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Fail of the day #8 – wenn ihr einen Mann hinter der Leitplanke seht

Fail of the day #8 – wenn ihr einen Mann hinter der Leitplanke seht

Wir stehen im Feierabend-Stau. Auf der Autobahn ist alles dicht und ich hatte die schlaue Idee, auf die Landstraße auszuweichen. Irgendwie war ich nicht die einzige mit diesem genialen Einfall. Auch auf der Landstraße rollt der Verkehr nicht mehr. Wir reihen uns langsam ein und stehen in der endlos erscheinenden Schlange. Mein Mann fährt, ich sitze hinten. Das Töchterchen schläft neben mir in ihrem Sitz. Wir alle schwitzen ein bisschen vor uns hin. Es ist furchtbar heiss draussen. Das Thermometer des Autos zeigt 45°C an. Wir hoffen, dass es kaputt ist. Durch die Klimaanlage ist es drinnen aber okay.

Mein Mann zappelt die ganze Zeit am Steuer rum, weil er total dringend pinkeln muss. Das ganze Auto wackelt durch sein Gewackle. Wenn wir ein bisschen vorankommen, geht es, aber sobald wir stehen, wackelt er wie verrückt. Ich schlage ihm vor, an der Ampel dort vorne kurz auszusteigen und zu pinkeln. Er wackelt noch ein bisschen, dann stehen wir an der Ampel. Er steigt aus, ich wechsle nach vorne und setze mich ans Steuer. Mein Mann steht hinter der Leitplanke. Die Ampel wird grün. Mein Mann ist noch nicht fertig, da fahren vor mir die Autos los. Mist.

Es ist grün und die Autos vor mir fahren und ich fahre natürlich auch. Ich sehe noch wie mein Mann hektisch mit dem Arm wedelt und verstehe, dass er will, dass ich auch die linke Spur fahre. Da gehts auf die Autobahn, wie soll ich da dann umkehren, denke ich. Also fahre ich geradeaus, es ist ja eh Stau. Aber der Stau macht Pause, es geht wirklich gut voran. Ich finde die Situation so urkomisch, mein Mann steht da und pinkelt und ich fahr einfach los. Der Mann hinter mir im Auto beeiert sich vor Lachen. Gleichzeitig find ich’s total schlimm, dass mein Mann da jetzt steht und rede laut mit mir selbst: „Sh**, jetzt steht der da und ich fahr einfach los. Wie assi von mir… Der steht da und pinkelt und ich fahr einfach weiter…“ Dann muss ich wieder total lachen. „Jetzt lach ich auch noch. Boa, wie gemein von mir. Ich hab den da einfach stehen gelassen. Und wo zum Henker kann man denn hier anhalten. Ich muss jetzt doch mal anhalten, der kommt ja gar nicht mehr hinterher sonst.“ In solchen Situationen red ich ganz gern mal mit mir selbst, aber seit die Tochter da ist, tu ich dann immer so, als würde ich ihr gerade die Welt erklären. Dann sind die Selbstgespräche legitimiert und fühlen sich nicht mehr so verrückt an. So nach einem Kilometer kann ich endlich rechts abbiegen, kehre um und stehe erstmal an der Ampel. Auch in diese Richtung ist alles dicht. Der Verkehr hat sich wieder zu einem festen Konglomerat an aufgereihten Stossstangen entwickelt. Langsam rollen wir wieder an und langsam werd ich ein bisschen unruhig. „Hoffentlich findet er’s auch ein bisschen lustig. Bloss blöd, dass es nicht das erste Mal ist“, erkläre ich der Tochter. „Aber das erste Mal war ja ganz anders. Da musste ich fahren. So wie jetzt auch, wenn die Ampel grün ist, muss man fahren“, erkläre ich. Die Tochter schläft. Wir fahren die Hälfte der Strecke im Schritttempo zurück, da seh ich meinen Mann hinter der Leitplanke entlang gehen. Er hebt die Arme, ich auch, der Verkehr rollt, ich fahre weiter. „Mist, jetzt kann ich hier nicht anhalten! Das ist doch sch***. Ein bisschen wütend sah der schon aus“, murmle ich vor mich hin. Ich fahre weiter bis zur Ampel, wo ich ihn „verloren“ habe. Wieder rechts reinfahren, wenden, an der Ampel stehen. Noch mehr Stau als vorher. „Das ist doch blöd, jetzt müssen wir den ganzen Weg nochmal im Stau stehen!“. Langsam geht es voran, mittlerweile sind 15 Minuten vergangen. Dann taucht mein Mann hinter der Leitplanke auf und ich halte an. Er steigt ein und fängt an zu schimpfen. „Das war schon das zweite Mal! Du musst da echt mal lernen, das Gehupe der Autofahrer auf dich zu nehmen und auf mich zu warten! Dann gibt’s halt mal ein Hupkonzert!“. Ich bin ein bisschen verschämt, aber ich hab kein Problem mit Hupkonzerten. „Wenn grün ist, dann muss man fahren. So hab ich’s gelernt!“, „Ja, und du willst ein Individualist sein. Gehst voll mit in der Masse, schwimmst im Strom. JETZT wäre der Moment gekommen, deinen Individualismus zu zeigen!“. Grummelgrummel…

Wenn ihr also demnächst einen jungen Mann mit dunklen Locken wütend hinter einer Leitplanke entdeckt… Richtet ihm aus, ich hole ihn wieder ab!



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