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Über das Autofahren mit Baby

Über das Autofahren mit Baby

Ihr wollt Nervenkitzel? Fahrt mit uns Auto! Garantiert aufregend und dramatisch – zumindest für uns Eltern. Als Außenstehender ist es nicht so schlimm, denke ich. Zumindest war der Tramper, den wir letzte Woche mitgenommen haben, sehr entspannt. 

Bei der ersten Autofahrt war die Tochter gerade eine Woche alt. Es ging vom Krankenhaus nach Hause. Wir hatten sie vorsichtig in die riesig erscheinende Babyschale gelegt und die fragile Fracht ins Auto gepackt. Ich saß neben der Tochter und plötzlich erschien mir Autofahren wie eine furchtbar gefährliche Sache, unser Mädchen war doch so klein und zerbrechlich! Mein Mann musste ganz, ganz langsam fahren und ich war froh, als wir sie nach 20 Minuten Zuhause angekommen waren. Sie verschlief die Fahrt friedlich.

Heute ist es ein absoluter Glücksgriff, wenn eine Fahrt verschlafen wird. Obwohl wir unsere Fahrten immer so planen, dass wir zu den Schlafenszeiten der Tochter losfahren, klappt es mit einer entspannten Fahrt nicht besonders oft. Wir sind wirklich viel unterwegs zur Zeit und natürlich ist es für die Tochter auch oft anstrengend. Wir versuchen aber, es für sie so angenehm wie möglich zu gestalten, passen uns an ihre Schlafenszeiten an und fahren lange Strecken nur Abends und auch sehr oft mit dem Zug. Trotz der bestgemeinten Planung, klappt es manchmal überhaupt nicht. Dann sehen die Autofahrten so aus:

Einer fährt, der andere sitzt hinten und hütet das Kind. Wenn die Tochter schläft, sind wir heilfroh und ich hoffe, dass sie weiterschlafen wird. Ich darf aber nicht versuchen, selbst zu schlafen, denn dann wacht sie garantiert auf. Die Tochter kann sich beim Autofahren irgendwie nicht so recht entspannen, bleibt unruhig und schreckt bei Unebenheiten der Fahrbahn oft plötzlich hoch. Als Mutter sitzt man dann neben dem Kind und sieht kein Kind mehr neben sich, sondern eine tickende Bombe, die jeden Moment hochgehen kann. Dann steht man nämlich vor einem Dilemma. Das Kind ist wach, wird bespielt und ist damit ungefähr eine halbe Stunde glücklich. Danach nicht mehr. Da hilft auch das tollste Spielzeug, die spannendsten Fingerspiele und die pseudo-fröhlichsten Lieder nichts mehr. Alles ist doof. Mama doof. Spielzeug doof. Auto doof. (Endlich verstehe ich den wahren Bestimmungsort der „alles ist doof“ Kissen!) Ein schreiendes Kind kann man ja nicht ignorieren und mein schwaches Mutterherz schafft das eh keine fünf Minuten, also wird angehalten. Das Kind ist frie-fra-fröhlich, wenn es aus dem Sitz gehoben wird und erkundet mit Feuereifer Anschnaller, Fensterheber und allen möglichen Schnickschnack, den ein Auto so bietet. Krabbeln lassen kann man es nicht, denn auf Raststätten und Rasthöfen ist es ja nicht gerade sauber und so sitzt man dann im Auto und fragt sich, wie die Reise weitergehen soll. Meistens ist es dann auch schon dunkel, weil man ja extra spät losgefahren ist, wir Eltern sind müde und erschöpft, das Kind top fidel und man hadert mit der Situation. Nach einer halben Stunde packt man die Tochter wieder in ihren Sitz (unter lautem Protest versteht sich – Frage an alle Attachment Parenting Anhänger/innen da draußen: wie setzt man ein Kind bedürfnisorientiert in einen Kindersitz?).  Man muss weiterfahren, weil man ja auch weiterkommen muss, um anzukommen.

Dann wird nach jedem Strohhalm gegriffen, der die Autofahrt erträglich gestalten könnte. Ich habe mich lange gegen das Stillen im Auto gesträubt, weil ich es irgendwie furchtbar finde. Mittlerweile habe ich aber auch die letzte Würde als laktierendes Muttertier aufgegeben. Die Tochter wird also während der Fahrt gestillt, ich sitze komplett verdreht in der Mitte, die harte Babyschale quetscht meine Rippen zusammen, meine Gelenke werden gestaucht und ich fühle mich wie eine Milchkuh, die im falschen Film gelandet ist. Alternative wäre ein schreiendes Kind und das ist auch nicht gerade berauschend. Wenn ich mit ihr alleine unterwegs bin, geht das natürlich nicht, stillen am Steuer ist bestimmt auch verboten. Einmal musste ich nach Hause, die Tochter konnte trotz Stillpause und Fingernuckeln nicht einschlafen im Auto und ich konnte aber auch nicht anhalten und dachte mir, irgendwann wird sie sich schon beruhigen. Hat sie auch. Nach 40 Minuten Gebrüll (von ihrer Seite), komplett verschwitzt (wir beide) und kurz vorm Heul krampf (von meiner Seite) und drei Minuten vor Ankunft. Ist also keine Option, auf das „die beruhigt sich schon“ zu vertrauen.

