über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Gemeinschaftssuche – die zweite Station

Gemeinschaftssuche – die zweite Station

Die zweite Station unserer Gemeinschaftssuche führte uns in den Harz, genauer gesagt nach Harzgerode. Gehört hatten wir von dem Projekt, dass in einer alten Lungenklinik entsteht, schon viel: unsere Mitbewohner sind davon zum Teil sehr begeistert und waren schon öfter dort zu Besuch. Obwohl uns die Gemeinschaft mit 100+ Menschen vom Gefühl her schon zu groß war, wollten wir das Gelände unbedingt sehen und die „Gemeinschaftsstifter“, wie sie sich nennen, kennenlernen.

Ein paar Fakten zum Projekt:

Standort: ehemalige Lungenheilstätte Harzgerode

Größe: 21 Hektar Land und 12.000 qm² Nutzfläche in verschiedenen Gebäude

Gebäude: die Lungenklinik als Hauptgebäude, drei Villen, eine Gärtnerei, eine alte Schule

Zustand: Der Ostflügel der Klinik ist renoviert und bezugsbereit, der Rest der Klinik und die Nebengebäude müssen kernsaniert werden.

Vision: Entstehung eines Ökodorfes mit 100+ Bewohnern

Zeitplan: Aktuell Kennenlernwochen, ab 2018 Gründung einer Genossenschaft

Eines der Nebengebäude – das ehemalige „Inspektorenhaus“

Die Heilstätte wurde 1931 erbaut und bot Kindern mit Atemwegserkrankungen einen ruhigen Platz zum gesund werden. Eingebettet in viel frischer Luft und Raum mit 210.000 m² Wald und Wiese kann ich mir beim Besichtigen gut vorstellen, wie dieser Ort einmal Kurstätte für 150 Kindern war. Einer meiner Mitbewohner hat selbst einmal dort eine Kur gemacht, Anfang der 90er Jahre, also schon eine Weile her. Er konnte sich nicht mehr an viel erinnern, die stärkste Erinnerung war das große Wasserbecken, dass den Längsflügel mit einem der Seitenflügel einfasst.

Er fand auch „sein“ Zimmer, in dem bis 1998 sanierten Ostflügel. Dieser Teil wird aktuell schon von den Gemeinschaftsstiftern bewohnt. Die breiten Krankenhausflure wurden versucht, wohnlich zu gestalten. Die Zimmer in diesem Gebäudeteil sind in gutem Zustand und können von Besuchern und Interessenten bewohnt werden.

Nach 1998 wurde das Gebäude aufgegeben. 2012 fand Bernd Rühl den Ort, von dem er sagt: „Kein Platz in Deutschland hat jemals zuvor so deutlich eingeladen, ihn wieder zu beleben und gemeinschaftlich neu zu beseelen wie dieser Ort im Harz“. Er fand weitere Gemeinschafts-Visionäre und 2014 konnte das Objekt gekauft werden. Seitdem wird nach Mitstreitern, Visionären und vor allem gemeinschaftsbegeisterten Menschen gesucht, die die Gebäude mit neuem Leben und das Gelände mit Ideen erfüllen.

Wir drehen nach der Ankunft erstmal eine Runde über das Gelände. Das heißt, über einen Teil des Geländes. Vorbei am Wasserbassin geht es in den dichten Fichtenwald hinein. Kühle, frische Luft empfängt uns und wir schieben den Kinderwagen über unwegsames Gelände entlang von lange unbenutzten Wegen. Wohin als erstes? An Wegkreuzungen stehen Schilder, die Spaziergänger kurz über den Ort aufklären. Dass man sich hier auf Privatgelände befindet kann schnell in Vergessenheit geraten, wenn das Klinikgebäude hinter den Bäumen verschwindet und man sofort mitten im Wald steht. Wir biegen nach links ab und suchen die Nebengebäude. Nach ungefähr 500 Meter treffen wir auf die erste Villa: Hier wohnte einst der Chefarzt mit seiner Familie, in naher Nachbarschaft mit dem Oberarzt, der eine Villa einige Hundert Meter weiter entfernt bewohnte. Die Gebäude sind sanierungsbedürftig. In den Gesprächen wird klar, dass so viele Ideen und Vorschläge vorschweben, die Umsetzung aber noch vollkommen offen ist. Das erschließt sich, da noch gar nicht feststeht, wer hier letztendlich wohnen wird. Die kleine Gruppe aus einer Handvoll Menschen, die im Moment hier wohnhaft sind, brauchen bald Unterstützung und wollen sobald wie möglich ihren Traum vom Ökodorf wahr machen. Wie das genau aussehen soll, wird sich dann zeigen.

Wir spazieren an der alten Gärtnerei vorbei. Zwischen den Gebäuden wurde erst kürzlich eine Pflanzenkläranlage erbaut. Der Weg führt an einem Kinderspielplatz aus den 60er Jahren vorbei auf einen anderen Teil des Klinikgebäudes. Das Gebäude ist so riesig, es ist nicht so einfach, sich zu orientieren. Wir durchstreifen die Klinik bis zum Theatersaal, der am Ende des Gebäudes liegt.

Die Wände der Klinik sind bemalt. Zum Teil sind die Waschbecken und Sanitäranlagen von damals noch vorhanden. Es ist so unglaublich viel Platz, was in jemand anderem vielleicht ganz viele Ideen und Inspiration weckt. In mir herrscht ein überfordertes Gefühl, ich kann mir nicht vorstellen, wie aus diesem sterilen Klinikgebäude ein Platz zum Wohnen werden soll. Aber das muss es auch gar nicht unbedingt werden, es kann auch in den Nebengebäuden gewohnt werden und das Klinikgebäude wird als riesige Indoor-Spielhalle genutzt, als Inline-Skate Park, Kunsthalle, zum Teil als Kindergarten oder als Seniorenheim.

Für meinen Mann und mich fühlt sich das Projekt zu groß an und ich bin froh, dass es uns beiden so geht. Das heimelige, gemütlich-familiäre fehlt in der Heilstätte. Dafür ist sehr viel Platz, um Ideen zu verwirklichen und etwas großes, neues zu schaffen. Ich bin gespannt, wie sich das Projekt weiter entwickeln wird. Zu Besuch werden wir von Zeit zu Zeit wahrscheinlich sein, denn so wie es aussieht, werden zwei unserer Mitbewohner nächstes Jahr dort hinziehen. Und der Harz ist immer eine wunderbare Anlaufstation. Auch wir gehen zum Abschluss noch kurz die Umgebung erkunden und machen eine kleine Wanderung ins Selketal. Einmal müssen wir die Landstraße überqueren. Aber da ist so wenig los, dass man sich dort sogar kurz ausruhen kann.

 

Foto: Steffen

 

 

Wunderschöne Landschaft: das Selketal bei Harzgerode

Mehr Informationen zur Gemeinschaft findet ihr auf ihrer Website https://www.gemeinschaftsstifter.info/.



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