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Übers stillen, tragen und andere Gespräche – Kauzige, absurde und immer wiederkehrende Themen

Übers stillen, tragen und andere Gespräche – Kauzige, absurde und immer wiederkehrende Themen

Gestern hatte ich so viele absurde und lustige Gespräche, dass ich für euch ein paar aufgeschrieben habe. 

Früher war alles besser

Gestern früh auf dem Flohmarkt. Mein Mitbewohner C. und ich stehen an einem Stand mit Fahrradartikeln und Reifen und so und schauen uns einen möglichen neuen Reifen für unsere Schubkarre an. Der Verkäufer kommt und berät uns.

Er: „Wie alt issen die Karre?“

Wir „Sehr alt“

Er: „Naja, wat denn nun. Ihr jungen Leute sagt alt, aber ich sach die Wende is ja nun vielleicht 25, 26 Jahre her, da wart ihr jungen Leut ja noch in de Windeln jesteckt! Also wie alt is de Karre… vor der Wende oda nach da Wende?“

Wir: „Vor der Wende“

Er: „Na also, da jabs ja nun nur eine Radgröße. N vierhunderter wird das seen. Was andres gabs da nich. Is ja nich wie heute, wos 10000 Sorten Bier jibt. Braucht doch keen Mensch, so eenen Staat. Aber jetzt jibts ja langsam och wieder normale junge Leute, die des begreifen und was dajegen tun.“

Bevor wir nachfragen können, wen (AFD? Pegida?) er damit meint und gegen was (Biersorten, BRD?) etwas getan werden sollte, fügt er an:

„Gegen Veganer hab ich was. Gegen Vegetarier ja nich, wa. Aber Veganer… Des versteh ich nich, die ham doch keene Kraft hier (deutet auf seinen Oberarm). Können doch nichts aarweeten (arbeiten). Aba was sach ich… heut aarweetet ja eh keener mehr. Und ihr jungen Leute habt es trotzdem im Kreuz. Vom Sesselhocken habt ihrs im Kreuz, wa. Vernünftige aarweeten tut ja da keener mehr.“

 

Über die Vorteile der modernen Medizin:

Es sind ein paar Leute zum Frühjahrsputz gekommen, darunter ein netter, aber kauziger Kerl, der im empathischen Miteinander vielleicht nicht ganz so feinfühlig ist. Aber lest selbst:

Er: „Was hinkst denn du?“

Ich: „Weil ich was an der Hüfte hab.“

„Achso, ja… ist also immer da, wa. Ging das denn dann, mit der Geburt und so?“

„Ja, ging schon. Musste aber ein Kaiserschnitt gemacht werden.“

„Achso. Sonst wärs wohl nich durchjegangen, was.“

„Hmm.“ (das lass ich mal so stehen)

„Na, haste ja Glück gehabt, dass de in den modernen Zeiten heute lebst, wa? Sonst wärste jetzt hin, hättste nich überlebt früher. Elendigst vereckt wärste jetzt.“

Geht weiter.

Kein Scheiß. Wortwörtliche Konversation! Ich muss lachen, so abstrus war dieses Gespräch.

 

Über die Elterngeneration von heute 

Ein Gespräch mit einer sehr freundliche Nachbarin, die auch zum Frühjahrsputz gekommen ist. Sie hat selbst keine Enkel, hätte aber gern welche und hat natürlich auch eine Meinung über unsere Art der „Erziehung“.

Zum Stillen:

Sie: „Stillst du immer noch?“

Ich: „Ja, natürlich“

Sie: „Hmm. Kriegt sie (die Tochter) da überhaupt genug?“

Ich: „Ja, schon.“ (Wirklich unterernährt sieht die Tochter ja wirklich nicht aus und mit der Beikost haben wir ja auch schon begonnen.)

Sie: „Und wie lange willst du das noch machen?“

Ich: „Ach, ich weiß noch nicht…“

Dieser Frage weiche ich immer lieber aus… dabei könnte ich sie über die neueren Erkenntnis zum Thema Stillen aufklären, könnte erzählen, dass Muttermilch nahrhafter ist als Gemüsebrei. Dass der Grundbedarf an Nährstoffen der Kinder darüber gedeckt wird. Dass sich die Muttermilch an die Bedürfnisse des Kindes anpasst, es Rezeptoren in der Brustwarze gibt, die bei einem möglichen Infekt des Kindes eine Immunabwehr im Körper der Mutter anregen und diese die Abwehrstoffe bei den nächsten Milchmahlzeiten dem Kind zukommen lässt. Dass es morgens andere Milch gibt als abends, wo Hormone zugesetzt werden, mit denen das Kind zur Ruhe kommt und leichter einschläft. Dass es auch für die Mutter Vorteile gibt, das Risiko von Eierstock- und Brustkrebs gesenkt wird, die Mutter durch das beim Stillen freigesetzte Oxytoxin eine starke Bindung zum Kind bekommt und durch die Hemmung vom Stresshormon Cortisol stressresistenter ist.  Durch das Prolaktin wird das Schlafbedürfnis gesenkt, weshalb die stillende Mutter mit durchwachten Nächten besser klarkommt als die Mütter, die mit der Flasche zufüttern.

Außerdem ist Stillen viel mehr, als nur Nahrungsaufnahme: gestillte Kinder haben ein höheres Selbstwertgefühl als nicht gestillte Kinder und die intellektuelle Entwicklung des Kindes wird gefördert. Das erklärt sich durch die vermehrte Zuwendung durch die Mutter. Stillen schenkt dem Kind Geborgenheit und Sicherheit. Sie erfahren Nähe und können so Urvertrauen aufbauen. Die WHO empfiehlt übrigens eine Stilldauer von zwei Jahren und das durchschnittliche weltweite Abstillalter liegt bei vier Jahren.

