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Harziges Einschlafen in drei Akten

Harziges Einschlafen in drei Akten

Wir sind im Urlaub. U R L A U B – das bedeutete mal lange aufbleiben und abends gemütlich zusammenzusitzen, am nächsten Tag ausschlafen und lange frühstücken. Jetzt bedeutet es, neue Umgebung, unruhiges Kind, noch weniger Schlaf als zu Hause, zu wenig Gläser, das Duschsieb mit fremden Haaren sauberzumachen und eine lange Suche nach Kaffeefiltern.

Wer keine Kinder hat, möge bitte über das unten geschrieben nur schmunzeln und nicht urteilen. Ich finde so Sprüche „ihr werdet dann schon sehen, wie das ist“, immer nervig und überheblich, aber glaubt mir, als Eltern versucht man einiges, damit das Kind schläft. Denn wenn das Kind nicht schläft, kann man selbst auch nicht schlafen. So einfach ist das.

Wir drei sind gestern in den Harz gefahren, Mama und Bruder (meinerseits) sind auch angereist und wir wollen uns bis Sonntag eine schöne Zeit machen. Wir haben eine wunderschöne Ferienwohnung, drei Schlafzimmer, großes Wohnzimmer, Küche/Esszimmer und sehr schönes Bad. Alles ganz wunderbärchen.

Akt 1

Es ist Abend, acht Uhr, als die Tochter müde wird. Mein Bruder pennt auf dem Sofa, war gestern zu lange feiern. Ich komme aus der Dusche, mein Mann versucht das Töchterchen ins Bett zu bringen. Ich schleiche nach oben ins Schlafzimmer und würde mich auch gerne einfach dazulegen, aber bekomme per Handzeichen ein „geh weg, ich mach das, läuft gut!“, zugewunken. Auch gut, dann schläft sie gleich ein und dann haben wir einen ruhigen Abend. Zehn Minuten später wird die Tochter unruhig, ich höre, wie sich sich windet und zappelt und sich in keiner Position entspannen will. Als sie anfängt zu weinen und sich nicht mehr beruhigen lassen will, klettere ich die steile Treppe ins Schlafzimmer hoch. Sie will an die Brust, natürlich. Und wie so oft in letzter Zeit, trinkt sie dann und ist dann wieder fit. Hyper-hyper fit. Zwei, drei Schlücke mütterliche Red Bull Milch und das Kind steht im Bett. Kennen wir ja schon, also lassen wir sie machen. Sie krabbelt und klettert rum, klaut meine Brille, klappt sie auf und zu und auf und zu. Stützt sich mit ihren Händen auf meinem Busen ab. Tut weh. Haut mir die Brille auf den Kopf. Klong. Tut weh. Noch mal. Klong. Tut weh. Ihr Ellbogen landet in meinem Kehlkopf. Autsch. Tut weh. Sie sitzt auf den Knien und wackelt rum, plötzlich wird ihr der Kopf zu schwer von der Müdigkeit und sie lässt sich einfach fallen. Ihre Stirn auf meine Nase. TUT WEH! Autsch. Leicht verbeult gebe ich sie einen halben Meter nach links. Soll sie meinen Mann auch ein paar Schrammen zufügen. Ich teile ja gerne.

