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Warum, wieso, weshalb – Alles über das Containern

In diesem Blogbeitrag habe ich erwähnt, dass wir Containern waren. Da das bei vielen Menschen immer noch auf Ekel und Unverständnis stößt, möchte ich heute erklären, warum wir das machen. 

Warum wir Containern

Genaue Zahlen, wie viele Lebensmitteln in Deutschland von den Supermärkten weggeschmissen werden, habe ich nicht gefunden, aber der Bundesverband des deutschen Lebensmitteleinzelhandels schätzt, dass es etwa 2% der Waren sind. Das sind rund 20 Tonnen an Lebensmitteln im Jahr; dazu kommt jeder deutsche Verbraucher im Jahr auf 82 Kilogramm Lebensmittel-Müll (Studie der Uni Stuttgart), das sind auf das Land hochgerechnet nochmal 6,7 Millionen Tonnen. Die ungleiche Verteilung von Essen auf dieser Welt, in der einwandfreie Lebensmittel ignorant weggeworfen werden, während in vielen Teilen der Welt und auch in Deutschland Menschen Hungern müssen, ist eine Motivation für das Containern.

Eine andere ist, das jedes produzierte Lebensmittel Ressourcen verbraucht: Wasser, Energie, Boden. Wenn diese Lebensmittel den Verbraucher gar nicht erreichen, da eine einzelne Tomate in der Verpackung verschimmelt ist, die Äpfel eine Delle haben, das Verpackungsdesign veraltet ist, eine Sonderaktion ausläuft, eine neue Lieferung kam und alte Ware keinen Platz mehr hat, oder eine Sahne kaputt geht und über andere Produkte gegossen wird, die dadurch auch „wertlos“ werden, oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten wurde, wurden die Ressourcen dafür umsonst verbraucht. Vor allem bei Tierprodukten wie Milch, Eier und Fleisch erscheint mir das Wegwerfen besonders sinnlos. Mein Mann und ich würden uns ohne das Fleisch aus dem Container vegetarisch ernähren, da wir kein Fleisch kaufen. Schließlich regelt die Nachfrage das Angebot. Fleisch aus dem Container essen wir, und davon gibt es immer so viel, dass wir nicht alles mitnehmen wollen und können.

Der finanzielle Vorteil durch das Containern spielt bei uns eine untergeordnete Rolle. Wir essen gerne frisches Gemüse und Obst und kaufen das auch regelmäßig ein; in Bio-Qualität und möglichst regional. Biogemüse aus Neuseeland macht auch wenig Sinn, aber das ist ein anderes Thema. Bei unseren Mitbewohnern sieht die Sache ein bisschen anders aus, die ernähren sich quasi ausschließlich vom Containern, weshalb es eben das gibt, was in der Tonne landete und keinen Kartoffelauflauf, wenn man da grad Lust darauf hat. Wir nutzen das Containerte Essen als Zusatz gerne, und müssen dadurch natürlich auch weniger einkaufen, aber für uns steht beim Essen ganz klar auch der Genuss im Vordergrund, und wenn der nicht gegeben ist, gehen wir ins Geschäft und kaufen ein.

Gesundheitliche Bedenken bei Containern

Containern ist keine besonders schöne Sache. Bei manchen Supermärkten sind die Mülltonnen sauber, und erscheinen hygienisch, bei anderen wühlt man tatsächlich im Müll. Ich würde Einmalhandschuhe empfehlen und wenn ihr abends Containern geht eine Stirnlampe, damit ihr die Hände frei habt. Außerdem Tüten, die ihr nur fürs Containern benutzt. Im Winter sind die gesundheitlichen Risiken gering, da die Kühlkette nicht unterbrochen wird. Im Sommer bin ich sehr vorsichtig, und während ich schwanger war, habe ich gar nichts Containertes gegessen. Das Risiko wollte ich nicht eingehen, obwohl noch niemand von uns jemals Magen-Darmprobleme hatte. Jetzt, wo ich noch stille, esse ich nur Dinge, deren Verpackung noch einwandfrei war, bei denen das MHD nicht allzu weit überschritten ist und die von Geruch/Aussehen einwandfrei erscheinen. Außerdem wird alles gewaschen und gekocht oder gebraten. Auch da ist die Hemmschwelle bei uns Bewohnern ziemlich unterschiedlich und mein Mann und ich sind am „mäkeligsten“ mit dem Essen, aber das muss ja auch jeder für sich entscheiden. Wenn wir Besuch haben sagen wir auch, wenn etwas Containert ist, und wenn die Person das dann nicht essen möchte, ist das vollkommen verständlich. Es ist sicher nicht jedermanns Sache.

Rechtliche Sachlage

Gesetzlich klar geregelt ist der Hausfriedensbruch, wenn die Container und Mülltonnen durch einen Zaun geschützt sind. Sind sie mit Schlösser versehen ist der Tatbestand des besonders schweren Diebstahls erfüllt. So weit, so gut.

