über: junges familienleben, nachhaltiges und gemeinschaftliches leben, gehbehinderung, bedürfnisorientiertes aufwachsen

Wenn man im Durchhänger hängenbleibt

Wenn man im Durchhänger hängenbleibt

img_20170214_210539 Jeder hat mal einen schlechten Tag. Das ist auch ganz gut, um zwischendurch wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen und sich danach zu freuen, dass alles ja doch nicht so schlimm ist, wie man dachte und das Leben eigentlich doch ganz schön ist. Wenn auf einen schlechten Tag dann noch einer folgt und noch einer, und man plötzlich eine ganze Woche voller schlechten Tage hat, dann wird es anstrengend. Ich stelle dann oft sehr viel in Frage; bin mit unserer Wohnsituation unzufrieden, mit dem Arbeitsaufteilungs-Modell, das wir gewählt haben, stelle meine Fähigkeiten als Mutter in Frage und bin rundum genervt und unzufrieden.

Die letzte Woche war so eine Woche. Es kam viel zusammen, wir kamen aus NRW zurück und ich lag erstmal krank im Bett. Dann ging es mir wieder ein bisschen besser als mein Mann krank wurde. Ihn hat es richtig erwischt, drei Tage lag der Arme mit Fieber im Bett. Die Tochter war sehr anhänglich und wollte keine zwei Minuten alleine spielen, sondern immer Unterhaltung, am liebsten rumgetragen werden und ich war noch angeschlagen und lief nur auf Sparflamme. Vielleicht war sie gar nicht so viel fordernder als sonst und nur durch meine Kraftlosigkeit hat es sich so angefühlt. Gestern war ich dann am Tiefpunkt angekommen, wollte meinen Mann überreden, dass wir ins Rheinland ziehen zu seinen Eltern, die Tochter in der Kita anmelden und erst in (gefühlt) zehn Jahren das zweite Kind. „Ich häng im Durchhänger durch“, habe ich ihm abends völlig übermüdet erklärt. Und das er „die Heizung noch zusperren“ soll – ich meinte die Haustür. Ich war einfach zu müde und hatte Angst vor der Nacht, dass die so anstrengend würde wie die Nächte davor. Denn dann würde es sich gefühlt einfach gar nicht lohnen, schlafen zu gehen. Alle zwei Stunden stillen, dazwischen aufgeweckt werden, wegen der Luft, die quer sitzt, oder wegen fehlendem Körperkontakt, oder wegen irgendetwas anderem. Es gab das erste Mal, wo ich nachts richtig sauer war, stinkewütend, weil ich einfach nicht wusste, was das Kind wollte und brauchte und nicht verstehen konnte, warum es nicht einfach schlief. Ich wollte einfach mal zwei Stunden am Stück schlafen! Scheinbar so gering sind die Ansprüche junger Eltern, aber wenn die Kinder andere Bedürfnisse haben, stellt man sogar die noch hinten an. Was bleibt einem auch anderes übrig? Wenn man das den älteren Generationen erzählt, schlagen die oft die Hände überm Kopf zusammen. „Das hätte es bei uns nicht gegeben!“, oder (mit Verwöhn-Vorwurf) „Naja, musst du wissen…“, wenn ich erzähle, dass meine Tochter wieder nur auf meinem Bauch geschlafen hat. Ich frage mich dann immer, wie das denn ging, dass man es so nicht gemacht hat. Die Kinder früher hatten doch auch die gleichen Bedürfnisse. Wurden die einfach ignoriert? Die Kinder nachts schreien gelassen? Das hält man doch nicht aus als Mutter, da kann man dann doch genauso wenig schlafen. Bevor ich wegen einem weinenden Kind gar nicht schlafe, schlafe ich doch etwas unbequem mit Baby am Bauch. Und manchmal finde ich es ja auch super schön und genieße es. Nur nicht jede Nacht die ganze Nacht. Dafür schlafe ich zu gern auch mal auf der Seite oder auf dem Bauch. Und ich denke mir immer, das wird auch wieder anders werden. Da ist gerade was im Busch, das Kind wächst, macht einen Schub, lernt ganz viel und muss das eben nachts an Mamas Busen verarbeiten. Das ist in Ordnung. Man schläft dann tagsüber bisschen mehr mit dem Kind mit, das Chaos in der Wohnung breitet sich aus, die Haare werden fettiger, die Küche einfacher, das Kind wird mit mäßigem Enthusiasmus bespielt, man fühlt sich deswegen wie eine schlechte Mutter und fragt sich, wie machen Alleinerziehende das?? Ich hab wirklich größten Respekt vor jeder Frau und jedem Mann, der ein Kind alleine großzieht. Wie macht ihr das?? Wann duscht ihr in Ruhe? Wie kocht ihr regelmäßig und abwechslungsreich? Wie tankt ihr eure Akkus wieder auf?

