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Los geht’s 2017 – Gemeinsame Ökonomie

Los geht’s 2017 – Gemeinsame Ökonomie

Das Los Geht’s liegt jetzt schon länger zurück und ich lasse Revue passieren, was wir dort alles erlebt haben und was diese Erfahrungen in uns bewegt haben. 

  • Erster Kontakt mit Gemeinsamer Ökonomie

Bevor ich auf das Los Geht’s kam, war für mich die gemeinsame Ökonomie gar kein Thema. Wie soll das gehen, dachte ich, dass alle gemeinsam aus einem Topf Geld schöpfen? Das muss doch ungerecht zugehen, denn der Eine braucht ja vielleicht Dinge, die der Andere für Überflüssig bewertet und dann nimmt der quasi MEIN Geld? Ne, das geht ja gar nicht! So dachte ich gefühlsmäßig darüber, denn damit beschäftigt hatte ich mich noch nicht.

Dann wurden uns folgende Fragen gestellt, die wir intuitiv, ohne groß nachzudenken, mit Ja/Nein beantworten sollten.

  • Sollten alle Menschen gleich viel Geld haben?
  • Würde ich mir mehr kaufen, wenn ich mehr Geld hätte?
  • Gebe ich dem Spruch „Bei Geld hört die Freundschaft auf?“ recht?
  • Hätte ich lieber mehr selbstbestimmte Zeit als mehr Geld?
  • Ist es allein meine Angelegenheit, für was ich mein Geld ausgebe?

Anschließend sollten wir folgenden Satz beenden:

„Geld bedeutete in meinem bisherigen Leben _____________“.

  • Verschiedene Ansätze von gemeinsamer Ökonomie

Jede Gemeinschaft, jede Kommune handhabt die gemeinsame Ökonomie etwas anders. Es gibt nicht das Eine Modell, nach dem alle handeln. Vereint werden die verschiedenen Modelle durch eine größere Vision, die ich weiter unten erklären werde. Außerdem gibt es bei jedem Einstieg in eine Kommune oder Gemeinschaft auch einen Ausstiegsvertrag. Darin ist geregelt, was mitgenommen wird, sollte das Mitglied die Gemeinschaft wieder verlassen.

  • Alltags- und Vermögensökonomie

Ein Ansatz eines Ökonomiemodells ist eine gemeinsame Alltagsökonomie. Das bedeutet, die Einnahmen der Gemeinschaftler_innen fließen in eine gemeinsame Kasse, aus der das Geld für den alltäglichen Konsum gezogen wird. Ausgaben von A wie Auto (Versicherung) bis Z wie Zahnpasta werden davon beglichen. Zu den Einnahmen der Gemeinschaftler_innen zählen sowohl die Einnahmen, die die Kommune oder Gemeinschaft durch die eigenen Betriebe (Café, Tagungshaus, Honig, Seminarangebote) erwirtschaftet, als auch Löhne von extern arbeitenden Mitgliedern, Kindergeld, Honorarzahlungen, etc.

Bei einer gemeinsamen Vermögensökonomie wird Vermögen wie Geld, Schmuck, Immobilien, Erbschaften, PKWs, Aktien mit in die Gemeinschaft eingebracht und als Wertanlage oder zum Kauf von Bauland oder Immobilien eingesetzt. Bei der Kommune Lebensbogen muss ein Genossenschaftsanteil gekauft werden, mit dem man in die Kommune einsteigt (ein paar Hundert Euro, genau weiß ich das nicht), das restliche Vermögen kann mit in die Kommune eingebracht werden und durch den Ausstiegsvertrag geregelt werden oder es wird eingefroren und liegt, solange man in der Kommune lebt, auf irgendeinem Konto und wird nicht angerührt.

  • Taschengeld oder freie Kasse

Einige Gemeinschaften praktizieren ein Modell, in dem es für jeden Einzelnen monatlich eine bestimmte Summe an Taschengeld gibt, die auch gespart werden kann. Dieses Geld steht frei zu Verfügung und kann nach Belieben ausgegeben werden. Andere Gemeinschaften haben eine Kasse, aus der sich jede/r frei bedienen darf. Die Ausgaben werden, ab einer bestimmten Summe, für alle einsehbar notiert und es wird eine Summe ausgemacht, ab der Ausgaben innerhalb der Gemeinschaft angesprochen werden sollten. So wären Summen ab 150€ zu notieren, bei Ausgaben ab 300€ sollte die Gemeinschaft vorher informiert und evtl. im Plenum gefragt werden. Wenn ich etwas brauche, kann ich mich also jederzeit an der Kasse bedienen.

Interessant ist, dass die meisten Menschen davon ausgehen, dass diese Tatsache ausgenutzt wird. Sie selbst sagen aber über sich, dass sie es nicht ausnutzen würden. Dieselbe Diskussion gibt es beim Bedingungslosen Grundeinkommen. In Umfragen antworten ein Großteil der Befragten, dass das Modell nicht funktionieren würde, weil dann keiner mehr arbeiten gehen würde. Sie selbst geben aber an, weiterhin arbeiten gehen zu wollen.