Akt 2

Langsam wird sie wieder müde. Sie wirft sich von mir zu meinem Mann und umgekehrt, nuckelt ein bisschen am Finger, will dann doch nicht, setzt sich wieder hin, fummelt an ihren Schlafanzugknöpfen rum, brabbelt und erzählt. Ich beginne, ihr ein Schlaflied zu singen. Ich summe und mache die Augen zu. Die Tochter singt ein bisschen mit, liegt zwischen uns und wird ein bisschen ruhiger. „Der Schlüssel zum Schlaf liegt in der Entspannung“, habe ich mal irgendwo gelesen. Also wenn sie jetzt nicht einschläft, weiß ich auch nicht. So entspannt wie ich mich fühle, schlafe ich gleich selber ein. Noch ist die Energie jedoch nicht aufgebraucht, die Tochter hat ganz kleine Äuglein, ist furchtbar müde, jede Bewegung kostet so viel Kraft, aber noch sträubt sie sich. Ich summe. Mein Mann schläft. Wie schön. Eins von zwei schläft schon mal. Die Tochter nuckelt am Finger und ist fast weg. Die Augen gehen immer länger zu, gleich schläft sie, hoffentlich will sie nicht gleich wieder …. sie will trinken. Natürlich. Finger ist blöd, gar nichts ist auch blöd, sie will Busen und zwar sofort und alles ist ganz schlimm, so furchtbar schlimm, und sie verdurstet gleich und bevor das passiert, bekommt sie natürlich Milch. Einschlafstillen. Der Begriff ist so wunderschön friedlich und ach wie gern würde ich sie einschlafstillen. Andocken, Augen zu, Schlaf. Läuft bei uns. Nicht. Andocken, Augen auf, wach. Auch diesmal. Jetzt bin ich genervt. Sie zappelt wieder, krabbelt, ist aber zu müde, fällt dauernd um. Wie man sich als Baby so vertrauensvoll in alle Richtungen werfen kann, ist mir ein Rätsel. Kopf voraus nach vorne, nach hinten. Mein Mann ist wieder wach, er will übernehmen. Ich gehe nach unten, mir reicht‘s. Es ist 21 Uhr. Ich gehe ins Bad und mache mich Bettfertig. Jetzt bin ich zu müde, um noch irgendwas zu machen. Oben höre ich nichts und hoffe, dass das Kind schläft, wenn ich zurückkomme. Meine Mutter sitzt am Sofa, mein Bruder ist mittlerweile in sein Zimmer gegangen und schläft selig. Die Tochter weint. Meine Mutter erspart sich freundlicherweise irgendwelche nutzlosen Tipps, aber fragt besorgt, ob das Kind Durst hätte. Ich verneine. „Vielleicht hat sie Bauchweh?“, ist die nächste Vermutung. „Nein, sie kann einfach nicht schlafen. Sie kommt nicht zur Ruhe.“

Akt 3

Um halb zehn gibt mein Mann auf. Auch er ist mittlerweile genervt. Er kommt mit der Tochter die Treppe runter, soll sie doch wach bleiben. Meine Mutter geht schlafen. Wir überlegen, ob es wirklich nur die fremde Umgebung ist, oder ob es sonst etwas sein könnte. Ich koche einen Brei, vielleicht hat sie ja Hunger. Sie lässt sich lethargisch füttern, sitzt dabei auf Papas Schoß und spielt mit einem Glas. Der meint, dass es am Busen liegt. Das würde sie verwirren. Eigentlich bräuchte sie die Brust nicht mehr, aber wenn ich dann da bin, ist das Verlangen so groß und das macht das Kind ganz durcheinander. Es wäre tagsüber viel ausgeglichener, wenn ich nicht da wäre und eigentlich bräuchte sie die Brust auch gar nicht mehr. Wenn ich dann komme, ist die Tochter wieder ganz babyhaft und spielt Theater, um an die Brust zu kommen. Mein Einwand: „Warum will sie dann nachts noch so oft trinken, wenn sie die Brust doch gar nicht braucht?“, „Weil sie sie eben doch noch ein bisschen braucht. Aber eben fast gar nicht mehr“. Aha. Okay, dann hoffen wir einfach, dass sie sie bald gar nicht mehr braucht, dann wird bestimmt alles einfacher. (Wirklich?) Jetzt will sie keinen Brei mehr. Ich räume den Rest weg, die Tochter spuckt ein bisschen Brei auf die Hose meines Mannes. Der schimpft leise vor sich hin, hat nur eine Hose dabei und geht sie auswaschen. Ich wickle die Tochter. Mein Mann geht noch ins Bad, wir gehen ins Schlafzimmer und die Tochter tollt zwischen uns herum. Wenigstens wird sie morgen lange schlafen, denke ich mir. Ich habe ihren Stoffhasen mitgenommen und es gibt keine Brust, der Hase drängelt sich immer dazwischen und so nuckelt sie abwechselnd am Finger und am Hasenohr. „Lass uns einfach so tun, als würden wir schlafen“, schlägt mein Mann vor. Wir tun also so, als würden wir schlafen. Die Tochter spielt und kugelt sich und jammert ein bisschen vor sich hin. Mal liegt sie beim Papa, mal bei mir. Es ist 22 Uhr und sie wird wieder unruhiger und weint. Mein Mann steht mit ihr auf, nimmt sie ganz fest in die Arme und macht Kniebeugen. Hoch-Runter. Hoch-Runter. Er schnauft. „Boa, ist das anstrengend“, flüstert er. Schnauf. Hoch-Runter. Schnauf. Schwitz. Die Tochter wird ruhiger. Schnauf. Hoch-Runter. Schnauf. Es ist so absurd, dass ich mir das Lachen nicht ganz verkneifen kann. Mein Mann muss auch lachen. Davon wacht sie wieder auf und weint wieder. „Mann, das hat schon öfter geklappt!“, schimpft mein Mann. Es legt sie zwischen uns und legt sich schwer atmend ins Bett. Sie rollt sich zu mir, will an die Brust. Jetzt kann auch der Hase nichts mehr ausrichten. Ich lasse sie noch ein bisschen quengeln und gehe im Kopf die Argumente durch, warum sie jetzt nicht an die Brust soll (dann ist sie wieder wach, ohne kann sie besser schlafen, sie sollte das auch lernen) und warum es jetzt doch Sinn machen würde (sie ist total übermüdet, sie braucht das jetzt, um runterzukommen, es ist eine fremde Umgebung, nur weil der Papa das doof findet, musst du das nicht machen) und gebe auf. Sie trinkt und diesmal wird sie auch ruhiger dabei. Ganz langsam entspannt sie sich und schläft ein. Sie liegt neben mir, wir denken noch nicht mal dran, sie ins Babybett umzulagern, sondern bewegen uns keinen Zentimeter. Hauptsache, das Kind schläft. Es ist 22:30 Uhr. „Krieg ich noch einen Kuss?“, frage ich ins Dunkel. „Ne, ich glaube es ist noch nicht safe. Besser nicht bewegen“, antwortet mein Mann.

