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Unser Reichtum

Unser Reichtum

Wir liegen im Bett, die Tochter ist gerade auf meinem Bauch eingeschlafen. Die Abendsonne scheint durch die halb heruntergelassenen Rollos und malt leuchtende Muster auf die Tapete. Unser Bett ist eine Kissenlandschaft, wunderbar weich und bequem.

Wir betrachten das Holz der Fensterläden und malen uns aus, wie lange die Bäume dafür wohl gewachsen sind. Wo kommen sie her, und wie wurden sie verarbeitet?

Der Blick fällt auf das Metall der Heizkörper: wie viele Menschen haben das Metall aus dem Boden geschürft und es in Form gegossen? Im Winter schenkt uns dieser Heizkörper Wärme.

Der Blick fällt auch unseren Fußboden: wie glatt und angenehm warm sich das Holz beim Barfußlaufen an den Fuß schmiegt.

Wir spüren die Matratze unter unserem Körper: Was hätten sich die Menschen vor 200 Jahren über eine solch weiche Matratze gefreut. Kein pieksendes Stroh, kein harter Boden.

Wir stellen uns den farbigen Sud der Pflanzenfasern vor, mit denen die Stoffe der Bettwäsche gefärbt wurden. So viele Farben, so weiche Materialien.

Angenehmer Stoff auf unserer Haut. Ein Dach über unserem Kopf.

Einen Tag später höre ich im Radio eine Sendung über Kinder in Uganda. Sie wohnen im Slum, gehen nicht zur Schule, wohnen mit vielen anderen Familienmitgliedern in einem Raum. Hygienische Standards sind nicht vorhanden. Ein Mädchen wird interviewt. Was sie sich wünsche. Sie war mal in der Stadt, erzählt sie. Dort gäbe es Toiletten, mit einem richtigen Toilettensitz. Und Spülkasten. „It was like a miracle“, sagt sie.

 

Wir sind von so viel Reichtum umgeben. Wir müssen nur hinsehen.



4 thoughts on “Unser Reichtum”

  • schön, dass du das schreibst. auch mir geht immer wieder mal durch den kopf, wie viel zeit und energie es braucht, bis für mich selbstverständliche dinge bei mir landen. mein letztes beispiel war, als ich eine pelati büchse ausgespült habe um die letzten reste raus zu bekommen. tomatensamen auziehen, einen guten standort haben, die pflanze giessen und betuddeln, die reifen früchte ernten, aufkochen, einfüllen, transportieren, ins regal räumen, über den scanner ziehen. und das nur für den inhalt! wo und wie kommt die verpackung her? natürlich weiss ich, das mitlerweile vieles maschinel gemacht wird. aber unsere selbstverständlichkeit und unsorgsamkeit mit allem was uns umgibt kotzt mich an….

    • Ja du hast recht. Unser Standard ist so hoch, dass wir dem alltäglich gar keinen Wert mehr zuschreiben. Sich ab und zu daran zu erinnern, ist ganz gesund, um auf dem Boden zu bleiben denke ich.

  • Das ist so wahr. Die richtige Einstellung ist das halbe Leben. Ich versuche jeden Tag mich auf etwas zu konzentrieren, für das ich dankbar sein kann. es hilft mir mich zu erinnern, wie gut es einem geht.

    Toller Artikel!
    Grüße
    Nico

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