Schafft ihr es, um Hilfe zu fragen? Ich bin da ja ein schwieriger Fall. Wir haben keine Familie in der Nähe, wo ich die Tochter mal abgeben könnte. Aber wir haben ganz liebe Mitbewohner, die sie sehr gerne mal abnehmen würden. Wir haben auch Freunde, die bestimmt mal eine Stunde oder zwei aufpassen würden. Aber ich kann mir das immer noch nicht vorstellen sie in „fremde“ Hände zu geben. Und auch das um-Hilfe-bitten fällt mir schwer, genauso wie Hilfe-annehmen. Daran muss ich arbeiten. Das Kind ist so ein Sonnenschein und hätte seine Freude daran, mal von jemand anderes als Mama und Papa betreut zu werden. Und irgendwann (so mit zwei Jahren) soll es ja auch in die Kita gehen. Da muss man als Mama vorher auch loslassen üben.

Bei mir ist der Durchhänger jetzt ein Stück weit überwunden. Die letzte Nacht war besser, ich durfte sogar einmal drei Stunden am Stück schlafen. Heute war ich mit der Kleinen den ganzen Tag unterwegs, war an der Uni und die Tochter hat ganz brav bei der Verteidigung einer Bachelorarbeit zugehört. Danach bei einer lieben Freundin mit guten Gesprächen und leckerem Schokokuchen wieder Kraft getankt und noch einen langen Spaziergang in der Sonne gemacht. Daheim ein Mann, der sich den Tag über noch geschont hat, und wieder fast ganz gesund ist. Bei solchen Durchhängern hilft es mir immer am meisten, wenn ich mit der Tochter etwas unternehme, liebe Freunde besuche und neuen Input bekomme. Dafür ist mein soziales Netz hier immer noch zu klein. Da weiß ich nicht, wen ich spontan fragen kann, und meine zwei, drei guten Studi-Freundinnen hier haben auch nicht so oft Zeit. Aber ich hoffe, dass ich bald mehr liebe Mamas kennen lerne und man dann zusammen die Akkus wieder aufladen kann.

Und jetzt, wo ich eine bessere Nacht hatte und einen schönen Tag kann ich mich wieder auf die nächsten Tage mit ihren Herausforderungen freuen. Es gilt einen kleinen Menschen zu begleiten, ihn durch die lernintensive Zeit zu führen. Es gilt als Eltern da zu sein mit der Kraft, die wir haben, damit all die neuen Eindrücke und Erfahrungen verarbeitet werden können. Und es gilt die ruhigeren Tage für uns Eltern zum Kraft tanken und Akku aufladen zu nutzen und wert zu schätzen. Es ist nicht immer alles anstrengend. Es gibt anstrengende Zeiten mit Durchhänger und danach kommen wieder bessere Zeiten. Manchmal bleibt man ein bisschen im Durchhänger hängen, aber mit ein bisschen Durchhaltevermögen und Hilfe findet man (hoffentlich) wieder heraus.



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