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Brief an meinen Papa

IMG_20170115_160544.JPGLieber Papa,

jedes Ende birgt einen neuen Anfang. Als du starbst fühlte es sich an wie das Ende der Welt. Die Zeit schien still zu stehen, die Alltagssorgen saßen vernachlässigt in der Ecke und verkamen zur Bedeutungslosigkeit. Weil sich dein Tod nicht durch Krankheit angekündigt hatte, bei der man den Gedanken zwar verdrängt, aber er in dunklen Momenten sich doch in die hintersten Hirnwindungen eingeschlichen hat, sondern urplötzlich zuschlug, wurden wir, die Hinterbliebenen, vom abrupten Ende überwältigt.

Vor fünf Jahren am 17.Januar haben mein Bruder und ich ein Elternteil verloren. Meine Mutter ihren Ehemann. Verwandte ihren Onkel, Neffen, Sohn. Freunde ihren Freund. Kollegen ihren Kollegen. Nachbarn ihren Nachbarn. Ein Mensch trägt so viele Rollen in sich, und das Loch, das er hinterlässt wenn er von uns geht, ist nicht ein kleines, rundes Mauseloch in einer Familie, sondern ein ganzer Krater, der bei allen Spuren hinterlässt.

Papa, du wurdest ohne Vorwarnung aus dem Leben gerissen – hast du etwas geahnt? Du hast uns als Familie sprachlos zurückgelassen. Mama rief mich mitten in der Nacht an. Ich dachte erst, es wäre ein schlechter Traum und sie musste mir mehrmals versichern, das es kein Albtraum wäre. War es ja doch, aber ein Albtraum innerhalb der Realität. Erst als sie sagte, dass mein kleiner Bruder am Sofa liegen würde, sie eine Kerze angezündet hätten und das Mozart-Requiem anhören würden, traf mich die Wahrheit mit voller Wucht und ich war mit einem Schlag hellwach. Es war fünf Uhr morgens. Ich war an meinem damaligen Studienort in Salzburg, du hattest am Wochenende noch meinen Geburtstag mit mir gefeiert und mich am Tag vorher noch zum Zug gebracht. Ich erlebte die zwei Stunden, bis der nächste Zug ging, wie eine ewig zähe Masse aus nicht vergehender Zeit. Dann fuhr ich über München nach Hause, was ich sonst nie tat, hörte Musik, die ich bis heute noch nicht wieder anhören kann, führte Telefonate mit Verwandten und Freunden, einfach um irgendetwas zu tun, und um das Unbegreifbare greifbar zu machen. Dann die Ankunft zu Hause, wo sich die engsten Freunde und Schwestern meiner Mutter versammelt hatten, um uns beizustehen. Um irgendetwas zu tun, verfiel ich in einen Aktionismus und nahm meiner Mutter Telefonate ab, rief deinen besten Freund an, der seitdem mit Lissabon wahrscheinlich keine so guten Erinnerungen mehr verbindet; deine Schwester in Japan versuchte ich per Skype zu erreichen und obwohl ich die Nachricht weitergab, konnte ich es selbst nicht glauben. Noch heute denke ich wenn ich einen Dieselmotor höre manchmal automatisch, dass du jetzt von der Arbeit nach Hause kommt. Noch heute denke ich, jetzt bist du wieder da, wenn ich das Klirren des Schlüsselbundes am Fensterbrett höre, den mein Bruder auf die gleiche Weise abwirft. Es ist viel seltener geworden, wahrscheinlich auch deshalb, weil ich seltener zuhause bin, aber es kommt immer noch regelmäßig vor, dass ich denke, du kommst wieder nach Hause.

