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Das Fernweh und die Moral der Geschichte

Das Fernweh und die Moral der Geschichte

Ich habe Fernweh.

Es kam ganz plötzlich letzte Woche und wird immer schlimmer. Plötzlich sehe ich lauter Bilder von Leuten, die im Urlaub sind. In den Bergen, am Meer. Ich sehe das Bild des roten Haus mit den weißen Fensterläden auf der Knäckebrotpackung und möchte nach Schweden. Schweden steht für mich für Ruhe, frische Luft und kalte Seen. Für ein zauberhaftes Land.

Ich lese ein Buch, das in Rom spielt und möchte wie der Autor für einige Zeit dort leben. Caffee und cornetto zum Frühstück. Wimmelnde Straßen, Sonne, Tagestrips nach Ostia ans Meer machen. Die Architektur bewundern, sich in kühlen, muffigen Museen von der Hitze der Straßen erholen. Straßenmusik und italienisches Stimmengewirr schwirrt zum Fenster der Wohnung hinein. Die weißen Vorhänge flattern im Wind, davor hängt im Innenhof die weiße Wäsche.

Ich sehe Bilder von den Alpen und würde gerne diesen Ausblick genießen. Würde auch gerne verhuscht blassen Reformhausgänger (danke für diesen Ausdruck, lieber A.!) ein Grüezi wohl! zurufen. Frische Bergluft umspielt die Nase. Kuhglocken im Ohr, sonst völlige Stille.

In all dem Fernweh lese ich einen Artikel der Süddeutschen Zeitung über die Auswirkungen von Massentourismus und -ebenso schlimm- Individualtourismus. Ich lese über die Auswirkungen der 30 Millionen Touristen in Venedig, denen 50.000 Einheimische entgegen stehen. Kreuzfahrtschiffe, die in die enge Lagune fahren, Massen an Menschen ausspucken, und die Lagune verschmutzen. Venedig ist da ein extremes Beispiel, aber auch die Einwohner Barcelonas, die Fjorde in Norwegen und die Natur in Island ächzt unter den Massen an Urlaubern.

Und ich frage mich: darf man das überhaupt? Einfach hinfahren, weil einen das Fernweh gepackt hat? Sollte man lieber daheim bleiben oder reicht es, an einen Ort zu fahren, der sonst nicht so frequentiert wird? Wie könnte man den Urlaub gestalten, dass die Natur möglichst wenig Schäden davon trägt (innereuropäische Flugreisen)? Der die Einheimischen unterstützt und deren Alltag nicht beeinträchtigt?

Macht ihr euch darüber Gedanken oder fahrt ihr einfach drauflos, wenn ihr Lust (und Geld) habt? Das würde mich mal interessieren… 🙂



1 thought on “Das Fernweh und die Moral der Geschichte”

  • Solange man nicht dauernd durch die Gegend jettet und vor Ort auch auf ordentliches Verhalten (in sozialer wie ökologischer Weise achtet) spricht für mich nichts gegen Urlaub. Sonst müsste man es ja auch ganz eng sehen und sagen, die Erde ist überbevölkert, darum will ich keine Kinder.

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