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Unsere Beikost-Einführung – gefährden wir damit unser Kind? Meinung zum Baby-led weaning Artikel im Spiegel

Unsere Beikost-Einführung – gefährden wir damit unser Kind? Meinung zum Baby-led weaning Artikel im Spiegel

Im Spiegel ist diese Tage ein Artikel erschienen, der auf einen gefährlichen „neuen“ Ernährungstrend hinweist. Eltern gefährden ihre Kinder durch die Gabe von Fingerfood anstelle der üblichen Breikost heißt es darin.

Da ich schon länger vorhatte, einen Blogeintrag über unsere Beikost-Einführung zu schreiben, nehme ich diesen Artikel zum Anlass und  bringe ein bisschen Beruhigung in die Kindeswohl-Gefährdungs-Debatte. 

Die typisch deutsche Beikost-Einführung sieht so aus: Zwischen dem vierten und dem sechsten Monat bekommt das Baby mittags ein Gläschen Gemüsebrei. Nach ein bis zwei Wochen soll dieser Brei die Milchmahlzeit ersetzen, dann wird abends ein Obstbrei auf Getreidebasis eingeführt und wiederum nach zwei Wochen ersetzt. Als nächste Mahlzeit kommt dann eine Nachmittags-Zwischenmahlzeit hinzu und so werden Schritt für Schritt alle Milchmahlzeiten durch Breimahlzeiten ausgetauscht. Beikoststart im klassischen Sinne bedeutet also gleichzeitig Schritt für Schritt abzustillen.

Es gibt aber auch einen anderen Weg und das ist keinesfalls ein „neuer Ernährungstrend“, nur weil er einen neuen Namen bekommen hat: Baby-led weaning (BLW), zu deutsch: vom Baby geleitete Beikosteinführung. Denkt die Autorin des Spiegel-Artikels wirklich, dass es Breikost schon länger gibt als bei den Eltern mitzuessen? Erst 1950 gab es die ersten Gemüsebreie für Kinder, seit 1959 abgefüllt in Gläschen. Und seit kurzem steht auf diesen Gläschen „ab dem 4. Monat“, obwohl es erst ab dem sechsten Monat notwendig ist, zuzufüttern. Aber die Industrie sitzt hier am längeren Hebel – und zwei Monate länger Gläschen kaufen macht sich gut in der Geschäftsbilanz. Aber das ist ein anderes Thema.

Schon in der zweiten Überschrift „Unter deutschen Eltern breitet sich ein riskanter Trend aus: Nach dem Stillen füttern sie ihre Babys nicht mehr mit Brei, sondern geben ihnen gleich feste Nahrung. Doch das ist gefährlich, warnen Kinderärzte“ merkt man, dass die Autorin sich entweder nicht informiert hat, oder etwas ganz essentielles missverstanden hat. BLW bedeutet, das Baby wird weiter nach Bedarf gestillt und darf sich in seinem Tempo ans Essen rantasten. Das Möhrenbrei keinen höheren Nährwert als Muttermilch hat, ist der Autorin anscheinend entgangen. Beim baby-led weaning bekommt das Baby Fingerfood, also das Essen wird nicht püriert, sondern wird so angeboten wie es vorkommt. Dabei wird die Kost auf eine Größe zurechtgeschnitten, die das Baby gut greifen kann. Brokkoli präsentiert sich für das Baby also nicht als grüner Brei, sondern als ein interessanter Ball, der aus vielen kleinen Kügelchen besteht, die man erst mal mit der Hand erfühlen muss, um zu sehen, ob es eine feste oder eine weiche Konsistenz hat. Als nächstes steckt das Baby sich den Ball mit den Kügelchen in den Mund und erkundet ihn mit der Zunge. Es hat entdeckt, dass der Ball auf einem kleinen Stiel sitzt, den man gut festhalten kann. So oder so ähnlich „entdeckt“ das Baby sein Essen. Unsere Tochter hat dadurch erstaunlich schnell ihre motorische Fähigkeiten verbessert und hat großem Spaß beim Essen. Natürlich gibt das eine Sauerei. Aber die gibt es auch, wenn das Baby mit zehn oder zwölf Monaten erstmals feste Nahrung bekommt.

