über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Hilfe, ich will in Ruhe pinkeln!

Hilfe, ich will in Ruhe pinkeln!

Heute war ich so genervt. Solche Tage gibt es glücklicherweise selten, aber heute konnte mir die Tochter nicht viel recht machen.

1000 Mal gebückt, 1000 Mal ist nichts geglückt

Ich war genervt, weil sie schon so viel allein machen will und es aber noch nicht kann. Selber mit der Gabel essen, selber mit dem Löffel. Sie will sich nicht helfen lassen, wird dann frustriert, weil so wenig im Mund landet und pfeffert die Gabel vom Tisch. Natürlich muss ich sie dann wieder aufheben. Einzelne Nudeln, die runterfallen, müssen auch wieder hochgeholt werden. Meine altkluge Argumentation, dass sie noch jede Menge Nudeln auf dem Teller hätte, wird einfach überhört. Sie braucht diese eine Nudel, die jetzt da unten liegt!

Essen ist gerade eh so ein Thema. Sie isst am liebsten auf der Eckbank stehend, vor dem Aquarium. Während sie die Scheibe beschmiert und unseren Fisch Fridolin ganz kirre macht, weil sie ihn füttern will, er aber durch die Scheibe reichlich wenig abbekommt, wandert sie von links nach rechts, immer über mich drüber, Fridolin hinterher. Nicht nur die Scheibe ist danach total vollgesaut, auch ich könnte nach jeder Mahlzeit meinen Pullover wechseln. Lohnt sich aber nicht, also laufe ich ab dem Frühstück total vollgeschmiert durch die Gegend.

Mama, was machst du daaaaa? 

Ab dem Moment des Aufstehens habe ich eine Krabbelkäferin auf meinen Fersen. Sie folgt mir überall hin und will dort, wo ich stehen bleibe, sofort auf den Arm. Schließlich sieht man von oben mehr. Während ich also koche oder aufräume, zuppelt es unten an meinen Hosenbeinen. Die Tochter zieht sich hoch und heute hatte eine so weite Hose an, dass sie mir bei jedem Hochziehen die Hose runtergezogen hat. Ich stand diverse Male mit heruntergezogener Hose in der Küche, an meinem Bein ein kleines Mädchen, das unbedingt hochgenommen werden wollte. Auf dem Arm will sie dann alles mitmachen. Töpfe umrühren, Schneiden, probieren, alles. Ich gebe ihr also „Aufgaben“, die mir die Aufgabe erleichtern, aber eigentlich immer dazu führen, dass ich hinterher noch mehr zu tun habe. Während ich die Wäsche zusammenfalte und in den Korb lege, setzt sich die Tochter in den Korb und räumt alles wieder aus…

Mama ich mach das doch alles nur, weil …! 

Und auch an solchen Tagen, wo ich vom zig maligen Kind Aus- und umziehen genervt bin, vom nicht-Zähneputzen-wollen und wo ich einfach mal in Ruhe pinkeln gehen möchte, gibt es jede Menge versöhnliche Momente. Wenn ich mich in der Küche auf den Boden setze, weil sie mir beim zwanzigsten Hochnehmen einfach zu schwer ist und sie mir dankt, indem sie ihre kleine Ärmchen um meinen Nacken schlingt und mich feste drückt. Mir Sachen zeigt, die ich nicht sehe: Schau mal, wie das klingt, wenn man das eine auf das andere schlägt. Schau mal, der Deckel hier gehört auf das hier. Schau mal, hier kommt Musik raus, wenn ich drücke. Schau mal, hier ist ein Papierfetzen. Wenn ich den in den Mund stecke, muss ich ganz schnell wegkrabbeln, sonst nimmst du ihn mir weg. Schau mal Mama, das alles entdecke ich und muss ich dir zeigen.

Beim Einschlafen (dem dritten Versuch, nach Einschlafstillen und wieder wach sein) liegt die Tochter in meinem Arm. Ihr brabbeln wird langsam leiser und sie entspannt sich. Plötzlich stemmt sie sich nochmal hoch. Ohje, denk ich mir. Sie wird doch nicht nochmal loswollen…? Nein, sie stemmt sich hoch, kuschelt sich noch näher an mich und legt ihren Kopf auf meine Schulter, ihre Nase an meine Wange gedrückt. Ganz, ganz nah. Dann seufzt sie tief und schläft nach ein paar Minuten ein. Ihre Hand liegt auf meinem Bauch. Sie schmiegt sich an mich, als wollte sie sich bedanken. Dafür, dass ich da bin. Auch wenn ich manchmal genervt bin. Und ich bleibe bei ihr und bedanke mich bei ihr für ihre Geduld. Für ihre bedingungslose Liebe, die ich genauso erwidern möchte. Und ich nehme mir für den nächsten Tag vor, weniger genervt zu sein. Es ist ja alles nur eine Phase…



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