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Bedürfnisorientiert – für Mutter und Kind: über das Abstillen

Bedürfnisorientiert – für Mutter und Kind: über das Abstillen

Meine mütterlichen Kraftreserven waren in den letzten Wochen ziemlich aufgebraucht. Das viele unterwegs sein, das Schreiben der Bachelorarbeit und das ständige Gefühl, mehr dafür machen zu müssen, haben den Energietank in den letzten Wochen ziemlich aufgebraucht. Gleichzeitig habe ich Informationen über ein Masterstudium oder eine Weiterbildung eingeholt und mir Gedanken gemacht, was ich ab Oktober tun kann und möchte. Entscheidungen zu treffen ist auch anstrengend. Und neben all dem bin ich noch Vollzeit-Mama. Eine von den Mamas, die ihre Tochter nach zwei Stunden Trennung schon sehnlichst vermisst. Eine von denen, die Abends nicht mehr (oder noch nicht wieder) weggeht, weil die Tochter ohne die Mama abends nicht besonders glücklich wäre. Eine von den Mamas, die ihre Kinder gerne vom Papa oder den Großeltern, aber ungern von „fremden“ betreuen lässt. Eine von den Mamas, die sich nach den Bedürfnissen ihrer Kinder richten. Ohne sie zu verziehen, möchte ich meiner Tochter die Geborgenheit und Sicherheit geben, die sie braucht.

Meine eigenen Bedürfnisse dabei nicht aus den Augen zu verlieren, ist dabei die große Kunst. Vor ein paar Wochen habe ich diesen Artikel über bedürfnisorientiertes Aufwachsen in der Zeit gelesen und mit noch größerem Interesse, die Kommentare, die darunter zu finden sind. In dem Artikel erzählt eine ziemlich geschaffte Mutter von den Ansprüchen, die sie an ihre eigene Mutterschaft gestellt hat. Ansprüche, die aus ihr selbst heraus kamen, aber auch durch das Umfeld.

Viele Meinungen – ein eigener Weg

Wie die Mutter in dem Artikel, werde auch ich durch mein Umfeld geprägt. Die Studienkollegen haben vielleicht ein anderes Weltbild als ich und die eigenen Familienangehörigen. Nachbarn und der Bäcker an der Ecke vertreten andere Meinungen, als die Kolumne der ZEIT und die wiederum hat mit den privaten Fernsehsendern wenig gemein. Man sucht sich ähnliche Meinungen und Überzeugungen wie die eigenen. Im Netz verfolge ich quasi ausschließlich Blogs, die von bedürfnisorientierten Aufwachsen handeln. Durch sie werde ich oft in meiner Intuition gestärkt (und manchmal ist es mir auch zuviel des Guten). Da wir die ersten in unserem Freundeskreis mit Kind sind, gibt es von dieser Seite wenig Rückmeldung. Die Familie, vor allem die Großeltern Generation kann vieles nicht so gut nachvollziehen und kritisiert auch schon mal die Länge der Stillzeit und die Schlafenssituation. Auch mein Partner und ich müssen uns über unsere Vorstellungen abstimmen und manches ausdiskutieren.

Jedes Bedürfnis hat seine Zeit 

Viele, viele Monate schlief die Tochter nur auf unserem Bauch liegend. Eng aneinander gekuschelt verbrachten wir die Nächte. Warnungen, dass wir sie total verziehen würden, ignorierten wir. Vorschläge, die andere Lösungen bringen sollten, hörten wir. Auf unser Gefühl und unsere Intuition hörten wir aber auch. Und wir waren der Meinung, dass unsere Tochter genau das zu genau dieser Zeit brauchte. Irgendwann war es dann vorbei. Dann, als sie uns langsam zu schwer wurde und wir sie immer öfter auch versuchten, nachts wieder auf ihre Seite des Bettes zu legen. Eines Nachts hatte sie es akzeptiert und seitdem schläft sie ohne Probleme auf ihrer Seite des Bettes. Sie hatte genug Nähe getankt für die zukünftigen Nächte.

Lange Zeit haben wir sie getragen. Mein Mann trägt sie immer noch häufig im Tragetuch. Mir ist sie seit zwei Monaten einfach zu schwer. Leider, denn ich habe sie sehr, sehr gerne getragen. Die Kommentare von Nachbarn und Familie habe ich dabei einfach überhört. Ich habe es akzeptiert, dass sie so ungern im Kinderwagen lag. Als sie dann sitzen durfte, wurde es besser. Und heute krabbelt sie von sich aus zum Kinderwagen, wenn sie müde ist. Sie schläft dort ohne Probleme ein. Ein Zustand, der vor ein paar Monaten noch Wunschdenken war.