Der Schmerz des Verlustes kam mit dem Tag der Beerdigung. Durch den Gottesdienst, den Friedhofsgang und dem anschließenden Totenschmaus wurde der Tod viel realistischer und der Schmerz wurde so groß wie die schwarzen Löcher im Universum. Wie ein gigantischer Riese warf der Schmerz seinen Schatten auf uns als Familie und es dauerte eine ganze Weile, bis wir die Kraft wiederfanden, uns einen Weg aus dem Schatten in die Sonne zu erkämpfen. Im ersten Jahr war der Schmerz ein bohrender, stechender, fieser Begleiter, der in den unpassendsten und kleinlichsten Momenten auftauchte und mich in seinen Fängen hielt. Langsam fing man nach ein paar Monaten wieder an zu Leben, auch wenn man sich gedacht hatte, wieso vergeht die Zeit noch, wie kann das sein? Das Leben müsste doch stehen bleiben, es ist am Ende. Das einzig sinnvolle wäre, wenn das Leben stehenbleiben würde. Aber das Leben blieb nicht stehen, es ging weiter. Stattdessen fing eine neue Zeitrechnung an. Wenn ich mich jetzt an Dinge erinnere, oder wir in der Familie versuchen, etwas zeitlich einzuordnen, kommt es oft vor, dass wir es in die Zeit mit Papa oder ohne Papa einordnen.

Im nächsten Jahr wurde der Schmerz erträglicher, war weniger oft präsent und verschwand manchmal sogar für ein paar Tage. Die Abstände, in denen der Schmerz seinen Schatten auf mich warf, wurden immer größer, der Verlust erträglicher. Mein Bruder wurde gefühlt über Nacht erwachsen, übernahm Verantwortung, hatte alles Teenagerhafte mit einem Schlag hinter sich gelassen und war erwachsen. Er machte seinen Schulabschluss, fing eine Ausbildung an. Meine Mutter ließ alte Pärchen-Freundschaften schleifen, und verstärkte Bekanntschaften mit anderen alleinstehenden Frauen zur Freundschaft. Sie renovierte das Haus, räumte um und auf und baute sich nach 30 Jahren Beziehung und 24 Jahren Ehe ein neues Leben auf. Ich brach mein Studium ab, zog zurück nach Hause, machte ein Praktikum an deiner Arbeitsstelle und nahm auf diese Weise von dir Abschied und konnte dadurch plötzlich eine Leidenschaft für deinen Beruf erfahren, die ich vorher nicht zulassen konnte. Dein Platz war in dem Feld zu übermächtig gewesen, als dass ich es gekonnt hätte, mich dort wiederzufinden. Nachdem mich mein zweites Studium nicht erfüllte und ich mich leer und ausgebrannt fühlte, traf ich die für mich sehr schwere Entscheidung, wieder von Zuhause auszuziehen und in den Osten von Deutschland zu gehen, um dort das zu studieren, was ich eigentlich wollte. Ich erlernte deinen Beruf, und trat in deine Fußstapfen.

Lieber Papa, mit diesem Text möchte ich mich bei dir bedanken. Ich bin mir sicher, du bist irgendwo da draußen und schaust uns zu. Seit deinem Tod habe ich vielleicht insgesamt fünf Mal von dir geträumt, das letzte Mal als ich mit meiner Tochter, deiner Enkelin, schwanger war. Ich glaube, dass du mich damit hast wissen lassen, dass du noch irgendwo da bist, uns zuschaut, und uns begleitet.