Bei der letzten Autofahrt vorige Woche hat mein Mann sie im Tragetuch in den Schlaf getragen und so liefen wir um 22:30 Uhr irgendwo zwischen Göttingen Dortmund zwanzig Minuten im Kreis, weil so furchtbar groß ist so ein Rastplatz nicht. Die Tochter schlief selig ein, um – natürlich – beim Umlegen in die Babyschale mit einem Schrei wieder aufzuwachen. Wir fuhren trotzdem los, vorbei an den parkenden LKWs und ich wünschte mir, ich wäre LKW Fahrerin geworden und könnte mich jetzt einfach in meine Koje legen und schlafen. Was für ein Luxus. Stattdessen fungierte ich als verdrehte Milchkuh mit einem überschwemmten Herz voller Liebe für dieses kleine Wesen, dass so leiden muss beim Autofahren und hoffte, dass wir die fehlenden 150 km auf wundersame Weise fliegend hinter uns bringen könnten.

Wenn die Tochter dann eingeschlafen ist, könnte ich Amok laufen, wenn dann Stau kommt, oder man Tanken muss (sehr schlechte Organisation! Unverzeihlich!! Beziehungskrise!!!) oder eine Ampel kommt. Motorengeräusch-Abnahme = Schlaf-Ende. So lautet die empirisch bewiesene Gleichung.

Nach 6 Stunden auf der Straße für 330 km kamen wir letzte Woche um Mitternacht bei der Gemeinschaft an. Wir waren völlig fertig mit den Nerven, die Tochter war dann beim Zubettgehen komplett überdreht und ich schwor mir, nie wieder lange Strecken mit ihr zu fahren. Für die Rückfahrt habe ich einen Zug gebucht. 6:30 Stunden alleine mit ihr im Zug…  Mal sehen, ob das besser klappt.



7 thoughts on “Über das Autofahren mit Baby”

  • Liebe Veronika. Hier sah es bei uns sehr ähnlich aus. Die erste sachdienliche gemacht habe ist ihm einen Nukel für die Autofahrt zu geben. Er hat meistens vorher getrunken und wenn es länger Fahrten sind halten wir an wenn er Hunger hat. So können wir beide in Ruhe fahren. Und er kann damit gut einschlafen. Was wir später durch Zufall herausgefunden haben, ist das sich meine Angst beim Autofahren auf ihn übertragen hat. Ich sage mir nun immer das ich Keinen Angst haben brauch und das mein Mann und sicher ans Ziel bringt. Außerdem waren wir bei einem Therapeuten u meine Blockaden zu lösen. Jetzt ist der apriljunge 5 Monate und wir können wieder entspannt Auto fahren. Was ach noch hilft ist die Kinder so spät wie möglich ins Auto zu setzten, am besten schon bei laufendem Motor.
    Viele Grüße hier aus Frankreich

    • Liebe Johanna,
      das mit dem Angst übertragen macht für mich Sinn. Bei mir ist es zwar nicht die Angst vorm Autofahren an sich, aber ich bin mittlerweile schon so angespannt, wenn ich mit der Tochter Autofahren muss, dass sich diese Anspannung auch auf sie überträgt. Es klappt bei uns besser, wenn ich fahre und mein Mann bei ihr sitzt. Der ist dabei entspannter und sie dadurch auch. Kinder spüren eben doch alles ;).
      Viele Grüße!

  • Liebe Veronika, danke für diesen Post. Wir fahren nur selten Auto aber wenn, dann geht es uns genauso und ich hänge ebenfalls des Öfteren stillend über dem Kindersitz. Ein Lob auf die getönten Scheiben des privaten Teilautos unserer Freunde 😉
    Beim Großen war es phasenweise ähnlich. Mit dem Wechsel zum nächsten Kindersitz und Sichtfelderweiterung wurde es langsam besser. Haltet gut durch.

    • Liebe ClaSa, danke dir für deinen Zuspruch :). Getönte Scheiben haben wir nicht – ein großes Moltontuch tut es auch. Oder es wird schnell gefahren auf der Autobahn 😉 Liebe Grüße!

  • oh ich kenne das auch nur allzugut! mitlerweile klappt das ablegen aus der trage in den sitz aber schon besser. meistens muss ich aber schon noch ein wenig nachstillen, damit sie weiter schläft. da hab ich eine nette geschichte dazu. erst noch ein tipp zur motorengeräuschabnahme -> musik! ich hab mich erst nie getraut musik zu hören, aber jetzt hilfts 😉
    so, letztens war ich erst noch in der stadt unterwegs vor einer längeren reise. dann einschlafspaziergang und umlegen auf dem blaue zone parkplatz. irgendwie den busen in den sitz hängend im kleinen twingo (ohne getönte scheiben 😉 ) sah bestimmt spannend aus. das hat sich wohl auch die polizei gedacht, die beim zweitenmal an mir vorbei kommen angehalten haben. mit handzeichen nachgefragt haben, ich nur so, daumen hoch (eh schon leicht genervt). hat ihnen wohl nicht gereicht. warn zwar mann und frau, aber ausgestiegen ist der typ. kommt aufs auto zu. fragt ob alles ok ist. ich nur daumen hoch (ja keine geräusche machen, kleine könnte ja aufwachen). kommt näher „ich werde nun ihre beifahrertür öffnen“ – die hand schon am türgriff checked der ENDLICH was los ist! entschuldigt sich und dampft ab. sind aber noch 2mal an mir vorbei gefahren. das dritte mal hab ich nicht erlebt, wir konnten los machen…

    • hahahaha, ich lach mich schlapp. Wie witzig!! Hat dein Busen Bekanntschaft mit der Polizei gemacht – so weit rumgekommen ist meiner noch nicht 😉 :D. Richtig schöner Fail of the day… Gibt eine gute Geschichte für deine Tochter, falls du ihr in der Pubertät noch nicht peinlich genug bist ;). Liebe Grüße!!

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