Das Baby darf bei BLW von Beginn der Beikosteinführung (mit sechs Monaten) selbst entscheiden was es isst, es nimmt direkt an den Mahlzeiten des Familienalltag teil. Dadurch lernt es sein Hunger- und Sättigungsgefühl kennen und darf selbst entscheiden, wie viel es essen möchte und was (aus der von den Eltern vorher getroffenen gesunden Auswahl). Die Menge des Essens wird vom Baby selbst gesteuert, das bedeutet, am Anfang isst es erstmal sehr wenig, beziehungsweise es kommt nicht viel im Magen an, weil die Lebensmittel erstmal mit der Zunge befühlt werden und nicht unbedingt runtergeschluckt werden. Mittlerweile landet bei unseren Tochter auch einiges im Magen. Dem Kind wird hier eine Kompetenz zugesprochen, die für die ältere Generation vielleicht schwer nachzuvollziehen ist: „Isst das Kind denn genug?“ ist eine Frage, mit der man häufig konfrontiert ist. Ich bin der Meinung, dass das Kind am besten weiß, wie viel Essen es braucht, es muss aber die Möglichkeit haben, aus einer gesunden Auswahl zu wählen und regelmäßig etwas angeboten bekommen.

Der Artikel ist nicht davon überzeugt, dass die Babys schon diese Kompetenz aufweisen. Dabei sieht unsere Tochter nicht „völlig überfordert“ aus, sondern weiß ganz genau, dass sie Orange lieber mag als Banane und Gurke oft liegen lässt oder gleich in hohem Bogen „aussortiert“.

Für unsere Tochter haben wir uns vorher überlegt, welche Form der Beikost für uns in Frage kommt. Und dabei stand die reine Breikost-Fütterung nicht zur Debatte, es erschien uns langweilig für das Baby und alles zu pürieren war uns zu viel Aufwand. Mir tun die Babys immer ein bisschen leid, die Löffelchen für Löffelchen gefüttert werden wie kleine Spatzen und dabei noch die Hände weggehalten bekommen, damit sie nicht in den Löffel patschen. Ich möchte da jetzt keine Mutter verurteilen, die das macht, jeder muss seinen Weg finden. Vielleicht sind die Ressourcen der Mutter oder des Vaters so erschöpft, dass sie keine Kraft haben, sich um die Sauerei danach zu kümmern. Oder die Eltern essen tagsüber nur schnelle Snacks oder Fertignahrung, die für das Baby untauglich wären und die vollwertige Mahlzeit erst abends, wenn sie Zeit haben, in Ruhe zu kochen und das Baby schläft. Jeder muss das für sich und auf seine Situation und Überzeugung angepasst, entscheiden. Für uns erschien es am natürlichsten, das Baby mit am Tisch sitzen zu lassen und ihm dabei das Essen zu geben, was wir auch zu uns nehmen. Dabei achten wir auf ein paar Dinge:

  1. Kein Salz
  2. Kein Zucker
  3. Keine Lebensmittel, an denen sich das Baby verschlucken kann (Nüsse; bei Steinobst werden die Kerne vorher entfernt)
  4. die Konsistenz der Lebensmittel sollte weich sein (damit das Baby es durch seine Kauleisten zerkleinern kann), aber noch hart genug (um es festzuhalten, ohne dass es komplett zermatscht)

Beim Kochen werden ein paar Teile von Gemüse, Reis oder den Nudeln nachdem sie gar sind, vor dem Salzen und Würzen, für die Tochter beiseite gelegt. Wenn es Obstteller gibt, dünsten wir ihr Äpfel und Birnen vorher kurz. Und wenn die Eltern nur Brot und Salat essen, gibt es das eben auch für das Baby. Unsere Tochter entdeckt das Essen mit so großer Freude, dass ich es mir nicht vorstellen kann, ihr das durch Breikost vorzuenthalten. Unser Alltag bleibt spontan und flexibel, sie bekommt etwas zu essen, wenn wir auch etwas essen und wird weiterhin gestillt, wenn sie es braucht. Wenn wir unterwegs etwas essen bekommt sie Tomate oder ein paar Blätter von unserem Salat, ein paar Nudeln oder Kartoffeln – irgendetwas findet sich da schnell. Ganz unkompliziert fügt sich ihr Breikoststart in unser Leben.

Ich hoffe, dass junge Mütter durch den Artikel im Spiegel nicht abgeschreckt oder verunsichert werden. Er ist so schlecht recherchiert, dass man jedes Argument was die Autorin nennt, auseinander nehmen kann. Am Ende bleibt dann nicht viel übrig, außer dass man sich selbst informieren sollte und sich dann für die Variante (oder eine Mischform) entscheiden sollte, die sich für die Mutter/den Vater und das Baby gut anfühlt.

Auf einen kulinarischen Streifzug durch einen Tag im Breifrei-Leben der Tochter nehme ich euch hier mit.



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