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Mein Leben mit Mr. Arschloch

Mein Leben mit Mr. Arschloch

In den letzten Tagen habe ich gespürt, dass ich Lust auf Artikel über das Leben mit einer Gehbehinderung habe. Deshalb gibt es jetzt einen neuen Reiter im Menü. Ich gehe das Thema vorsichtig an, denn eigentlich rede ich da nicht gerne drüber. Aber der folgende Artikel liegt mir am Herzen, denn vielleicht findet der ein oder andere Betroffene Mut. Dann würde ich mich über eine Rückmeldung sehr freuen. 

Stellt euch vor, ihr habt einen treuen Freund. Einen Freund, der sich nicht immer, aber doch jeden Tag bei euch meldet. Ihr könnt euch auf ihn verlassen. Wenn ihr beschäftigt seid, dann nehmt ihr ihn gar nicht wahr, aber wenn ihr zwischendurch zur Ruhe kommt, euch mit einer Tasse Tee oder Kaffee hinsetzt und die Beine hochlegt, gesellt sich euer Freund dazu und macht es sich auch bequem. Vor allem Abends beim Einschlafen und Nachts fühlt er sich ganz in eurer Nähe am wohlsten. Dieser Freund steht euch schon seit Jahren treu zur Seite und hat auch nicht vor, euch zu verlassen.

Klingt gut?

Ich nenne diesen Freund Mr. Arschloch.

Mr. Arschloch ist ein negativer Freund. Trotzdem ist er mein Freund, denn ihn als Feind zu betrachten würde die Sache noch unschöner machen. Mr. Arschloch sitzt in meinem Bein. Er hat sich in meinem rechten Bein, außen an der Wade, ein kleines Häuschen gebaut und sich da so richtig schön eingenistet. Zwischenzeitlich war er mal im Urlaub, das war schön. Da hatte ich auch Urlaub und konnte mich erholen. Aber jetzt ist er wieder da und im Moment versucht er, sein Häuschen zu vergrößern. Oder er werkelt im Garten. Vielleicht baut er sich einen Schuppen. Mr. Arschloch ist auf jeden Fall aktiver als sonst. Wenn er nur so vor sich hin wohnt und sich ab und zu mal zu Wort meldet, wenn ich mich abends hinlege oder zwischendurch zur Ruhe komme, ist das in Ordnung. Daran habe ich mich gewöhnt, das schränkt mich nicht weiter ein. Aber mehr Aufmerksamkeit möchte ich Mr. Arschloch nicht gönnen.

Er ist ein narzisstischer Zeitgenosse. Wenn er da ist und sich zu Wort meldet, dann höre ich meine eigenen Gedanken nicht mehr. Ich werde dann unruhig und pflaume meine Umgebung an. Wenn Mr. Arschloch schreit, kann ich mich nicht mehr konzentrieren, alles ist so anstrengend und ich bin angespannt und sehr leicht reizbar. Mr. Arschloch ist egomanisch, er schreit so laut, dass ich keine Position mehr finde, in der ich ihn nicht hören würde. Er schreit im Stehen, er brüllt im Hocken, er kreischt im Sitzen und er wabert wie ein elektrisches Gewitterfeld  im Liegen. In diesem Stadium hasse ich Mr. Arschloch. Ich möchte ihn rausreißen, anschreien, treten, zwicken, in Stück zerfetzen und ihm sein blödes Maul polieren. Aber Mr. Arschloch ist feige, er zeigt sich nicht. Tue ich ihm weh, tue ich mir weh. Wir sind verbunden, in guten wie in schlechten Zeiten.

Es gab mal eine Zeit, da haben Mr. Arschloch und ich Krieg geführt. Es war ein ungleicher Kampf. Wie bekämpft man den Teufel, wenn man sein Gesicht und seine Beweggründe nicht kennt? Mit Tabletten morgens, mittags und abends. Tropfen zum Schlafengehen. Mit Infusionen und Akupunktur. Mit einem Physiotherapeuten, dann einem anderen. Mit Ostheopatie. Mit einem Schmerztagebuch. Mit MRT und Röntgen Aufnahmen zur Ursachenklärung. Mit naturheilkundlichem Firlefanz. Mit Fußreflexzonen-Triggerpunkt-Höllenqualen. Mit Orange Pens, rot-blau-schwarzen Tapes und Tiefenwärme. Mit TENS-Gerät und Schmerzpflaster, Verbänden, warm-kalt Wickel, Ruhe, Entspannungsverfahren, Psychotherapie, Autogenes Training, Orthopädischen Einlagen und Nahrungsergänzungsmitteln. Mit Sport und Bewegung.