  • Die Vision und Kritik hinter einer gemeinsamen Ökonomie

Die Gemeinsame Ökonomie entspringt aus der Kritik am Kapitalismus. Abhängigkeit, Macht und Ungerechtigkeit – damit gehen die Prinzipien des Kapitalismus einher. Durch eine Wirtschaftsform, die von vielen Schultern getragen wird, kann das Leben der Einzelnen leichter werden. Die Arbeitskraft muss nicht am freien Markt angeboten und verkauft werden. Wer gerne „extern“ arbeiten möchte, kann dies jederzeit tun. Er /sie hat aber die Möglichkeit, sich länger nach einer passenden und Zufriedenheit-bereitenden Arbeitsstelle umzusehen, ohne den Zwang, den erstbesten Job zu ergreifen, weil sonst das Geld knapp wird.

Die Arbeit hat keinen unterschiedlichen Wert mehr. In der freien Wirtschaft verdienen Menschen, die einen besonders wertvollen Beruf ausüben (Krankenschwestern, Kindergärtner_innen, Müllabfuhr) viel weniger als „unnötigere“ Berufe (Werbetexter). Innerhalb der Gemeinschaft ist jede Arbeitskraft wertvoll, ob Kinderbetreuung, Kochen, Gärtnern, Reparaturen oder Handwerkern. Talente, die in einer individuellen Ökonomie wenig bis keinen Raum einnehmen dürfen, da sie kein Geld bringen und somit wertlos sind („Zeit ist Geld“) können wertvoll in eine Gemeinschaft eingebracht werden.

  • Nachhaltig Leben

Mit einer gemeinsamen Ökonomie lässt sich nachhaltiger leben. Da vieles geteilt werden kann (Autos, Kleiderkammer, Waschmaschinen, Spülmaschinen, Fahrräder, Werkzeuge, …) muss weniger produziert, gekauft und weggeworfen werden. Viele Gemeinschaften versuchen zudem ein Teil ihrer Lebensmittel selbst anzubauen. Ein Gemüsegarten lässt sich auch hier einfacher bewirtschaften, je mehr Hände die Erde bearbeiten.

  • Sicherheit 

Jede/r leistet einen Beitrag zur gemeinsamen Ökonomie. So kann ich sicher sein, dass ich, unabhängig von der Höhe meines finanziellen Beitrags finanziell abgesichert leben kann. Essen, Sozialabgaben, Krankenversicherungsbeitrag, soziale Teilnahmen: alle Bedürfnisse können befriedigt werden.

  • Die Angst vor der gemeinsamen Ökonomie

Bei all den Vorteilen, die eine gemeinsame Ökonomie mit sich bringt, schwingt doch auch ein bisschen Angst mit. Schließlich wird das eigene Konsumverhalten automatisch überprüft – nicht unbedingt durch die anderen Gemeinschaftler_innen, sondern vor allem vor sich selbst. Brauche ich das wirklich? Möchte ich dieses Kleid kaufen, damit mein Selbstwertgefühl gesteigert wird? „Gönne“ ich mir dieses Buch, weil ich so hart gearbeitet habe? „Brauche“ ich diesen neuen Rucksack, weil meiner schon fünf Jahre alt ist, (aber eigentlich noch gut), wirklich? Durch das Teilen des Geldes werden die eigenen Beweggründe stärker hinterfragt und das ist oftmals sicher nicht angenehm. Wenn man eben zugeben muss, dass man konsumieren muss, damit es einem besser geht, weil man dazugehören will, oder sich selbst entschädigen will. Jetzt rücken andere Fragen in den Fokus: Was brauche ich wirklich und was brauchen die anderen? Was sind die tatsächlichen Bedürfnisse, müssen diese durch Konsum gedeckt werden oder steckt ein tieferer Wunsch dahinter?

  • Praktische Erfahrungen

Das Modell der gemeinsamen Ökonomie mag in unserer vom Kapitalismus geprägten Welt träumerisch anmuten. In Kommunen wie in Niederkaufungen wird es mittlerweile schon seit 30 Jahren praktiziert. Da im Bereich Kassel vier große Kommunen angesiedelt sind, haben sich diese zu einem Netzwerk zusammengeschlossen und betreiben eine gemeinsame regionale Ökonomie, indem gemeinsam Ackerland gekauft wurde. Die Kommunen betreiben zudem auch ein Stundenkonto, in dem wie bei einer „Zeitbörse“ abgeleistete Unterstützung in einer reinen Zeitform abgerechnet werden und nicht, wie auf dem freien Markt, durch den Wert der Arbeit.

  • Weitere Informationen

Gemeinsame Ökonomie in der Kommune Niederkaufungen und in der Gemeinschaft Tortuga.

Über „Ungleiche an gedeckten Tischen“ schreibt auch das Mädchen im Park, bei der ihr viele weitere Themen über Gemeinschaften lesen könnt.



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