (zumindest für mich) unvorstellbar wäre.

Wir haben uns nach den paar Tagen hier schon gut eingelebt, reden viel über ein alternatives Leben und können es während der Zeit hier auch schon kosten. Im Moment fühlt es sich gut an, und ich bin gespannt, wie sich das die nächsten Tage noch entwickelt. Es gibt viel zu überlegen und überdenken, die vielen Denkanstöße brauchen Phasen der Ruhe, um überdacht und verarbeitet zu werden. Ich freue mich auf die nächste Woche und lasse euch an dem Abenteuer, über eine Auswanderung nachzudenken, teilhaben. Aber jetzt muss ich in den Garten und am Fließenmosaik weiterarbeiten.



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