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Ortsunglücklichkeit in der Elternisolation

Ortsunglücklichkeit in der Elternisolation

Ich komme aus dem Süden Deutschlands, also aus dem Westen. Im Moment wohnen wir nördlicher, also im Osten. Und obwohl ich diese Ost-West Vergleiche immer doof finde, kommen in diesem Beitrag auch von mir ein paar Klischees auf den Tisch. Dies sind nur meine eigenen Erfahrungen, die ich nicht pauschal auf die Menschen in Ost- und Westdeutschland münzen möchte! Zu Risiken und Nebenwirkungen fahren Sie selbst hin und machen Ihre eigenen Erfahrungen. 

Ortsunglücklichkeit – dieses Wort passt gut zu unserer Isolation im Kleinstadtkaff. Im Moment wohnen wir in einer kleinen Stadt, ein ziemliches Kaff im Osten Deutschlands. Es ist nicht alles schlecht hier, und nicht viel gut. Vor allem die Menschen treiben uns weg. Wir treffen hier oft auf Menschen, die erstmal abblocken, einen frustrierten Eindruck machen und nicht besonders freundlich sind. Sicher steckt da in vielen Fällen Verunsicherung oder schlechte Erfahrungen dahinter, denn bei näherem Kennenlernen sind die Leute meistens freundlich. Aber beim ersten Aufeinandertreffen ist der Kontakt meist unfreundlich. Auf Dauer zieht einen das ganz schön runter. Man merkt das erst, wenn man in anderen Gebieten Deutschlands ist und die Menschen plötzlich freundlich grüßen oder lächeln. Kulturschock!

Die Menschen in unserer Umgebung sind nicht gerade die offensten. Ich selbst würde mich als sehr aufgeschlossen einschätzen und ich habe es in den 3,5 Jahre hier zu keinen Bekanntschaften außerhalb des Studiums geschafft. Obwohl ich in Babykurse gehe, wir einen Geburtsvorbereitungskurs mitgemacht haben, ich im Ort zum Sport gehe und stets bemüht bin, andere Mütter kennenzulernen. Aber ich muss auch eingestehen, dass ich von manchen Müttern eher abgeschreckt bin und mit denen lieber nicht so viel zu tun haben möchte. Die Jugendamt-bekannten Familien in unserer Straße haben mit meinem bindungsorientierten Beziehung-statt-Erziehung-Ansatz eher weniger gemein. Und gleichgesinnte Mamas zu finden ist gar nicht so einfach. Ich dachte, über Kurse geht das einfach, weil man durch das Kind ja auch eine gute Gesprächsbasis hat, aber irgendwie flutscht das nicht. Im Westen habe ich jetzt schon öfter Mamas und Papas getroffen habe, mit denen es gleich stimmig war. Also entweder liegt es an mir und ich wirke hier zu verzweifelt, oder alle haben schon genug Kontakte hier, oder es ist doch ein Ost-West Ding.

Ich habe auch schon überlegt, hier eine Spielgruppe ins Leben zu rufen. Platz hätten wir ja genug. Aber ich weiß nicht, wie ich das initiieren soll. Ich hab sogar schon mal einen Flyer dafür aufgesetzt.

Naja, mehr ist daraus irgendwie auch nicht geworden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es hier im Ort Eltern mit ähnlichen Vorstellungen geben könnte. Mit meiner Hebamme hatte ich auch schon öfter über das Thema gesprochen, aber sie meinte, dass ihr Klientel aus der Umgebung so gar nicht zu uns passen würde. Das hat meine Vermutung eher bestärkt. Ich bin froh, dass ich über das Internet Kontakt mit Gleichgesinnten habe und tausche mich auch gerne über die sozialen Medien aus. Aber langsam kommt die Tochter in ein Alter, wo Spielkameraden zwischendurch auch ganz nett wären. Und ich wünsche mir, dass sie mit anderen Kindern aufwächst und nicht immer nur Erwachsene rundherum sind.

Mein Mann hat letzte Woche nochmal recherchiert und zwei Krabbelgruppen in der nächstgrößeren Stadt ausfindig gemacht. Da werden wir jetzt mal hingehen und vielleicht findet sich so ja bald der eine oder andere regelmäßige Kontakt.

Anschluss finden ist sicher überall schwer. Ich habe schon an ein paar Orten gewohnt, aber hier fällt es besonders schwer. Die Mentalität lässt sich schon am Straßenbild erkennen. Während an Straßen in westdeutschen Städten Vorgärten angrenzen, schließt hier im Osten die Straße meist mit der Hauswand ab. Dicke Mauern oder hohe Zäune umgeben die Grundstücke. Im Westen kann man den Menschen beim Spazierengehen ins Wohnzimmer schauen. Im Osten ist alles abgeschottet. Das ist durch den geschichtlichen Hintergrund durchaus verständlich. Aber die Mentalität der Abschottung ist auch heute noch keine Vergangenheit. Selbst bei meiner Generation, die die DDR gar nicht mehr miterlebt hat, ist ein Unterschied in der Aufgeschlossenheit zu bemerken. Nicht bei allen natürlich, auch im Westen gibt es unaufgeschlossene Zeitgenossen. Aber hier fallen sie vermehrt auf.

Unser zukünftiger Wohnort sollte aufgeschlossenere Menschen beherbergen. Menschen, die sich auf der Straße grüßen, die sich in die Augen schauen können und vielleicht sogar ab und zu mal lächeln.

Lächelnde Menschen. Da wäre die Welt schon ein ganzes Stück besser.

 



4 thoughts on “Ortsunglücklichkeit in der Elternisolation”

  • Ich kann dich gut verstehen. In meinen Krabbelgruppen ticken auch alle anders und ich bin die Ökomom mit Stoffis, Kind im Bett, länger als ein Jahr Zuhause, feste Nahrung fürs Baby usw…Deren Sorgen sind dann Kind zig mal ins Kinderbett legen. Isst nicht genug Brei. Abends will es auch noch mit 8 Monaten die Brust vorm Schlafen und Hilfe es katscht alles an das geht doch nicht usw…
    Halte durch, ich wünsche dir sehr, dass du bald noch wenigstens eine Gleichgesinnte findest…

    • Danke dir ClaSa 🙂 Im Netz findet man so viele, die ähnliche Ansichten haben, dass ich immer ganz vergesse, dass wir nicht „normal“ sind…

      • Du, ich bin eine schon ältere Mutter; ostdeutsch sozialisiert, aber schon immer mit ganz eigenen Ansichten. Das oben Beschriebene gruselt mich trotzdem. Ich sehe es nicht unbedingt als Ost-West-Thema sondern als Klein-Groß-Stadt-Unterschied. Daß (leider die meisten) Menschen einfach nicht das Niveau haben, das ich für meine Kontakte mag, habe ich erst mi weit über 50 endgültig geschnallt – und ich kann leider nicht in die Heimat flüchten. Also suche ich mir (auch generationenübergreifend) die, die mir gut tun und erhole mich mit ihnen vom Alltag. Es ist zu schaffen!
        (Und auch deshalb lese ich Deinen Blog; Deine Texte sind durchaus inspirierend.)

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