Das alles war mein Kampfeinsatz. Ich zog in den Krieg gegen Mr. Arschloch und war damit ziemlich beschäftigt. Vielleicht habe ich auch noch etwas vergessen, was ich mit in den Feldzug nahm, es ist schon eine Weile her. Es hat nämlich alles nichts gebracht. Die Kampfmittel machten mich müde, ich habe den ganzen Tag geschlafen, die Uni vernachlässigt, war zu müde, um Freunde zu treffen und hatte zu viele Schmerzen, um irgendwas zu unternehmen. Mr. Arschloch war trotzdem immer da. Er genoss den Raum, den ich ihm gab und füllte ihn voll aus.

Er lechzt nach Aufmerksamkeit und gerade freut er sich einen Ast, dass er endlich mal wieder so richtig viel Platz in meinem Bewusstsein bekommt. Er wabert. Schmerzhaft. Rein und raus, hoch und runter. Waber waber. Elektrisches Gewitterfeld. Stechen. Ziehen. Schmerz. Runter hoch. Waber waber. Mr. Arschloch in Aktion.

Nachdem Mr. Arschloch mit dem Kampf so zufrieden war wie Mr. Bush mit dem Irakkrieg, zog ich die Reißleine. Ich setzte alle Medikamente ab und beschloss, mein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. ICH war wichtig, nahm mich wieder wichtig, und Mr. Arschloch wurde in die zweite Reihe gesetzt. Er schimpfte und zeterte und wollte wieder nach vorne, aber „shotgun!“, jetzt war ich dran. Und irgendwann akzeptierte Mr. Arschloch. Ich traf mich immer öfter mit meinem Mann und das tat mir gut und Mr. Arschloch hatte keinen Platz mehr in meinem Leben.

And she lived happily ever after…

Wenn das Leben ein Märchen wäre. Mr. Arschloch ist immer da. Er begleitet mich und wird mich immer begleiten. Und das ist auch okay. Ich bin froh, dass es so ist, wie es ist. Es könnte viel schlimmer sein. Ich bin froh, dass ich morgens aufstehen kann, dass ich mich anziehen kann, dass ich mobil bin. Es gab auch schon andere Zeiten. Ich bin überglücklich, dass ich mich alleine um mein Kind kümmern kann. Ich dachte eine zeit lang, dass ich keine Kinder haben werde, denn wie sollte ich mich darum kümmern. Ich kann es und ich genieße es. Es tut mir gut. Ich trage mein Kind, wenn es das braucht und krabble am Boden, um Spielzeug zu suchen und nehme es hoch. Mr. Arschloch ist da manchmal eifersüchtig. Im Moment schreit er beim Stillen in der Nacht besonders laut. Aber er hat keine Chance. Liebe ist stärker als Hass. Und ich werde trotzdem weiterhin im Liegen stillen und mich zur Tochter auf die Spieldecke knien und mich im Garten mit ihr auf die Decke setzen. Auch wenn Mr. Arschloch dann aus seinem Haus rauskommt und schreit und zetert.

Was tun?

Viel mehr Leute als man denkt haben einen Mr. Arschloch in seinem Leben. Bei den Einen tritt er als regelmäßiger Kopfschmerz auf, als Bauchschmerz oder (wie bei mir) als Nervenschmerz. Bei Anderen als hoher Blutdruck oder Neurodermitis. Mr. Arschloch zeigt sich bei 14 Millionen Deutschen als chronischer Schmerz. Er beeinträchtigt mehr oder weniger das Leben von 17% der Bevölkerung. Neben all den Behandlungsmethoden, die man wahrnehmen sollte, um Hilfe zu finden, ist es auch wichtig, sich ein Gehör zu verschaffen. Jammert nicht, denn jammern bringt nichts und das will auch niemand immer hören. Ab und zu ist es okay. Wichtiger ist aber: redet darüber. Sagt eurer Familie, euren Freunden wie es euch geht und was euch gut tun würde. „Heute habe ich Schmerzen. Deshalb habe ich heute keine Lust auf einen Spaziergang. Aber eigentlich geht es mir gut. Vielleicht wollen wir einfach ein bisschen zusammen in der Sonne sitzen.“

Lasst euch nicht unterkriegen, Mr. Arschloch mag Teil eures Lebens sein, aber er hat kein Recht darüber zu bestimmt.

 

 



7 thoughts on “Mein Leben mit Mr. Arschloch”

  • Liebe Veronika, wie du bereits beschreibst, es gibt immer einen Mr. Arschloch, in jeder Form. Wie ich sehe, bist du stärker als er und das ist gut so. Gib ihm nie die Oberhand, das wollen alle Mr. Arschloch’s, es sind wir, du und ich die über uns selbst bestimmen. Mr Arschloch’s haben keinen Willen und wir geben ihnen auch keinen Raum dafür.
    Alles Liebe und Gute Anna

  • Das past auch Wort für Wort auf mich was du da geschrieben hast. Da kommen mir fast die Tränen wenn ich das so lese.
    Toller Artikel und vielleicht auch ein notwendiger tritt in den Hintern meinerseits.

