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Die Helikopter-Grenze finden

Die Helikopter-Grenze finden

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Dieser Text fällt mir nicht so leicht, denn es ist ein sehr persönlicher. Es geht um ein Thema was mich manchmal umtreibt wenn ich unterwegs bin oder abends kurz vorm Einschlafen: Die Angst, dass dem Kind etwas zustoßen könnte.

Gestern Abend lag ich wieder sehr müde im Bett und habe der regelmäßigen, ruhigen Atmung meiner Tochter gelauscht. Manchmal atmet sie ganz leise und dann beuge ich mich immer kurz vorm Einschlafen nochmal über sie, um zu kontrollieren, dass sie schön atmet. Bei der ganzen Aufklärung über den plötzlichen Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome – SIDS) ist bei mir viel Angst davor hängen geblieben. Die Kinder sollen auf dem Rücken schlafen, im gleichen Zimmer wie die Eltern, es soll nicht geraucht werden, in einem kühlen Schlafzimmer genächtigt werden und stillen schützt angeblich auch. All diese Vorgaben halten wir ein, alle davon auch intuitiv, vor allem das Rauchen erklärt sich von selbst. Und trotzdem bleibt bei mir eine Unsicherheit zurück, denn warum Babys im ersten Jahr plötzlich sterben müssen weiß man nicht so genau.

In meinem engeren Umfeld kenne ich zwei tragische Fälle, die mich oft beschäftigen. Der eine ist ein Fall von SIDS, ein sechs Monate alter Junge, der vom Mittagsschlaf nicht mehr aufgewacht ist. Das zweite ein 2-jähriges Mädchen, das, auch beim Mittagsschlaf, den Kopf zwischen die Gitterstäbe ihres Kinderbetts gebracht hat. Die Eltern waren im Nebenzimmer und haben nichts mitbekommen.

Ich weiß wie es ist einen geliebten Menschen zu verlieren und ich halte sehr engen Kontakt zu meiner Familie, die ja so weit weg wohnt. Das ist auch eine Art Kontrolle, wenn mein Bruder sich mal zwei Tage nicht meldet, was selten vorkommt, schreiben meine Mutter und ich uns gegenseitig, ob der andere was gehört hat. Und wenn ich nicht schreibe kommt auch ein kurzes „alles gut bei dir?“, worauf ich immer antworte und wenn es nur ein kurzes „ja, passt alles“ ist.

Ein anderes Kaliber ist es jedoch, das eigene Kind zu verlieren. Das möchte ich mir gar nicht vorstellen. Mit der Angst davor muss man leben, denn je größer die Kinder werden, desto weiter wird ihr Bewegungsradius und schließlich muss man sie ja auch flügge werden lassen. Als sich in der Grundschule der Schulweg zu einem Entdeckungspfad mit feuerspeienden Drachen zwischen den Gehwegritzen, verschlungenen Geheimwegen und schiefen Bäumen, an denen man nicht vorbeigehen konnte, ohne draufzuklettern, verwandelte, brauche ich für den 15 minütigen Weg manchmal 1,5 Stunden. Klar, dass sich meine Mutter da Sorgen machte. Und als mein Bruder dann in dem Alter war, stand auch ich oft am Gartentor und hab nach ihm Ausschau gehalten. Dabei haben wir in einer „sicheren“ Gegend gewohnt. Wie wird das mit dem eigenen Kind? Wie bleibt man entspannt?

Vor längerer Zeit haben mein Mann und ich mal eine Doku über amerikanische Kinder gesehen, die von den Eltern so behütet wurden, dass sie den 1 km Schulweg mit dem Auto gebracht wurden, noch nie alleine draußen gespielt hatten und die Kinder in der Nachbarschaft sich nicht einfach spontan zum spielen abgeholt haben, sondern immer von den Eltern organisiert gebracht/geholt wurden. Das fand ich damals ganz schlimm. Heute kann ich die Eltern ein bisschen besser verstehen, aber die Selbstständigkeit der Kinder und ihr Drang, auf eigenen Füßen die Welt zu entdecken muss da drüber stehen denke ich. Das ist eine wichtige Aufgabe für uns Eltern: die Grenze zu finden zwischen behütet aufwachsen lassen und nicht zu Helikopter Eltern zu werden.

Ich hoffe, man wächst da rein. Bis dahin lausche ich den Atemzügen meiner Tochter und bereite mich schon mal mental aufs krabbeln vor… Die ganzen Tischkanten und Treppen, das wird schon mal eine gute Übung!



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