über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Die nächsten 18316800 Sekunden

Die nächsten 18316800 Sekunden

Vor unvorstellbaren 18316800 Sekunden hat dich die Ärztin aus meinem Bauch geholt und du hast mich ganz zerknautscht mit einem furchtbar energischen Blick angesehen. „Es ist ein Mädchen!“
Wie schön, dass wir uns überraschen ließen und dich ganz unvoreingenommen die ersten 40 Wochen in unser Leben aufgenommen haben. Dein Gesichtsausdruck in dem Moment deiner Geburt hat sich für (hoffentlich) immer in meine Netzhaut eingebrannt. Jetzt, wo wir dich schon so gut kennenlernen durften, wissen wir, dass es ein ganz charakteristischer Blick war. Energisch, voller Skepsis und hellwach. Wie gut, dass dein Name gepasst hat. Du freier Geist, er passt so gut.

Viel zu lange hat es dann gedauert, bis du das erste Mal auf meinem Bauch lagst. Die ersten der 305280 Minuten musstest du alleine verbringen, wurdest untersucht und in den Wärmekasten gelegt. Ganz anders hatte ich mir das gewünscht. Ganz lange habe ich danach damit gehadert. Manchmal immer noch. Ich hätte mir einen anderen Start für dich und für uns gewünscht. Aber mir ging es gar nicht gut und ich konnte dich nicht eher zu mir nehmen. Wie gut, dass Papa dich so schnell auf den Arm nehmen konnte. Bis ich dann endlich soweit war und du ungefähr vor 305240 Minuten zu mir kamst. Du warst ein so kleines Wesen und doch unvorstellbar groß. Wie hast du großes Ding denn in meinen kleinen Bauch gepasst? Und in meinen Armen und auf dieser hellen, lauten und kalten Welt wirktest du trotzdem furchtbar klein und zerbrechlich.

Seit 5088 Stunden bist du nun unser Mittelpunkt. Es gab keine wache Stunde, in der ich nicht zigmal an dich gedacht habe. Wenn du bei mir warst und in den sehr wenigen Stunden, in denen wir getrennt waren, erst recht. Du bist mein neuer Mittelpunkt geworden und seit dieser Stunde Null, in der du geboren wurdest, hat mein Leben plötzlich viel mehr Sinn bekommen. Das Leben hat eine neue Tiefe an Gefühlen, eine Tiefe an Verantwortung, eine Tiefe an Sorgen und Freude und unvorstellbarem Glück, eine Tiefe an Liebe und Zuneigung und Vertrauen bekommen, wie ich es mir nicht vorstellen konnte. Du Sonnenschein in unserem Leben.

Meine Wünsche, meine Bedürfnisse stehen hintenan. Langsam werden sie wieder greifbarer, aber seit 212 Tagen hast du Priorität. So soll es sein. Du wächst und wirst größer. Jeden Tag ein bisschen mehr. An manchen Tagen still und heimlich, an anderen laut und voller Bewegung. Plötzlich lächelst du uns an. Auf einmal greifst du nach meiner Brille, nach dem Spielzeug, nach deinen Füßen. Dein Bewegungsradius wächst und wird immer größer. Einmal nicht hingeschaut und schon kannst du essen, dich drehen, die Beinchen drücken sich nach oben.

Mein kleines Baby, wie schnell sind diese 30 Wochen und 2 Tage vorbeigegangen! Wie ein Wirbelwind brachtest du jede Routine, jeden Tagesablauf durcheinander. Neue Gewohnheiten strukturieren seitdem einen anderen Alltag. Hat man sich gerade an diesen gewöhnt, ist schon wieder alles neu. Wochenbett, Säugling, Baby. Die Tage rennen. Langsam bist du auf dem Weg zum Kleinkind, setzt deinen Kopf durch und quengelst nicht mehr nur, um deine Grundbedürfnis nach Hunger, Schlafen und Nähe durchzusetzen. Sondern auch, weil dir gerade etwas nicht passt. Weil du gerade keine Lust hast. Weil du zur Mama willst und nur Papa da ist. Weil dein Spielzeug außer Reichweite ist. Oder die Tasse viel interessanter ist. Jeden Tag entdeckst du die Welt ein Stückchen mehr. Am liebsten ist es dir, wenn immer was los ist. Strahlst die Menschen an, bist selten skeptisch und nimmst Kontakt auf, mit alt und jung und Tier und Pflanze, Papierfetzen und Teppichfransen. Alles ist spannend. Alles wird untersucht. Du entdeckst deine Welt und ich schaue dir dabei zu. Jeder Film, jedes Buch ist langweilig dagegen. Buch? Was war das nochmal?

Nachts bist du immer noch mein kleines Baby. Suchst die Nähe, brauchst uns ganz nah bei dir. Seit sieben Monaten schläfst du tagsüber auf unserem Bauch oder im Tragetuch. Nachts ganz ganz nah neben uns im Bett. Wir genießen das. Links liegst du. Rechts liegt mein Mann. Vor dem Einschlafen drehe ich mich auf den Bauch und lege meine Hand auf deinen Brustkorb. Auf und ab schaukelt meine Hand, im Takt mit deinem Atem. Meine andere Hand hält die meines Mannes. Links und rechts meine Liebsten. Das ganze Glück in meinen Händen. Danke.
Wenn du nachts aufwachst und deine kleinen Händen tasten: ist da jemand, ich brauche euch, wo seit ihr? Dann rutsche ich ganz nah an dich ran. Ich spüre deine Wärme und deine kleine Hand umgreift ganz eilig meine Finger, hält sie ganz fest. Fest umklammert. Mama, geh nicht weg!

Nein, mein Engel. Ich bleibe bei dir. Die nächsten sieben Monate. Und nach weiteren sieben, nochmal sieben. So lange du mich brauchst.

 



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