 

Später, zum tragen:

Sie: „Du trägst sie wohl häufig?“

Ich: „Ja, schon.“

Sie: „Na, die muss ja auch mal im Laufstall liegen oder nicht. Du kannst sie ja nicht ewig tragen!“

Ich: „Naja, sie liegt ja auch manchmal im Laufstall. Aber wenn ich im Haus unterwegs bin, kann ich sie ja nicht alleine im Laufstall lassen.“

Sie: „Jaja, die Eltern von heute. Verwöhnen ihre Kinder viel zu sehr. Und was machst du, wenn du dann mal nicht mehr daheim bist? Wie lange willst du denn eigentlich noch daheim sein? Mutti kann ja auch nicht ewig daheim sein.“

Ich finde diese Kommentare immer so komisch. Ernsthaft, bloß weil man irgendwann nicht mehr daheim ist, soll man sein Kind schon vorher nicht tragen und liebhalten?

Ich könnte ihr erzählen, dass ich es genieße, die Tochter zu tragen und ihr damit das zu geben, was ein Baby braucht: Nähe und eine sichere Basis, von der aus das Kind sehen kann, was vor sich geht. So kann es direkt im Geschehen sein und ist doch vor zu vielen Reizen geschützt. Getragene Kinder leiden weniger häufig an Hüftdysplasien. Tragen fördert die Motorik, die Kinder lernen die Bewegungen der tragenden Person auszugleichen, können durchschnittlich ihren Kopf eher halten und haben einen besseren Gleichgewichtssinn, was ihnen beim Laufenlernen zugute kommt. Ich könnte ihr sagen, dass ich der Meinung bin, dass es Kindern mit einer sicheren Bindung zur Mutter und/oder zum Vater (durch viel Nähe) einfacher fällt, später fremdbetreut zu werden. Sie können offener auf fremde Personen zu gehen und sich schneller auf neue Situationen einlassen, wenn sie auf einen sicheren Hafen zurückgreifen können.  Es gäbe so viel zu diesem Thema zu sagen! Ich lasse es aber, denn meiner Erfahrung nach wollen die meisten bei ihrer vorgefertigten Meinung bleiben und da ist es mir die Mühe nicht wert.

Eigentlich sollte ich es aber versuchen. Wenn ich das nächste Mal auf diese Themen angesprochen werde (passiert ja oft genug, sogar die Frau an der Post hat eine Meinung dazu (Als ich letzte Woche mal mit dem Kinderwagen dort war: „Endlich darf das aarme Kind mal im Wagen liegen! Es tut mir immer so leid, wie es da zusammengestaucht im Tuch hocken muss! Im Wagen ist doch viel mehr Platz!“ …), werde ich versuchen, meine Beweggründe dazu zu erläutern. Mal sehen, was dann für Antworten kommen.

 



3 thoughts on “Übers stillen, tragen und andere Gespräche – Kauzige, absurde und immer wiederkehrende Themen”

  • Oh je, tut mir leid, dass du (mal wieder) auf so viel geballte Ignoranz stoßen musstest. Ich finde es selbst zwar bisher relativ einfach, Attachment Parenting zu leben – nicht weil ich es mir vorgenommen habe, sondern weil ich mich instinktiv so verhalten habe und erst später entdeckt habe, dass das Ganze auch einen Namen hat – aber die Erklärungen an die Außenwelt gestalten sich manchmal recht schwierig. Mir liegt es grundsätzlich fern, Leute zu missionieren, obwohl hier die Sache, um die es geht, das Kind nämlich, es das wert sein müsste. Denn oft denke ich bei Bekannten: dein armes Kind…
    Was ich aber mache: Ich schicke voraus, dass das jede Mutter/jeder Vater selbst entscheiden müsse, aber ich handhabe es so und so und halte bestimmte Praktiken aus bestimmten Gründen für überholt. Oder ich versuche, es einfach vorzuleben.
    Es ist schwer, bei einem Thema wie diesem diplomatisch zu sein – aber das müsstest du ja auch nur bei Menschen, die in der gleichen Situation stecken wie du. Wenn aber jemand daher kommt und meint, dich belehren zu müssen, kann man den getrost abwadschen. Ich weiß, soziale Gefüge der Kleinstadt usw. – aber hey: Ist der Ruf erst ruiniert… 😉

    Liebste Grüße

  • Ich habe mich sehr viel beschäftigt mit stillen/nicht stillen und bin immer wieder überrascht über bestimmte Argumente, die immer wieder pro-stillen auftauchen. Gestillte Kinder haben ein höheres Selbstwertgefühl als nicht gestillte Kinder? Gibt es da Untersuchungen oder Studien zu? Das würde mich interessieren…. wie auch immer man sowas messen will!! Wie will man herausfinden, wie viel höher das Selbstwertgefühl eines nicht gestillten Kindes wäre, wäre es gestillt worden?!

    • Hallo Ruth, danke für den Hinweis – ich hab das nochmal nachrecherchiert, es heißt in der Quelle: „Eine Erklärung für diesen Zuwachs an Intelligenz erklärt sich in der vermehrten Zuwendung der Mutter zum Kind: Es bekommt immer dann Hingabe, wenn es danach fordert. Psychologen haben nachgewiesen, dass dies das Selbstwertgefühl des Kindes steigert, so wären gestillte Kinder auch in späteren Jahren selbstbewusster und oft auch selbstständiger“.
      Du hast aber recht, ich glaube, das Wort Selbstwertgefühl ist hier im Bezug auf das stillende Kind fehl am Platz. Die stillende Mutter hingegen, das kann man öfter lesen, hat ein höheres Selbstwertgefühl. Und das lässt sich auch einfacher messen und untersuchen ;).
      Liebe Grüße,
      Veronika

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