Ein weiteres Thema, das mit vielen Vorschlägen und Ratschlägen einhergeht, ist das Stillen. Langsam wäre es wirklich an der Zeit, abzustillen, höre ich schon seit Monaten (!) von vielen Seiten. Hierzulande ist ein Kind, was länger als sechs Monate gestillt wird, gefühlt eine Seltenheit. Ich habe für mich keine Obergrenze für das Stillen festgelegt. Das war so nicht geplant, ist aber so gekommen. Durch die vielen Vorteile, die das Stillen bietet und die Bindung, die für das Kind die Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit, Hunger, Durst, Trost und Ruhe stillen kann, sehe ich meine Tochter auch für die nächsten Monate noch als Stillkind. Für mich als Stillende bedeutet das Stillen nach Bedarf jedoch nicht nur innige Moment mit meiner Tochter, die Möglichkeit, sie einfach zu beruhigen und zum Schlafen zu bringen und unterwegs Trink- und Essmahlzeiten kompensieren zu können. Es bedeutet auch einen vermehrten Energiebedarf, Abhängigkeit und körperliche Anstrengung.

In den letzten Wochen hatte ich das Gefühl, diesen vermehrten Energiebedarf nicht mehr aufbringen zu können. Und obwohl ich noch gerne länger weiterhin nach Bedarf gestillt hätte, habe ich mich (schweren Herzen) entschlossen, tagsüber abzustillen. Ich hoffe, dass dadurch mehr Energie für mich selbst übrig bleibt – die ich dann wiederum in ein aktiveres Miteinander mit meiner Tochter und meiner Familie einbringen kann.

Die Umstellung war viel einfacher als gedacht. Am ersten Tag „fragte“ die Tochter noch zweimal nach der Brust, ließ sich aber durch ein Quetschie und eine Zwischenmahlzeit problemlos ablenken. Am nächsten Tag hatte sie sich böse den Finger in der Tür gequetscht und hätte sich über eine Trostmilch sehr gefreut, aber auch da war eine extra Kuschelportion mit Mama eine sofort akzeptierte Alternative. Seitdem wir tagsüber nicht mehr stillen, ist sie deutlich anhänglicher und fängt sogar schon mal an zu weinen, wenn ich aus dem Zimmer gehe; was bisher nie der Fall war. Ich nehme auch jetzt noch öfter am Tag eine „Auszeit“ mit ihr, wir schauen uns ein Buch an und wir kuscheln. Und auch zwischendurch will sie sehr viel auf dem Arm sein und schmiegt sich dann regelrecht an mich. Sie sucht die Nähe und Sicherheit jetzt eben auf anderem Wege und vergewissert sich durch das Anhänglich-sein, dass alles in Ordnung ist und Mama weiterhin da ist und nicht weggeht. Auch das wird sich nach einiger Zeit wieder einrenken, denke ich.

Abends zum Einschlafen und Nachts wird weiterhin nach ihrem Bedarf gestillt. Die nächtlichen Stillzeiten sind im Moment noch in Ordnung für mich. Aber auch hier werde ich mich nicht nur nach den Bedürfnissen meiner Tochter richten, sondern auch nach meinen eigenen. Wenn sie spürt, dass meine Entscheidung fest steht und ich davon überzeugt bin, klappt die Umstellung hoffentlich so gut, wie das Abstillen über tags. Ob das in den nächsten Wochen oder erst in ein paar Monaten eintrifft, kann ich nicht vorhersagen.

Die mütterlichen Bedürfnisse sind ebenso wichtig wie die des Kindes

Bei all diesen in den ersten Lebensmonaten so wichtigen Bereichen richte ich mich dabei nicht nach der Meinung anderer, sondern nach dem Bedürfnis meiner Tochter und mir/meinem Mann. Die Einflüsse von außen fließen dabei mit ein, werden geprüft und in unsere Familie mit aufgenommen; oder eben nicht. Je nachdem, ob es für uns und unsere Situation passend erscheint.

Mit all den Informationen, Meinungen, Kommentaren und Ansprüchen von außen, darf das eigene Bedürfnis nicht aus den Augen verloren werden. Meinen mütterlichen Zweifeln, der Tochter gerecht zu werden, muss ich dabei immer wieder sagen: Geht es der Mutter gut, geht es dem Kind auch gut.

Und jetzt höre ich auf mein Bedürfnis und kuschle mich neben die Tochter ins Bett und wünsche euch eine Gute Nacht.



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