Stehen die Container aber (wie meistens) einfach offen auf dem Parkplatz des Supermarktes, wird die Rechtssprechung schwammig. Während Hausmüll als Eigentumslos gilt, wurde bei Supermarktmüll noch keine Rechtssprechung bezüglich der Eigentumsverhältnisse durchgeführt. Um etwas stehlen zu können, muss es sich im Eigentum von jemand anderem befinden. Geht man davon aus, dass Supermarktmüll wie Hausmüll herrenlos ist, kann man ihn auch nicht stehlen. Nichts desto trotz kann es zu einer Anzeige wegen Diebstahl kommen, die aber ziemlich wahrscheinlich wieder fallen gelassen würde. Ich persönlich wurde noch nie erwischt, mein Mitbewohner wurde sogar schon einmal von einem Supermarkt-Mitarbeiter gelobt, anstatt weggeschickt. Man versucht aber trotzdem, die Begegnungen mit Mitarbeitern zu verhindern.

Wann wir containern

Um den Kontakt mit dem Personal zu verhindern, containert man am besten mindestens eine Stunde nach Ladenschluss. Am angenehmsten ist es Sonntags oder an Feiertagen, da kann man auch tagsüber containern gehen. Nach einer Weile weiß man auch, wann die Leerungszeiten sind, wann es Sinn macht zu gehen und wann nicht. Vor verlängerten Wochenenden, Weihnachten, Silvester oder Ostern gibt es immer wahnsinnig viel.

Was wir containern

Das, was wir Containern, ist eigentlich das erschreckenste: meistens unbeschadete Sachen! Unglaublich viel Fleisch (gestern waren zum Beispiel 10 (ich übertreibe nicht!) Packungen Hackfleisch, bei dem das MHD um einen Tag überschritten war, in der Tonne, außerdem Wiener Würstchen, fünf Packungen Bio Schweine-Nackensteak, fünf Packungen Bio Kasseler Braten, ein ganzer Rollbraten, eingelegte Putensteaks, verschiedene Wurst Aufschnitte, und  noch etliches mehr. Es tut weh, die einwandfreien Sachen dort zu lassen, aber unsere Kühltruhe ist eh schon randvoll mit containertem Fleisch, denn wirklich viel essen wir auch nicht. Wir haben jetzt angefangen, die Sachen dem Hund von einem Freund zu geben. Der freut sich darüber….), immer viel Joghurt, Sahne, Quark, Creme fraiche, etc.. Mandarinen und Orangen (ist eine im Beutel kaputt, wird der ganze Beutel weggeschmissen). Gestern war total viel Ritter Sport mit Tortilla Chip Geschmack in der Tonne (jetzt wissen wir auch, warum das niemand kauft, schmeckt nämlich nicht besonders gut), außerdem eine ganze Fuhre Tiefkühlgemüse, Spinattaschen, tiefgekühlter Fisch wie Schlemmerfilet, etc.. Salzstangen, ein paar Packungen Nudeln, jede Menge Lauch, Weintrauben, Zitronen, Avocados (werden auch sehr oft weggeworfen), außerdem öfter mal Milch, Kekse, und Brot. Ganz viel würde man auch richtig ungesundes Zeug finden, wie super süße Joghurts, Wackelpuddings, Milchbrei, Sahne-Joghurts, Croissants mit Schokolade gefüllt, … Nachdem das bei uns aber nie jemand essen wollte, lassen wir die Sachen jetzt in der Tonne. Auch wenn es manchen Mitbewohnern sehr schwer fällt; sich das Zeug reinzuzwängen macht auch keinen Sinn.

Ausblick

Über das Thema Containern gibt es eine interessante Fernsehdokumentation,  Taste the Waste, unter trashwiki.org findet ihr Informationen zum Containern in anderen Ländern und es gibt auch etliche Foren zu dem Thema.

Zum Thema Wegwerfgesellschaft habe ich unter diesem Link bei „Zu gut für die Tonne“ Informationen gefunden, auch Zeitungen berichten häufig über das Thema, zum Beispiel Die Welt hier.



2 thoughts on “Warum, wieso, weshalb – Alles über das Containern”

  • Hallo Veronika,

    ich finds krass wie viel Lebensmittel tatsächlich noch in der Tonne landen, statt gespendet zu werden. Leider wird die Tafel von einigen Supermarkt-Ketten oder Gewerbetreibenden auch als kostenlose Alternative zur Müllabfuhr (inkl.Spendenquittung) genutzt. :/

    Containern ist nicht so mein Ding. Aber ich kann nichts Falsches daran finden, wenn Lebensmitten, die nicht mehr verkauft werden sollen, sinnvoll genutzt werden.

    Viele grüße,
    Ralf

    • Hallo Ralf,

      ich finde auch, dass Lebensmittel gespendet werden sollten. Vor allem die Mengen an Fleisch, die immer in den Tonnen zu finden sind, machen mich wirklich wütend.
      Meine Sache ist Containern auch nicht wirklich. Aber Lebensmittel retten ist eine sinnvolle Sache. Ich habe mich mal bei Foodsharing angemeldet, da kann man mit örtlichen Supermärkten kooperieren, um die Lebensmittel zu bekommen, bevor sie in der Tonne landen und dann weiter verteilen. Leider hab ich das dann irgendwie nicht mehr weiterverfolgt. Aber das wäre mal ein guter Vorsatz!

      Viele Grüße
      Veronika

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