  • Mich rührt es auch zu Tränen, was du schreibst.
    Zu den 17% muss ich mich auch zählen, obwohl ich schon ein paar Jahre in Stagnation der Krankheit lebe. Bei mir ist es Morbus Bechterew, eine Krankheit aus dem rheumatischen Formenkreis. Vom ersten Indiz bis zur Diagnose vergingen Jahre. Erst als sich die Krankheit 2007 in voller Pracht und wie ein Vulkan entlud, konnten die Einzelbeschwerden zu einem stimmigen Ganzen zusammengefasst werden. Die Sache hatte nun einen Namen. Ich begann, regelmäßig Höhe Dosen starker Schmerzmittel zu nehmen, irgendwann sogar nur noch prophylaktisch, weil ich solche Angst vor den Schmerzen hatte. Es gab Zeiten, in denen ich ständig entzündete Gelenke hatte. Und die Schübe kamen ausgerechnet dann, wenn ich sie überhaupt nicht gebrauchen konnte.

    Heute kann ich sagen, dass die Krankheit bei mir eine starke psychosomatische Komponente hat. Dass ich heute fast beschwerdefrei leben kann, habe ich meinem Mann zu verdanken. Er hat mich immer bestärkt, über meine Sorgen zu reden, nichts in mich hinein zu fressen, wie ich es bis zu unserer Beziehung gehandhabt habe.

    Als die Krankheit so akut war, habe ich auch Bedenken gehegt, ob ich es verantworten kann, Kinder zu bekommen, schließlich werden rheumatische Krankheiten durchaus vererbt (in meiner Familie wurde eine Generation übersprungen, meine Oma hatte „Rheuma“). Und so sehr ich mir wünsche, dass es meinem Kind erspart bleibt, solche Erfahrungen zu machen – der Wunsch, ein Kind zu bekommen, war irgendwann größer.

    Und wieder denke ich an dich, drücke dich aus der Ferne (gut, so fern ist es gar nicht) und freue mich, wie sehr du mir aus der Seele schreibst… 🌹

  • Liebe Veronika,
    mich rührt es auch zu Tränen, was du schreibst.
    Zu den 17% muss ich mich auch zählen, obwohl ich schon ein paar Jahre in Stagnation der Krankheit lebe. Bei mir ist es Morbus Bechterew, eine Krankheit aus dem rheumatischen Formenkreis. Vom ersten Indiz bis zur Diagnose vergingen Jahre. Erst als sich die Krankheit 2007 in voller Pracht und wie ein Vulkan entlud, konnten die Einzelbeschwerden zu einem stimmigen Ganzen zusammengefasst werden. Die Sache hatte nun einen Namen. Ich begann, regelmäßig Höhe Dosen starker Schmerzmittel zu nehmen, irgendwann sogar nur noch prophylaktisch, weil ich solche Angst vor den Schmerzen hatte. Es gab Zeiten, in denen ich ständig entzündete Gelenke hatte. Und die Schübe kamen ausgerechnet dann, wenn ich sie überhaupt nicht gebrauchen konnte.

    Heute kann ich sagen, dass die Krankheit bei mir eine starke psychosomatische Komponente hat. Dass ich heute fast beschwerdefrei leben kann, habe ich meinem Mann zu verdanken. Er hat mich immer bestärkt, über meine Sorgen zu reden, nichts in mich hinein zu fressen, wie ich es bis zu unserer Beziehung gehandhabt habe.

    Als die Krankheit so akut war, habe ich auch Bedenken gehegt, ob ich es verantworten kann, Kinder zu bekommen, schließlich werden rheumatische Krankheiten durchaus vererbt (in meiner Familie wurde eine Generation übersprungen, meine Oma hatte „Rheuma“). Und so sehr ich mir wünsche, dass es meinem Kind erspart bleibt, solche Erfahrungen zu machen – der Wunsch, ein Kind zu bekommen, war irgendwann größer.

    Und wieder denke ich an dich, drücke dich aus der Ferne (gut, so fern ist es gar nicht) und freue mich, wie sehr du mir aus der Seele schreibst… 🌹

    • Liebe Jule,

      Vielen Dank für das Teilen deiner (Leidens-)Geschichte. Es berührt mich, dass wir eine ähnliche Geschichte haben. Es tut mir leid zu hören, dass es so lange gedauert hat und so schlimm werden musste bevor herausgefunden wurde, was dir so große Probleme bereitete. Ich wünsche dir sehr, dass deine Beschwerdefreiheit anhält!

      Alles, alles Liebe!!
      Veronika

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