Ich möchte dir danken für die Geduld, mit der du mir als Kleinkind die Hand beim Einschlafen gehalten hast. Für die endlosen Male, die ich auf deinem Schoß sitzen durfte, selbst als ich schon viel zu groß dafür war. Für die langen Abenden bei Freunden, bei denen du immer gern länger bliebst und auch wir Kinder oft lange aufbleiben durften. Für deine tollen Geschichten vorm Einschlafen, für deine Ausdauer beim Vorlesen der dicksten Bücher und deiner Liebe zu Büchern. Für endlose Samstagnachmittage im Büchergeschäft, wo wir einfach nur lasen und blätterten und uns gegenseitig Bücher zeigten, und oft gar nichts kauften sondern nur genossen. Für deine Liebe zur Natur und die zahlreichen Ausflüge ins Grüne. Für Urlaube, bei denen ich heute noch den Duft der Zitronenbäume in der Nase habe (Albenga), die besonders prunkvoll (der Allgäu-Urlaub mit den König Ludwig Schlössern), besonders anstrengend (alle Wandertouren… es waren etliche….), besonders verschneit (Skifahren am Glungezer…), besonders durchwachsen (im Tessin) oder besonders einmalig (British Columbia) waren. Papa, ich möchte mich bedanken für die endlosen Nachmittag des Mathe-übens, die einfach keine Früchte zeigen wollten, für die Ausdauer mit der du Hausaufgaben mit mir gemacht hast und gelernt hast. Für die unzähligen Male, wo du mich in der Stadt oder bei Freunden abgeholt hast, egal zu welcher Uhrzeit. Für die transatlantischen Telefonate zu später Stunde, für dein Anfeuern am Spielfeldrand bei Fußballspielen. Für dein Akkordeonspielen und dein Zuhören beim Musikmachen. Danke, dass ich immer auf deine Seite ins Bett schlüpfen durfte, du mir immer meine kalten Hände und Füße gewärmt hast. Danke für deinen Brief zu meiner Geburt, für dein immer offenes Ohr – Danke für deine Liebe.

Das Ende deines Lebens war der Anfang eines Lebens ohne Papa. Ich bin der Überzeugung, dass alles im Leben einen Sinn hat. Bei manchen Schicksalsschlägen muss man etwas lernen, bei anderen muss man gehen lassen und immer muss man weiter an das Leben glauben. Mit deinem Tod kam ich zu meinem Interesse an deiner Arbeit, zu meinem Studium an einem neuen Ort, traf meinen Partner, mit dem ich alt werden möchte und bekam meine Tochter. Vielleicht wäre das auch mit dir alles so passiert, und dann könntest du jetzt deine Enkelin kennenlernen und wärst der beste Opa der Welt. Vielleicht konnte es aber mit dir nicht passieren, und du musstest Platz machen für einen neuen Anfang. Das ist ein furchtbar trauriger Gedanke, denn es würde bedeuten, dass ich „Schuld“ bin. Aber das glaube ich nicht, ich denke nur, dass aus jedem Schicksalsschlag irgendwas etwas Neues geboren wird. Du hast das Leben genossen, du hast uns mitgegeben, wie schön Abende mit Freunden sind, wie wichtig es ist, politisch informiert zu sein, sich eigene Gedanken zu machen. Dank dir haben wir gelernt offen zu sein, für jeden Menschen und jede Einstellung. Dank deiner und Mamas Beziehung sind auch mein Bruder und ich in der Lage intakte Beziehungen zu führen und sind weder scheidungs-geschädigt noch Beziehungs-ängstlich. Du hast deine Schwächen nicht versteckt, sondern sie zugelassen und offen mit uns darüber geredet. Ich habe dir so viel zu verdanken, und ich hätte dir gerne gesagt, wie dankbar ich dir bin. Ich hätte dir gerne noch so viel gesagt und dich so viel gefragt. Die Zeit, die wir hatten war viel zu kurz. Die Zeit ist immer zu kurz.

Papa, ich hatte und habe dich unglaublich lieb und ich danke dir von Herzen für die 20 Jahre, in denen du für mich da warst. Ich werde dich nie vergessen.

Deine Tochter



1 thought on “Brief an meinen Papa”

  • Oh was für ein ergreifender Text, da stehen mir die Tränen in den Augen. Es ist sicher immer noch sehr hart, aber deine Sichtweise gefällt mir und hilft dir sicher auch, nach vorn zu schauen. Alles Gute dir, ich werde immer mal vorbei schauen hier.
    Liebe Grüße Claudia

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