über: junges familienleben, gemeinschaftsleben, studieren mit kind, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Wie wollen wir leben? – Eine Entscheidungsfindung

Wie wollen wir leben? – Eine Entscheidungsfindung

Lange habe ich nichts mehr über unseren Prozess geschrieben und ein paar von euch treuen Leser*innen hatten schon nachgefragt. Jetzt ist die Zeit reif für ein Update.

Kurze Rückblende: Im April fingen wir an, darüber nachzudenken, was nach unserem Studium kommen sollte. Damals schrieb ich über unsere Wünsche und Ideale, und über unsere Möglichkeiten.  Anfang Mai habe ich euch zwei Modelle vorgestellt. Bei dem Einen entscheidet man sich für den Job, bei dem Anderen für den Ort. Bei Überlegungen, wie man Familie und Leben vereinbaren kann, sind wir auf die nächste Frage gestoßen: wo kann man Familie eventuell besser vereinbaren? Unsere Überlegungen ließen uns auf Spanien stoßen. Danach kam längere Zeit kein Blogartikel mehr zu dem Thema, wir machten uns aber viele Gedanken und hatten schließlich auch einen Plan. Bis wir Ende Juli auf dem Los geht’s waren und uns bewusst wurden, dass wir diesen Plan nicht in die Tat umsetzen wollen. Nach außen hin schien sich alles zu fügen: erst noch ein Jahr in unsere Studienstadt ziehen, während ich den Master anfangen würde. Danach erneuter Wohnortswechsel mit Praxisjahr für mich und Ausbildungsbeginn für meinen Mann. Um das zu finanzieren, hatten wir einen Kita Platz organisiert und eine Wohnung hatten wir auch schon in Aussicht.

Dass der Plan aber gar nicht stimmig war mit unseren Wünschen, sondern aus (vermeintlichen) äußeren Zwängen und irgendwie auch aus der Not heraus geboren wurde, da Alternativen fehlten, merkten wir spät, aber noch nicht zu spät. (Es sollte außerdem nie zu spät sein, um Pläne zu ändern…).

Auf dem Los geht’s wurde uns bewusst, dass es doch auch anders geht. Wir haben viele junge Familien kennengelernt, die nach ähnlichen Vorstellungen leben wollen und auch nach einer Gemeinschaft suchen, oder schon in einer Gemeinschaft leben. Das hat viel in uns bewegt, und uns wurden neue Möglichkeiten (zum Beispiel eine gemeinsamen Ökonomie) bewusst, die wir vorher ausgeschlossen hatten. Uns wurde klar, dass das unser Weg sein wird: Wir wollen auf die Suche nach einer Gemeinschaft gehen.

Familie und Berufliches vereinbaren 

Ich habe den Wunsch, mich weiter fortzubilden und eine zusätzliche Qualifikation im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit zu erwerben. Dabei möchte ich meine Tochter weder in Fremdbetreuung geben, noch den ganzen Tag von ihr getrennt sein. An einer passenden Weiterbildung dafür bastel ich noch, aber ein Fernstudium könnte die Lösung dafür sein. Mein Mann möchte nächsten September mit einer Ausbildung anfangen. Um einen Ausbildungsplatz wird er sich kümmern, wenn unser nächster Lebensmittelpunkt feststeht.

In uns ist der Wunsch nach einem Leben mit anderen lieben Menschen und gemeinschaftlichen Projekten gereift. Da ist die Vision meiner Tochter von einem Aufwachsen mit anderen Kindern, mit genug Platz zum Toben und Spielen in der Natur, ohne die Angst vor Straßenverkehr und Autos vor der Nase. Ein kleines Sonntagscafé mit selbst gebackenem Kuchen und einem herzhaften Gericht aus frischen Austernseitlingen, die mein Mann in seiner Freizeit züchtet. Pilzomelett mit frischen Eiern von den eigenen Hühnern. Gemeinsam einen Gemüsegarten bewirtschaften, in dem die Möhren krumm sein dürfen und die Kartoffeln Beulen haben. Eine Streuobstwiese mit eigenen Bienen, die die weißen Apfelblüten bestäuben. Ein Ort, wie er in Zeiten meiner Großeltern noch üblich war, der aber heutzutage als nicht umsetzbare Träumerei anmutet.

Heute geht es um wirtschaftlich rentable Projekte, die Jahr für Jahr größere rote Zahlen schreiben sollen. Wachstum ist die Devise! Da passen unsere Wünsche nach weniger Konsum, nach nachhaltigeren Produkten, die Jahre halten und von mehreren Menschen und Generationen nicht ins Bild. Alleine ist dieser alternative Lebensstil nicht möglich, zu groß ist das Hamster-Rad aus Wirtschaften und Konsumieren. Aber gemeinsam ist es möglich, einen ganz kleinen Unterschied zu machen. Indem wir unseren Antrieb nach außen tragen und zeigen, dass es auch anders geht. Möglichkeiten aufzeigen, um weniger zu konsumieren. Möglichkeiten anbieten, alternativ zu wirtschaften. Möglichkeiten kommunizieren, enkeltauglich zu leben.

Auch wenn ich es mir als schwierig vorstelle, in einer Gemeinschaft zu leben, möchte ich es versuchen. Und auch wenn es durch die Konsensentscheidungen, die zur Zufriedenheit aller getroffen werden müssen, durch Kompromisse in vielen Bereichen und Diskussionen in noch mehr Bereichen, sicherlich anstrengend sein wird, sich über die Kleinfamilienstruktur hinaus, über das Leben und die Alltagsthemen zu verständigen, wird es eine bereichernde Erfahrung werden.

Wir lassen die vermeintlich sicheren Strukturen von externer Arbeitswelt und Kleinfamilie hinter uns und beschreiten andere Wege. Anfang September gehen wir auf eine Reise und besuchen verschiedene Gemeinschaften und alternative Lebensprojekte. Ich freue mich darauf und nehme euch sehr gerne mit!



4 thoughts on “Wie wollen wir leben? – Eine Entscheidungsfindung”

  • so schön!
    ich freue mich richtig von herzen mit! ein lächeln schlich in mein gesicht, als ich den ersten „entscheidungssatz“ gelesen habe. ich freue mich, dass ihr eine entscheidung treffen konntet; dass ihr eurem herzen trotz äusseren unsicherheiten folgt; über die art eurer entscheidung; dass ich lesend an eurer entwicklung ein bisschen teilhaben darf.
    wo geht die reise hin? habt ihr schon konkrete ziele im kopf? welche art von gemeinschaft sucht ihr? ich freue mich auf mehr infos =D

    • Liebe MaEla! Es ist so schön, eine regelmäßige Rückmeldung zu bekommen und ich freue mich richtig über deine Kommentare 🙂 Vielen Dank dafür!!!
      Wir haben bis jetzt zwei konkrete Ziele, eine Gemeinschaft in Deutschland und eine in Spanien. Über unser Vorgehen schreibe ich bald, ich würde die Gemeinschaften jeweils auch gerne kurz vorstellen, aber dazu werde ich jede einzeln fragen, ob das auch in Ordnung ist.
      Liebe Grüße!

  • Hey, das klingt alles sehr spannend und ich bin neugierig wie es bei euch weitergeht. Ich lese nach wie vor gern mit.
    Viele Grüße Claudia

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