Wir sind im Urlaub.



7 thoughts on “Harziges Einschlafen in drei Akten”

  • nur kurz, vor meinem hoffentlich baldigen schlaf. der text ist lustig zu lesen, de einschlafmarathon ist bei uns anderst aber gut bekannt. =D
    etwas überrascht hat mich deine formulierung „spielt theater“. wie meinst du das genau? glaubst du, dass sie „tut als ob“? ich bin nämlich überzeugt davon, dass so kleine kinder das nicht können, sondern immer allem etwas (unergründliches) zu grunde liegt. das hilft in der konkreten situation vielleicht nicht, aber entspannt vielleicht die nerven?

    • Hmm… ja, ich glaube, dass sie tatsächlich Theater spielt… natürlich will sie an die Brust, das spielt sie nicht vor, aber um das zu verdeutlichen, fängt sie sofort an zu weinen, wenn sie mich sieht, oder wenn sie bei mir ist, wird sie ganz quengelig und reibt sich die Augen und ist plötzlich gaanz gaanz müde. Wenn ich dann anfange, mein T-Shirt hochzuschieben guckt sie total happy und freut sich und wenn ich inne halte, weint sie wieder los. Es ist eigentlich ganz süß. Kennst du das Buch „ohje, ich wachse“? Da wird das im Kapitel um die 37. Wochen auch erwähnt. Die Überschrift „Von nun an besteht die Gefahr, dass Sie Ihr Baby verwöhnen“, halte ich zwar nichts, aber was da beschrieben wird, kommt mir bekannt vor.

  • Hallo Veronika,

    ich find’s immer sehr erheiternd eure Kinder-Stories zu lesen. 🙂 Hauptsache das Wetter ist gut, denn wenn die Nächte sch… sind und man tagsüber nur Schlecht-Wetter-Programm schiebt, dann kann man sich gedanklich gleich den Urlaub von Urlaub einplanen. Ich bin mit meinen Kids auch öfter mal nachts mit dem Kinderwagen unterwegs gewesen. Oder ganz, ganz früh. Klasse zum geocachen im Uraubsgebiet. Aber wenn nicht mal ein Bäcker geöffnet hat um dem kleinen Frühaufsteher was zu kredenzen … (alle anderen wollen ja schlafen, also lieber kein Lärm in der Küche machen … )
    Ach, ich schweife ab. Starke Nerven und einen schönen urlaub wünsch‘ ich euch.

    Grüße,
    Ralf

    • Hallo Ralf,
      puh, soweit waren wir noch nicht, dass wir nachts rumgelaufen sind… Aber meine Cousine wurde abends/nachts oft ins Auto gepackt und durch die Gegend kutschiert, erzählt meine Tante…
      Aber unser Urlaub war dann doch noch ganz entspannt!
      Grüße, Veronika

  • Hallo, ich musste schmunzeln beim Lesen, das kommt mir alles so bekannt vor! 🙂 Das schmerzhafte sich Aufstützen, die mega schmerzhaften Kopfnüsse oder das Gefühl, dass die Nase fast gebrochen ist, wenn das Kind mitten in der Nacht eine plötzliche Bewegung macht und einen total unverhofft erwischt….aber auch das ewige Spiel von Trinken wollen und aber nicht einschlafen können und Red Bull Milch und dass es dann beim gefühlt 10. Versuch doch klappt… hoffentlich wird s bald bald ganz leicht leicht.

    • Liebe Ana,
      danke für deinen Kommentar, da fühlt man sich gleich nicht so ganz allein ;).
      das wünsche ich dir auch!
      Liebe Grüße,
      Veronika

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